TIFF 2015: emotionale Tornados (II)

Ein Rückblick auf die 14. Auflage des Internationalen Filmfestivals in Klausenburg

Freitag, 26. Juni 2015

Rumänischer Wohnblock-Thriller: „Un etaj mai jos“ in der Regie von Radu Muntean (im Foto: Teodor Corban und Iulian Postelnicu).
Foto: TIFF

Rumänischer Minimalismus und Spannungsrezepte aus dem Iran

Die letzten vier Tage Tiff sind als „Tage des rumänischen Films“ bekannt. In diesen Tagen kann man die neuesten rumänischen Produktionen sehen, noch bevor sie in die Kinos kommen. Die Premieren finden gewöhnlich bei übervollem Saal im Florin-Piersic Kino statt. Die am meisten erwarteten Filme waren in diesem Jahr „Autoportretul unei fete cuminţi“(Regie Ana Lungu) und „Un etaj mai jos“ (Regie: Radu Muntean). Der erste Film ist eine „Coming of Age“-Story und handelt von einer Situation, die in Rumänien oft anzutreffen ist: Mit dreißig ist man noch ein verspäteter Teenager. Die Eltern zahlen die Miete, man hat keinen richtigen Job und verlängert das Studium, die Liebesbeziehungen scheitern eine nach der anderen. Cristiana, die Hauptfigur des Films, gespielt von Elena Popa, hat Probleme: der Vater will ihr kein Geld borgen, damit sie sich einen 1000 Euro teuren Hund kauft, ihre beste Freundin stiehlt Plüschtiere aus dem Supermarkt, sie selbst steckt in einer aussichtslosen Dreiecksbeziehung. Der Zuschauer begleitet die junge Frau durch den Alltag und bemerkt nach fast anderthalb Stunden, dass sie plötzlich erwachsen geworden ist. Wie es dazu gekommen ist, weiß man nicht.

Der zweite Film behandelt zwar ein viel ernsteres Problem, bearbeitet die Story aber in der gleichen minimalistischen Weise, wie es die Zuschauer schon seit 10 Jahren gewohnt sind. Ein Mann ist Zeuge eines Mordes, der in seinem Wohnblock passiert. Als die Polizei kommt, beschließt er, sich nicht einzumischen und sich von der ganzen Sache fernzuhalten. Das kann jedoch der vermeintliche Täter nicht begreifen. Ein Katz-und-Maus Spiel zwischen Täter und Zeuge beginnt. Und endet abrupt. „Ich war nicht an der Polizeiermittlung interessiert und auch nicht am Motiv der Tat. Ich wollte das Geschehnis mit den Augen eines Zeugen berichten“, erklärte der Regisseur Radu Muntean beim Publikumsgespräch nach der Projektion. Der Film stellt interessante Fragen, mit denen man sich beschäftigt, auch lange nachdem man den Kino-saal verlassen hat. Trotzdem scheint er nach einem minimalistischen Erfolgsrezept gemacht zu sein und kann sich an manchen Stellen kaum von anderen rumänischen Filmen der letzten Dekade unterscheiden. Deshalb auch die Bemerkung einer Zuschauerin beim Ausgang: „Es war interessant, aber ich habe keine Lust mehr anzuschauen, wie jemand minutenlang eine Suppe isst“.

„Was hätte ich in derselben Situation getan?“ Diese Frage stellt man sich auch, nachdem man den iranischen Film „Melbourne“ gesehen hat. Auch die Filme aus dem Iran scheinen nach einem Rezept konstruiert zu sein. Während man bei „Un etaj mai jos“ etwas zu häufig auf die Uhr schaut, vergehen die 90 Minuten des Films „Melbourne“ wie im Flug. Stellen Sie sich vor: Sie fliegen in 9 Stunden nach Australien, um ein neues Leben zu beginnen. Die Möbel müssen abgeholt werden, Flugticket und Visum sind längst bezahlt. Plötzlich merken Sie, dass das Baby, das ein Nachbar für einige Stunden in Ihrer Wohnung gelassen hat, tot ist. In dieser Situation befinden sich die zwei Hauptdarsteller des Films. Sie bilden ein Netz aus Lügen, in dem sie sich immer mehr verstricken und aus dem sie schließlich herauskommen. Aber nicht ohne Folgen. „Melbourne“ ist ein Film über menschliche Fehler, Schuld und Gewissen, und wie sich das Leben von einer Minute zur anderen ändern kann. Trotz „Erfolgsrezept“ ist er absolut sehenswert. Mani Haghighi, einer der Hauptdarsteller, hätte vielleicht auch einen Preis für den besten Darsteller verdient.

Kurz und komisch

Auch die rumänischen Kurzfilme werden in jedem Jahr von begeisterten TIFF-Fans wie  eine Art Weihnachtsmann mitten im Juni erwartet. Sie sind manch-mal schwarz-weiß, manch-mal absurd, oft sehr komisch und zeigen fast immer ein realitätsgetreues Bild der rumänischen Gesellschaft. Gewöhnlich werden die Kurzfilme in drei Teilen gezeigt, immer um 10 Uhr morgens im Victoria-Kino. 17 Produktionen konkurrierten in diesem Jahr für den begehrten Kurzfilmpreis. Es waren 17 kleine Welten, die in wenigen Minuten vorgestellt wurden.

In „Art²“ (Regie: Adrian Sitaru) steht eine Mutter vor einem Dilemma: sollte ihre minderjährige Tochter in einen Film über Menschenhandel eine Prostituierte spielen?

In „Casting Call“ (Regie Conrad Mericoffer) wird von einem 80jährigen Schauspieler erzählt, der sich für eine Rolle in einem Werbespot bewirbt und im Osterhasen-Kostüm vor einer Kommission auf und ab springen muss. Der rührende Kurzfilm „Pavel“ erzählt von einem alten Mann, der lange Gespräche mit erfundenen Dialogpartnern führt.

In „Nu exist²-n lumea asta“ (Regie: Andreea Vălean) treffen zwei unterschiedliche Brüder zusammen: der eine ist Manele-Fan und arbeitet in einer Bar, der andere hat studiert, ist gutverdienender Web-Designer und abhängig von Glücksspielen.

In „Scor alb“ (Regie: Marius Olteanu) fährt ein Taxifahrer eine vermutlich betrogene Ehefrau durch die Straßen von Bukarest. Dasselbe macht ein anderer Taxifahrer in „Vera“ (Regie: Dorian Boguţă) mit einem 20jährigen Studenten, der auf der Suche nach einem One Night Stand ist.

In den Kurzfilmen dieser Edition wird viel geschossen und getötet: in „Black Friday“ (Regie: Roxana Stroe) läuft ein Arbeiter Amok, in Ramona (Regie: Andrei Cre]ulescu), der bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis „Canal +“ gewonnen hat, rächt sich eine Prostituierte an ihren Peinigern und in „Diapozitiv 0068“ (Regie:  Radu Bărbulescu), der einzige Kurzfilm, der seriöse Fragen stellt, bittet eine bettlägerige Frau einen Heckenschützen, der während des NATO Summits in ihrem Haus Wache hält, sie zu erschießen.

Obwohl es in diesem Jahr interessante Themen gab und die Geschichten humorvoll und intelligent erzählt wurden, fehlt die Atmosphäre der früheren Kurzfilme von Cristian Mungiu, Adrian Sitaru oder Corneliu Porumboiu. Unter den 17 Filmen ist kein einziger, der „das gewisse Etwas“ hat. Vielleicht kommt so ein Film in der nächsten Auflage von TIFF. Das Festival hat auch in diesem Jahr bewiesen: der beste Ort, um Filme zu sehen, ist und bleibt der Kinosaal.

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