TIFF 2016: Zwischenmenschliche Beziehungen

Ein Rückblick auf die 15. Auflage des Internationalen Filmfestivals in Klausenburg (II)

Freitag, 17. Juni 2016

Szene aus „Sieranevada“ von Cristi Puiu
Foto: Blog „Tiff“

An seinem 15. Geburtstag hat TIFF wieder einmal alle Rekorde gebrochen: für die  240 Filme, die in 10 Tagen gezeigt wurden, haben über 79.0000 Zuschauer Karten gekauft, neun Prozent mehr als im Vorjahr. 11.000 Gäste (Regisseure, Produzenten, Schauspieler, rumänische und ausländische Journalisten) wurden zu den Filmprojektionen und den speziellen Events eingeladen. Die Gesamtanzahl der Teilnehmer übertaf bei dieser Auflage 120.000. Fans des rumänischen Kinos fiebern den letzten vier Tagen des TIFF entgegen: diese sind seit Jahren als „Tage des rumänischen Films bekannt“.  In diesen Tagen hat man die Chance, die neuesten rumänischen Produktionen sehen, noch bevor sie in die Kinos kommen. Die Premieren finden gewöhnlich bei übervollem Saal im Florin-Piersic Kino oder im Studentenkulturhaus statt.

Kurz und erstaunlich gut

Ein Geheimtipp sind die rumänischen Kurzfilme, die jedes Jahr in drei Serien Vormittags beim Victoria-Kino gezeigt werden. Für TIFF-Fans fühlt es sich an wie Weihnachten mitten im Sommer.
Ein wichtiger Grund, weshalb die Kurzfilm-Serien so beliebt sind ist, dass man eigentlich keine Chance hat, diese Filme anderswo zu sehen, als während des Festivals. In die Kinos kommen sie (fast) nie. So wie eine junge Regisseurin bei einem Publikumsgespräch erklärte, „reist“ ein Kurzfilm, falls er Glück hat, erstmal um die Welt und wird bei verschiedenen Festivals gezeigt. In dieser Zeitspanne darf er nicht auf Youtube geladen werden. Es kann also einige Jahre dauern, bis der Film im Internet zu sehen ist. Seit Kurzem gibt es die Online-Platform „Cinepub.ro“, wo auch Kurzfilme zu sehen sind, aber alle sind schon mindestens 3-4 Jahre alt. Einmal oder zweimal seit der Existenz des Festivals wurde eine  DVD mit mehreren Kurzfilmen herausgegeben, die zusammen mit einer Zeitschrit verkauft wurde. Und einige Male wurden rumänische Kurzfilme auf HBO ausgestrahlt. Ansonsten hat das Publikum keinen Zugang zu ihnen. Für einen wahren Fan des rumänischen Kinos ist es ein Muss, die Kurzfilme zu sehen. Erstens kann man dabei junge Regisseure mit großem Potential entdecken.

Viele können sich noch an die ersten Kurzfilme von Regisseuren wie Cristian Mungiu, Corneliu Porumboiu, Radu Jude, Cristi Puiu oder Adrian Sitaru erinnern. Zweitens werden in manchen Kurzfilmen Geschichten erzählt, die man nur schwer vergessen kann. Und drittens findet man jedes Jahr unter den vielen Filmen ein kleines Juwel. Dieses Jahr konkurrierten 16 Filme für den begehrten Kurzfilmpreis. Ich habe gleich zwei Juwele gefunden: „M² cheam² Costin“ (Ich heiße Costin, Regie: Radu Potcoav²) und „O noapte la Tokoriki“ (Eine Nacht in Tokoriki, Regie: Roxana Stroe).
Beide erhielten beim TIFF Preise: Der erste den Jurypreis, der zweite den Kurzfilmpreis.
Was ein wenig anders als bei den vorigen Auflagen des Festivals war- dieses Mal war die Qualität der Filme erstaunlich hoch. Erstens hatten sie Humor- bei vielen von ihnen lachte das Publikum fast ununterbrochen, zweitens waren viele Themen sehr interessant.

Blind-Dates, Dorfdiskos, Jesus und frühere Leben

In den meisten Kurzfilmen ging es um Beziehungen: sei es über komplizierte Liebesbeziehungen (Ana kehrt zurück, Ferdinand 13, Eine Nacht in Tokoriki ), Beziehungen zwischen Eltern und Kindern (Ich heiße Costin, Ein bitterer Geschmack, Mittwoch ) oder Begegnungen zwischen Fremden (Knochen für Otto, 4:15 Ende der Welt, Ninel). In „Te mai uiti si la om“ (Man schaut auch den Menschen an, Regie: Ana Maria Comanescu) wird die Beziehung eines frischen Paares (gespielt von Diana Cavaliotti und Bogdan Nechifor) auf einer Autoreise von Bukarest nach Temeswar von einem etwas merkwürdigen Tramper auf eine harte Probe gestellt. Im köstlichen „Ninel“ (Regie: Constantin Popescu) sucht eine Frau in ihren Dreißigern  ihre große Liebe auf einem Internetportal und stößt dabei auf einen scheinbar interessanten Typen. Für ihn ist sie sogar bereit, bis nach Cernavodă zu fahren. Das Blind-Date geht aber anders aus, als es sich die junge Frau vorgestellt hat. Ninel, ein Mann in den Vierzigern, der zusammen mit seinen Eltern in einer Plattenbausiedlung wohnt, ausgezeichnet gespielt von Pali Vecsei, ist vielleicht eine der interessantesten Figuren aus den rumänischen Filmen, die in diesem Jahr bei TIFF gezeigt wurden.

„Tokoriki“ ist eine Dorfdisco in einem Kaff am Ende der Welt. Es ist ein Sommer Ende der 90er Jahre. Geanina wird 18, und das ganze Dorf ist zu ihrer Party gekommen. Alin, der populärste Typ des Dorfes, und seine Freunde fahren im Pferdewagen vor und erobern die Tanzfläche. Aber Alin scheint etwas auf der Seele zu liegen. Die Gefühle kochen hoch. Bald wird es zur Eskalation kommen. Im Film wird kein einziges Wort gesprochen. Die Geschichte wird von Musik und Kamera erzählt. Ein köstlicher Soundtrack mit Dancefloor-Hits von La Bouche, Genius oder N&D und Manele-Musik, Konfetti, LED-Lichter, Seidenkleider, weiße Hemden, dicke Goldketten mit Kreuzen, vielsagende Blickwechsel und viel Tanz – für das Publikum vergeht keine Sekunde ohne Lachen. Im Februar hatte die Produktion der Theater-und Filmuni Bukarest (UNATC) in der Regie von Roxana Stroe einen Spezialpreis der Sektion „Generation 14plus“ erhalten. Das überraschende Ende bringt noch mehr Gelächter. Und den Wunsch, den Film mindestens 10 Mal hinter-einander zu sehen.

In „Ich heisse Costin“ wird nicht gelacht, dafür schaut man 15 Minuten lang gebannt auf den Bildschirm und am Ende ist man etwas enttäuscht, dass der Film schon zu Ende ist. Der Film erzählt die Geschichte des fünfjährigen Rareş aus Bukarest, der auf einmal behauptet, er würde Costin heissen und 37 Jahre alt sein. Er erzählt seinen Eltern, dass er in seinem 30 Kilometer entfernten Heimatdorf von einem Nachbarn ermordet wurde. Seine Leiche hätte der Nachbar hinter der Dorfschule begraben. Zuerst glauben die Eltern des Kindes, Rareş hätte die Geschichte im Kindergarten gehört. Der Junge besteht aber darauf, dass sie ins Dorf von Costin fahren. Dort stellt sich heraus, dass der Kleine in allen Details recht hatte.

Interessant ist, dass der Film aus wahren Begebenheiten inspiriert ist. Angeblich soll es in der Türkei mehrere Fälle von „wiedergeborenen“ Kindern geben. Allein in den vergangenen zwanzig Jahren sollen in Antakya über achthundert Fälle von Wiedergeburt dokumentiert worden sein. Die Kinder fangen plötzlich an, über den Tag zu sprechen, an dem sie gestorben sind. Oder sie führen ihre Eltern zu dem Haus, in dem sie in ihrem früheren Leben gewohnt haben. Über übernatürliche Begebenheiten erzählt auch der Film „2.15 PM. Das Ende der Welt“ in der Regie von Gabi Virginia Sarga und Cătălin Rotaru, der auch bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. Ein Mann fährt mit dem Auto durch eine etwas wüste Gegend. Plötzlich taucht am Wegrand ein Tramper auf. Der Mann hält an und nimmt den Tramper mit. Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Tramper um niemand anderen als um... Jesus handelt. Er kennt alle Details aus dem Leben des Fahrers und verkündigt das Ende der Welt um genau 2 Uhr 15. Was weiter geschieht, werde ich nicht verraten. Vielleicht wird man in diesem Jahr endlich eine neue DVD mit rumänischen Kurzfilmen herausgeben. Es wäre dringend der Fall.

Ein Film wie ein Spiegel

Das zweite Kommen Jesu wird auch in einem anderen (drei Stunden langen!) rumänischen Cannes-Film besprochen. Es handelt sich um „Sieranevada“, dem neuesten Film des Regisseurs Cristi Puiu. In Cannes hat er zwar keinen Preis erhalten, die Kritiken waren aber ausgezeichnet. Bei TIFF wurde der Film zum ersten Mal in Rumänien gezeigt- und zwar so, wie es jeder gute Film verdient: in einem Saal mit mehr als 1000 Zuschauern, die während der drei Stunden lachten, klatschten, den Atem anhielten. Der Film erzählt von einer Großfamilie, die sich am 40. Todestag des Vaters in dessen Wohnung trifft, um nach orthodoxem Brauch dem Toten eine letzte Ehre zu erweisen. Manchmal ist es so, als ob man in einen Spiegel blickt. Die Leute auf der Leinwand kennt man alle. Aus der eigenen Familie oder aus Familien von Freunden und Bekannten: die eifersüchtige Tante, die zimperliche Schwester, der rebellische Teenager, der brave Cousin, der alkoholsüchtige Onkel, die cholerische Ehefrau, das schwarze Schaf der Familie und die Liste kann weitergehen. Wortgefechte folgen peinlichem Schweigen, die Szenen reihen sich schnell aneinander. Die Figuren sind authentisch, die Dialoge intelligent und spritzig, manche Szenen so spannend wie ein Thriller, man ist gerührt, man ist entsetzt, man fühlt zusammen mit den Figuren. Es wird viel gelacht, aber oft bleibt einem das Lachen regelrecht im Hals stecken.

Auch der neulich in Cannes preisgekrönte Film (Bester Film der Sektion „Un certain regard“) in der Regie von Bogdan Mirică, „Caini“ (Hunde), wurde zum ersten Mal in Rumänien gezeigt. Der Saal des „Florin Piersic“-Kinos war auch dieses Mal übervoll. Die Handlung des Thrillers spielt in einem Dorf in der Dobrudscha, die Figuren sind bis auf eine nur männlich, es wird viel getötet und mit Blut gespritzt. Dabei ist die Erzählstruktur manchmal viel zu elliptisch. Trotz einiger Unklarheiten im Drehbuch gelingt  es Miricăs Film, eine düstere Atmosphäre zu schaffen. Wie  Gespenster spuken die Figuren des Films noch Tage nach der Vostellung in den Köpfen der Zuschauer herum.

Eifersuchtdramen und ein australisches „Romeo und Julia“

Sehenswert waren auch viele andere Filme im Festival, in denen komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen gezeigt wurden. Darunter der „Tanna“ (Regie Bentley Dean und Martin Butler), der in atemberaubenden Bildern eine Art „Romeo und Julia“-Geschichte, die in einem traditionsbedachten Stamm des Südpazifiks stattfindet, erzählt. Die junge Wawa verliebt sich in Dain- doch das ist nicht der Mann, den ihr Stamm für sie auserkoren hat. Somit hat sie die Wahl zwischen den Traditionen ihres Volkes und ihrer verbotenen Liebe. Auch um die Liebe geht es im deutschen Spielfilm „Fado“ (Regie Jonas Rothlaender). Ein junger Arzt bricht nach Lissabon auf, um seine Exfreundin zurückzugewinnen. Allmählich kommen sich die beiden in der portugiesischen Hauptstadt wieder näher. Doch auch die alten Eifersuchtsprobleme treten auf.

Die Eifersucht zerstört auch in der deutsch-ungarischen Produktion  „Das Mittwochskind“ (Regie: Lili Horvath) die Zukunftspläne der Protagonisten. Die Teenie-Mutter Maja tut alles, um sich ihren Traum von einem Familienleben erfüllen zu können. Ihr vierjähriger Sohn, den sie aus einer Beziehung mit dem Kleinkriminellen Krisz hat, lebt im Heim. Maja will das Sorgerecht für ihren Sohn erhalten und dafür ist sie bereit, ihren Lebensstil zu ändern. Doch das ist schwerer als sie denkt. Immer wieder wird dem begeisterten TIFF-Fan eines klar: Filme sollte man im Kino sehen. Dafür plädiert das inzwischen 15-jährige Festival in Klausenburg. Ohne Zuschauer können Leinwandgeschichten nicht existieren.

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