TIFF 2017: King Kong auf dem Klausenburger Kirchturm

Ein Rückblick auf die 16. Auflage des Internationalen Filmfestivals „Transilvania“ (II)

Samstag, 24. Juni 2017

Szene aus dem georgischen Spielfilm „Meine glückliche Familie“, der in diesem Jahr die TIFF-Trophäe gewann
Foto: TIFF

225 Filme aus 53 Ländern waren in den 10 Tagen des Festivals zu sehen. Wie immer standen die Besucher vor der Qual der Wahl. Was sollte man unbedingt sehen? Der Wettbewerb ist das Herz des Festivals, und treue Fans versuchen, möglichst viele Filme aus dieser Sektion zu sehen (dabei handelt es sich um den ersten oder zweiten Film eines Regisseurs). Jedes Jahr ringen 10 bis 12 neue Produktionen aus der ganzen Welt um die TIFF-Trophäe. Eine andere interessante Sektion ist „Supernova“, in der Filme gezeigt werden, die bei wichtigen Festivals preisgekrönt wurden. Eine ganze Fangemeinde hat auch die Sektion „Shadows“ (deutsch: Schatten), in der Horror- und Phantasy-Filme gezeigt werden. Auch die „Tage des rumänischen Films“  (die letzten 4 Tage im Festival) sind ein Highlight.

Leider ist 2017 kein besonders gutes Jahr für rumänische Produktionen – im Wettbewerb wurde kein Film gezeigt und die rumänischen Kurzfilme, die in jedem Jahr die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Festivals sind, waren leider (bis auf zwei oder drei) sehr schwach. In diesem Jahr kamen neue Sektionen dazu. Der Hintergedanke war, neue Publikumskategorien zu gewinnen: „alt.rom.com“- alternative romantische Komödien, „Virtual Reality“-Filme und erotische Filme. Andere Events und Initiativen haben sich bewährt und sind inzwischen zur Tradition geworden, unter anderen „10 für den Film“ (10 von einer unabhängigen Jury ausgewählte Theaterschauspieler, die noch nicht in einem Film gespielt haben, werden dem Publikum, den Produzenten und Regisseuren vorgestellt), die von Live-Musik begleitete Stummfilme, das Wochenende beim Banffy-Schloss in Bon]ida oder die Parties, bei denen man von Jahr zu Jahr immer wenigere Filmleute sieht.

Festival-Kontroverse

In diesem Jahr gab es auch einige Kontroversen, die Schlagzeilen machten. Wie zum Beispiel der Beschluss der Organisatoren, dass zum Anschluss an den BBC-Dokumentarfilm „The new Gipsy Kings“ ein Manele-Konzert stattfindet. Das Event war binnen wenigen Tagen ausverkauft, der Festsaal des Studentenkulturhauses am Abend des Konzerts übervoll. Das hat mehrere Journalisten und Blogger empört und anschließend in den Medien einen Skandal über Rassismus verursacht. Mehr als sicher haben diejenigen, die wütend darüber berichtet haben, die Veranstaltung nicht besucht. Das Konzert der Band „Kana Jambe“, deren Mitglieder übrigens alle eine Musikhochschule im Ausland absolviert haben, erinnerte mehr an den Stil von Goran Bregovic als an Manele. Aber das Manele-Event war nicht die einzige Gelegenheit, bei der Intoleranz gezeigt wurde. Eine Lehrerin aus Turda wurde von der Schulkommission sanktioniert, nachdem sie ihren Schülern den Film „Totale Finsternis“ empfohlen hat. Im Film geht es um die Beziehung zwischen den Dichtern Arthur Rimbaud und Paul Verlaine und Eltern haben sich beklagt, es sei ein Film mit homosexuellem Inhalt. Als „Trostpreis“ hat der Festivalleiter und Regisseur Tudor Giurgiu auf der Abschlussgala angekündigt, die Lehrerin sei Ehrengast von TIFF 2018.

Eine schrecklich  nette Familie und ein Film über Akzeptanz

Der erste Tag nach dem TIFF ist immer traurig. Man ist müde, ein wenig durcheinander und kann sich nicht mehr so richtig an alle Filme erinnern, die man gesehen hat. Wie immer gibt es Enttäuschungen, aber auch Überraschungen.
Eine Überraschung war der diesjährige Gewinner des Wettbewerbs – „Meine glückliche Familie“, eine Koproduktion Georgien-Deutschland-Frankreich in der Regie von Simon Gross und Nana Ekvtimishvili. Der Film erzählt die Geschichte der georgischen Literaturlehrerin Manana, die an ihrem 52. Geburtstag der völlig überraschten Familie verkündet, dass sie ausziehen wird. Das können jedoch ihre Familie und ihre Freunde nicht verstehen und auf keinen Fall akzeptieren. Wie stark dürfen wir uns in das Leben eines geliebten Menschen einmischen? Wieso akzeptieren wir manchmal die Bedürfnisse des Anderen nicht? Die langen Tischgespräche im Film erinnern an die Werke rumänischer Regisseure wie Cristi Puiu oder Cristian Mungiu. Auch das abrupte Ende nach zwei Stunden, die wie im Flug vergehen. Ein Zuschauer meinte: „ es hätte ruhig noch drei Stunden weitergehen können, ich hätte mich nicht gelangweilt“. Absolut sehenswert ist auch das isländische Drama „Heartstone“ (Stein am Herzen) in der Regie von Gudmundur Arnar Gudmundsson, der den Preis für die beste Regie und auch den Publikumspreis erhielt. Der Film ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die von der Freundschaft zweier Jugendlicher handelt. Einer von ihnen will das Herz eines Mädchens erobern, während der andere Gefühle für seinen besten Freund entwickelt. Es geht in diesem Film vor allem um Freundschaft, Akzeptanz und Identität.

Eine bizarre Liebesgeschichte und eine intelligente Schwarzweiss-Farce

Ebenfalls im Wettbewerb war der polnische Film „Playground“ (Spielplatz) unter der regie von Bartosz Kowalski, der auf realen Begebenheiten beruht, die vor über zwanzig Jahren England erschüttert haben: der zweijährige James Bulger wurde von zwei Zehnjährigen Jungen aus einem Supermarkt entführt und anschließend bestialisch getötet. Der Fall der Kinder-Killer wurde schon mehr-mals in Theaterstücken, Filmen und Büchern aufgegriffen. Kowalski schafft es, mit Hilfe zahlreicher Laiendarsteller einen authentischen Einblick in die Lebenswelt der Protagonisten zu geben.
Ein Highlight des Festivals war auch der ungarische Film „On body and soul“ (Körper und Seele) in der Regie von Ildikó Enyedi, der Gewinner des goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale. Es geht um eine äußerst bizarre, aber schöne Liebesgeschichte zwischen zwei schüchternen Mitarbeitern eines Schlachthofes in Budapest. Die beiden Protagonisten nähern sich einander, nachdem sie zufälligerweise bei einem psychologischen Test entdecken, dass sie während der Nacht genau dieselben Träume haben. Der Film, der von Einsamkeit und Seelenverwandschaft handelt, wird am 30. Juni in die rumänischen Kinos kommen.

Zuletzt ein bitterböses Schwarzweiss-Kammerspiel, das nur 71 Minuten dauert und den Zuschauer komplett mitreißt: „The party“ (Die Party) in der Regie von Sally Potter. Es geht um eine Frau in ihren Fünfzigern, die gerade zur Ministerin ernannt wurde. Mit ihrem Mann und ein paar Freunden soll das gefeiert werden. Die Gäste treffen in ihrem Londoner Haus ein, doch die Party nimmt einen komplett anderen Verlauf als erwartet. Gleich am Anfang gibt es zwei explosive Enthüllungen, und dann folgt Bombe um Bombe. Die Wohnung wird zum Schlachtfeld. Gemäß Anton Tschechov, der meinte: „Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben“– wird mit der Pistole, die am Anfang auftaucht, am Ende etwas passieren. Keine einzige Sekunde langweilt man sich, und die bissigen Dialoge fliegen wie Fetzen. Doch ohne die ausgezeichnete Leistung der sieben Schauspieler wäre der Film nur halb so gut. Das Drehbuch könnte sich sehr gut als intelligente Boulevardkomödie für die Theaterbühne eignen. „Es ist nicht mehr, wie es war“, meinen manche Nostalgiker nach der 16. Auflage des TIFF. In manchen Punkten haben sie Recht. Doch eins wird immer wie früher sein: die Freude an den Filmen. Und das ist am wichtigsten.

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