TM2021: Die Memoiren der Festung

Interaktives Projekt brachte Künstler, Vereine und Bürger zusammen

Samstag, 29. September 2018

Die 18 zylinderartigen Architekturinstallationen wurden rasch zu Hauptattraktionen in zehn Stadtvierteln von Temeswar. Profi- und Amateurkünstler sowie einfache Bürger machten mit.
Fotos: Daniel Opriș, Timișoara 2021-Verein

Theatervorführungen an Straßenkreuzungen oder hinter einer Trolleybus-Haltestelle; eine weitere Tram-Haltestelle als Bühne für ein Rockkonzert und Austragungsort für den Auftritt einer Blaskapelle; eine Bibliothek mit öffentlichen Lesungen am Rande einer der am meisten befahrenen Straßen von Temeswar/Timișoara – all das konnten die Temeswarer an den verschiedensten Orten der Stadt während des Projekts „Die Memoiren der Festung”/„Memoriile Cetății“ erleben.
Das Projekt des Vereins „Temeswar – Kulturhauptstadt Europas“ wurde vom 14. bis zum 23. September durchgeführt. Zehn Temeswarer Stadtteile wurden während der zehn Tage zu interaktiven Räumen für Künstler, lokale Gemeinschaften, Passanten und Touristen.

Vor Projektbeginn konnten sich die Temeswarer nur wundern. Wofür all diese Zylinder? Eine neue Baustelle in Temeswar? Kurz darauf konnten sie die Wahrheit erfahren. Die 18 zylinderartigen Architekturinstallationen, die in zehn Stadtvierteln von Temeswar montiert worden waren, wurden rasch zu den Hauptattraktionen der jeweiligen Stadtteile. Profi- und Amateurkünstler, Mitglieder verschiedener Vereine sowie einfache Bürger durften ihre „Memoiren“ – Fingerabdrücke, Zeichnungen und Nachrichten – hinterlassen. Rund um diese Zylindermodule fanden auch komplementäre Events wie u. a. Schauspiel, Musik, Tanz, Akrobatik, Poesie statt.

„Als wir dieses Projekt konzipiert haben, nahmen wir uns vor, die Kultur den Leuten näher zu bringen. ´Näher´ ist hier im wahren Sinne des Wortes gemeint. Wir wollten dort ankommen, wo die Leute wohnen, wo sie einkaufen gehen und dort, wo sie ihre Kinder zur Schule bringen. Dies war auch ein Test für uns, weil wir sehen wollten, wie die Kultur an all diesen unkonventionellen, öffentlichen Orten, außerhalb der Innenstadt, begrüßt wird”, sagt Ionuț Suciu, kreativer Produzent im TM2021-Verein und Koordinator des Projekts.

„Wir wollten, dass die Menschen sehen, wie ein künstlerisches Werk entsteht und dass sie auf ihrem Weg zur Arbeit oder zur Schule den Künstlern begegnen, sie beim Arbeiten beobachten und mit diesen in Kontakt treten. Die Bürger sollten dann auch Teil des künstlerischen Schaffens werden. So durften sie alle ihre `Memoiren` auf diesen Modulen in den verschiedensten Stadtteilen hinterlassen. Passanten in der Mărășești-Straße – Bürger und Touristen – trugen, zum Beispiel, zur Entstehung des Mosaiks bei, das die alte Temeswarer Festung darstellt“, setzt Ionuț Suciu fort.

Die Installationen sind die Kreation des Parasite-Studio-Architektenbüros in Temeswar, das sich am Ideenwettbewerb des Kulturhauptstadtvereins beteiligte. „Das Thema des Wettbewerbs war eine interaktive Mauer. Da wir falsche Interpretationen vermeiden und keine Mauern, die trennen, errichten wollten, kamen wir auf die Idee einer gekrümmten Wand, also eines Zylinders”, erzählt der Temeswarer Achitekt und einer der beiden Inhaber des Parasite-Studios, Claudiu Toma.

Die öffentlichen Räume, die Installationen und Events innerhalb des Projekts beherbergt haben, waren der Trajansplatz, der Dacia- und der Lidia-Park, die Trolleybus-Haltestellen an der Kreuzung der Lippaer- mit der Sf.-Apostoli-Petru-și-Pavel-Straße und die der Schager mit der Ana-Ipătescu-Straße, die Plätze Soarelui, Mocioni und Lahovary, die Oituz- und die Mărășești-Straße. Vereine, die je eine Installation in den jeweiligen Stadtteilen „adoptiert“ haben, waren unter anderen die Pentru-Voi-Stiftung, der Verein der Romafrauen „Für unsere Kinder“, der Verein der Temeswarer Senioren, das Deutsche Kulturzentrum Temeswar, der Rugby 4 Timișoara-Verein, der Banater Gemeinschaftsverein, die Organisation der rumänischen Pfadfinder und der Verein der Fußballfans „Druckeria“.

„Erschütternd!“; „Die Kunst ist eines der schönsten Dinge auf der Welt“; „Wenn ihr an irgendetwas leidet, geht ins Theater. Es wird euch heilen!“ – dies waren bloß einige der Eindrücke, die die Bürger auf der Außenseite der Installation an der Lippaer Straße nach ihrem Erlebnis der Theatervorführung für einen einzigen Zuschauer hinterließen. Die Schauspieler Victor Dragoș und Ana-Maria Ursu seitens des Solidart-Vereins haben in ihrem Schauspiel „Die Unsichtbaren“/„Invizibilii“ zehn wahre Lebensgeschichten von Menschen aus benachteiligten Umfeldern bekannt gemacht. „Jeder einzelne Zuschauer durfte eine Nummer wählen. Hinter jeder Nummer befand sich eine Story. Diese setzten wir dann, in zwei bis fünf Minuten, in einem Schauspiel um“, erzählt Victor Dragoș. „Die Reaktionen der Menschen waren auch für uns atemberaubend“, setzt der Schauspieler fort.

Am Lahovary-Platz durften Teilnehmer eine Zeitreise mit der Zeitkapsel unternehmen. Die Künstlerin Paula Duță hat unter anderen mit den Vertretern der römisch-katholischen Pfarrei aus der Elisabethstadt dazu beigetragen. Im Stadtteil Dacia wurde der Zylinder vom Seniorenverein „adoptiert“. Der Künstler, der die Installation schuf, war Irlo, ein bekannter Name in der Temeswarer Street-art-Szene und langjähriger Teilnehmer am Streetart-Festival der Stadt. „Meine Idee war, einen Vereinigungsreigen/Hora Unirii zu schaffen, bei dem sich alle Ethnien die Hände reichen“, erzählt der Künstler.

Die Themen und Werke, die aus Anlass des Projekts „Die Memoiren der Festung“ entstanden sind, sollen weiterentwickelt werden. So auch das Thema „Linia“, das in der Fußgängerzone Mărășești in der Temeswarer Innenstadt umgesetzt wurde. Dadurch möchte die Künstlerin Sorina Vazelina anhand einer umfangreichen Dokumentation und zahlreicher Gespräche ein Comic-Heft erstellen. Dabei sollen interessante Informationen über den Werdegang von Temeswar und einflussreiche Persönlichkeiten in der Bega-Stadt bekannt gemacht werden.

„Der Hauptgedanke dieses Projekts war, die Bürger zu ermutigen, selbst kulturelle Events in die Wege zu leiten. Wir haben den neun Kuratoren und Vereinen aus Temeswar die Freiheit gegeben, all diese Momente zu kuratieren, und das Ergebnis war erstaunlich: Die Leute haben sich gerne beteiligt, die Künstler nachgeahmt und auch andere dazu inspiriert mitzumachen“, schließt der kreative Produzent des Kulturhauptstadtvereins, Ionuț Suciu.

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