Tor für die Vielfalt!

Fröhliche Fußball-Meisterschaft der Minderheiten in der Lausitz

Dienstag, 03. Juli 2012

Große Fußballer fangen klein an: Auch sehr junge Fans machten bei der Europeada mit. Das „Serbja“ auf dem T-Shirt in unserem Bild bedeutet nicht „Serbien“ sondern „Sorbenland“.
Foto: die Verfasserin

Elf Stars, ein Rasen und ein Ball, Gänsehauterlebnisse auf der Tribüne, Singen, Pfeifen und Tanzen im Publikum, jubelnde Straßenfeste oder etwas enttäuschte Gesichter, (hoffentlich keine) gelben und roten Karten – das Spiel erkennen wir sofort. Nein, nicht von der UEFA EURO 2012 ist hier die Rede! Wussten Sie nicht, dass auch Minderheiten Fußball spielen können?

Sie haben seit vier Jahren sogar eine eigene Europameisterschaft, die „Europeada“, deren zweite Auflage vom 16. bis 24. Juni in der Lausitz in Deutschland stattgefunden hat. 19 Teams nahmen daran teil – keine Berufsspieler, dafür aber hoch Begeisterte. Die Europeada war professionell gestaltet: fünf Gruppen in der Vorrunde an den ersten drei Tagen, dann die Ausspielung im Viertelfinale, Halbfinale und Finale. Es handelte sich dabei nicht „nur“ um Fußballer, die auf Turnier gehen, sondern ebenso um Vertreter verschiedenster Kulturen, die einander besuchen und sich austauschen.

Alle – die Rätoromanen, die Slowaken aus Ungarn, die Ladiner aus Italien, die Westthrakier Türken aus Griechenland, die Nordfriesen, die Ungarndeutschen oder die Waliser – brachten ihre Freude am Sport und am Spezifikum ihrer Identität mit, sowie eine sehr selbstverständlich wirkende Offenheit gegenüber den jeweils Anderen. Nicht einmal die Karatschai und ihre Fans scheuten den langen Weg aus der nordkaukasischen Heimat bis nach Deutschland, um mitspielen und mitfeiern zu können. Mit den Fans hatte es die deutsche Minderheit aus Polen allerdings etwas einfacher: Ganz viele Unterstützer des Teams kamen samt Fan-Ausstattung am Tag des ersten Spiels aus dem benachbarten Polen angereist. Sogar die „kleinsten“ Völker hielten mit: Die Zimbern – mit rund 1000 Angehörigen insgesamt – schickten eine eigene Mannschaft in den Wettkampf, während man in Estland Kräfte bündelte und eine „Minderheitenauswahl“ teilnehmen ließ.

Zu Besuch bei den Sorben

Gastgeber der „Europeada“ waren die Lausitzer Sorben, die als kleinstes slawisches Volk (etwa 60.000) im Osten Sachsens – in der Oberlausitz – und im Süden Brandenburgs – der Niederlausitz – leben. In Deutschland sind sie neben den Dänen, den Friesen und den Sinti und Roma eine von vier anerkannten nationalen Minderheiten. Für die Sorben war die Europeada eine zusätzliche Gelegenheit, das hundertjährige Bestehen ihrer Interessenvertretung „Domowina“ auch mit Sport zu feiern und vor allem den Gästen aus ganz Europa ihre Gastfreundschaft und Heimat zu zeigen. Denn die Spiele fanden nicht nur in einer, sondern in vielen schönen Ortschaften der Oberlausitz statt, die - wie es sich in Minderheitengebieten gehört – zwei Namen tragen: Panschwitz-Kuckau/Pancicy-Kukow, Ralbitz/Ralbicy, Neschwitz/Njeswacidlo, Radibor/Radwor, Wittichenau/Kulow, Crostwitz/Chróscicy.

Bei der Eröffnungsveranstaltung in Nebelschütz/Njebjelcicy waren der Einmarsch der Mannschaften und die Vorführung des Oberlichtenauer Spielmannszuges (einer tanzenden Blaskapelle) ein Erlebnis. Hier wurde auch zum ersten Mal offiziell die Europeada-Hymne „Bala bala bala“ gesungen („Bala“ kommt von „Ball“, wie man auf der Tribüne sofort wusste).

Die Vorrunde verlief spannend, selbstverständlich mit Live-Übertragung der Spiele im Internet, mal mit riesigen Unterschieden (z. B. 8 zu 0 oder größer), mal mit unentschiedenen oder knappen Ergebnissen zwischen gleich guten Teams. Hinzu kam reichlich Kultur, denn Minderheitentreffen ohne Kulturprogramm gibt es kaum. Nach der ersten Halbzeit der Europeada war der 20. Juni spielfrei. Der Tag wurde mit Exkursionen, einem internationalen Bühnenprogramm und sorbischen Volkstanz- und Musikshows in Schmochtitz/Smochcicy verbracht. 

Die Besten gewinnen, und alle anderen auch 

Es folgte das Viertelfinale mit den acht besten Mannschaften: Die Kärntner Slowenen spielten gegen die dänische Minderheit aus Deutschland, die Kroaten aus Serbien gegen die Russlanddeutschen, die Roma aus Ungarn mit den Lausitzer Sorben und die deutschsprachige Volksgruppe aus Südtirol mit den Okzitanern aus Frankreich. Das Finale wurde in Bautzen/Budysin ausgetragen, das als historische Hauptstadt der Oberlausitz und als politisches und kulturelles Zentrum der Sorben gilt. Hier setzten sich die Kroaten mit 1 zu 0 gegen die Kärntner durch und erzielten den dritten Platz auf dem Podium. Meister im „Top 19“ wurde, wie bei der ersten Europeada vor vier Jahren, die Mannschaft der Südtiroler, die mit 3 zu 1 gegen die (sehr jungen) ungarischen Roma gewann und unter allgemeinem Jubel den Pokal entgegennahm. Ein Stück Identität vermittelten sowohl die Südtiroler Fußballer, die in Lederhosen erschienen, als auch der Pokal selbst, der aus einem Fußball aus Granit und Lindenholz und dem sorbischen Lindenblatt-Symbol besteht. 

Die diesjährige Europeada hatte den sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich zum Schirmherrn und wurde unter der Regie der „Domowina“ und der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) veranstaltet. Die Idee einer Fußball-Europameisterschaft der autochthonen nationalen Minderheiten ist schon sechs Jahre alt, die erste „Europeada“ fand 2008 bei den Rätoromanen in der Schweiz statt. Autogramme, Bier, Bratwürste und ein Schluck „Europeada-Wein“ ließen das Fußballturnier in der Lausitz ausklingen. Wer die Nachspiel-Diskussionen mitgehört hat, der weiß, dass auch die nächste Auflage ausgebucht sein wird. Denn eins ist sicher: Durch die Europeada sind viele „Minderheitler“ auf den Tribünen zu Fußballfans und gewiss viele Fußballzuschauer zu Minderheiten-Fans geworden. Ein (offenes) Tor für die Vielfalt!


Neun Gründe, die Europeada zu lieben

 1. Es geht nicht um „Fußball“, sondern um „unseren Fußball“! Die Europeada verbindet nicht nur Freude am Sport und Begeisterung für die ethnische Vielfalt, sondern gibt den Minderheiten europaweit eine Gelegenheit, Präsenz zu zeigen, sich kennenzulernen und Spaß zu haben. Die „Völkerverständigung“ ist von vornherein gesichert. Zudem ist die Europeada eine Feier der Jugend – bei vielen kleineren und schrumpfenden Volksgruppen eine „gefährdete Kategorie“. (Was man sich noch wünschen könnte, aus subjektiver Sicht: dass auch die Deutschen aus Rumänien ein Team ins Rennen schicken!) 

2. Bei der Europeada trägt Fußball maßgeblich zur Allgemeinbildung bei: Oft muss man einen diskreten Blick auf die Karte werfen oder sogar googeln, um zu erfahren, wo und wie die eine oder andere Minderheit lebt. Zudem trifft man die Fußballer persönlich und kann mit ihnen nicht nur gut feiern, sondern auch über die Bräuche, Trachten, Traditionen, Sprachen, Lieder oder kleinen Ärgernisse der jeweiligen Minderheit aus erster Hand erfahren.

3. Die Fanartikel sind ein weltweites Unikum. In der Lausitz gab es Hüte, Fahnen, Schals, Schirme, Bälle, Tassen, Trikots, Aufkleber und Vuvuzelas mit den Farben und den Symbolen der sorbischen Nationalelf. Nirgendwo anders auf der Welt kann man das kaufen!

4. Man lernt Fremdsprachen: In der Lausitz waren die ersten zwei erlernten sorbischen Worte für die meisten Zuschauer „serbska wubranka“ – sorbische Mannschaft. Bei den Spielen der Sorben ertönten diese Worte von nah und fern, auf den Tribünen, beim Abend-Imbiss, im Dorf, im Youtube.

5. Man lernt sogar Lieder in Fremdsprachen! Die Hymne der diesjährigen Europeada erwies sich als regelrechter Ohrwurm, das Publikum studierte in den Pausen zwischen den Halbzeiten die Broschüre mit dem sorbischen Text und bat in Sachen Aussprache die Einheimischen um Rat. Zur Veranschaulichung, der Refrain: „Bala, bala, bala, tak spewa Luzica,/Bala, bala, bala, tu hraje so kopanca./Bala, bala, bala, my hosci witamy,/Bala, bala, bala, we rjanej Luzicy.“ („Bala, bala, bala, so singt die Lausitz. Hier spielen wir Fußball, wir heißen unsere Gäste willkommen in unserer schönen Lausitz!“)

6. Die Europeada ist eine sanfte Einführung für neue Fußball-Fans. Man muss sich nicht schämen, dass man „erst jetzt“ erfährt, was der Elfmeter, der Freistoß, der Kopfball oder die Seitenlinie sind, womit sich der Verteidiger konkret beschäftigt oder wie lange eine verlängerte Halbzeit dauert. Hauptsache, man ist dabei. 

7. Die Europeada ist ein großes, mehrtägiges Fest des Sports: 17.000 Zuschauer, 500 Fußballer, 35 Spiele. Von Vorteil war auch, dass die Spiele der Minderheiten zeitlich vor den Spielen der Euro 2012 in Polen und der Ukraine stattfanden, sodass Fußballer und Publikum abends „nach getaner Arbeit“ gemeinsam die Übertragungen der UEFA verfolgen konnten.

8. Die Zahlen zeigen, dass die Europeada eine sichere Zukunft hat. Jeder siebte Europäer gehört einer Minderheit an, insgesamt gibt es 300 Minderheiten mit 100 Millionen Angehörigen, die 90 Sprachen sprechen.

9. Wenn Fußball zur Integration und Toleranz beiträgt, ist Minderheiten-Fußball deren Inbegriff!

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