Touristen suchen authentische Erlebnisse

In- und ausländische Fachleute diskutierten im Astra-Museum Nutzungsmöglichkeiten für Kulturlandschaften

Sonntag, 12. Mai 2013

Tourismusexpertin Claudia Bauer-Krösbacher (re.) sieht in authentischen Erlebnissen eine große Chance für den rumänischen Tourismus (daneben v. l. Astra-Direktor Valeriu Olaru, Vizekreisratsvorsitzender Ioan Banciu, Bürgermeister von Freck, Arnold Klingeis).
Foto: Werner Fink

Wie kann Kulturlandschaft für einen nachhaltigen Tourismus genutzt werden? Dieser Frage gingen Fachleute aus dem In- und Ausland am 29. und 30. April im Hermannstädter Astra-Museum nach. Die Tagung „Kulturlandschaft als touristisches Produkt“ wurde im Rahmen des EU-Projektes  „CultTour“ unter der Leitung des Rathauses Freck/Avrig organisiert. Unter anderem erfuhren die Teilnehmer Neuigkeiten über die geplante Entwicklung der Brukenthal’schen Sommerresidenz in Freck. Aus Anlass des in diesem Jahr gefeierten 50. Jubiläums seit der Eröffnung des Freilichtmuseums wurde dieses als Fallbeispiel für die Nutzung des Kulturerbes vorgestellt. Dass es im Land zahlreiche Initiativen zur Rettung und Nutzung von Gartendenkmälern und anderen Kulturdenkmäler gibt, erfuhren die anwesenden Restauratoren, Museologen, Wissenschaftler und Aktivisten verschiedener gemeinnütziger Organisationen in einer Reihe informativer Vorträge am Eröffnungstag.

Gartenerbe mit touristischem Potenzial

Über die Restaurierung der Villa Golescu in Câmpulung-Muscel (Kreis Argeş) informierte Caroline d’Assay von der Stiftung ProPatrimonio. Das 1910 erbaute Gebäude, gelegen inmitten eines romantischen Parks, wurde in den vergangenen Jahren restauriert und ist heute ein Ort für kulturelle Veranstaltungen. Die Rettung des Carp’schen Landsitzes in Ţibăneşti (Kreis Iaşi) beschrieb Şerban Sturdza. Der Vorsitzende der Stiftung ProPatrimonio und Nachkomme der einstigen Besitzer zeigte eindrucksvoll, wie mit viel Engagement und Ausdauer, trotz überschaubarer finanzieller Mittel, Kulturerbe erhalten werden kann. Wichtig sei, dass man eine dauerhafte Nutzungsidee entwickele. Im Falle des Herrenhauses ist es die Einrichtung von Werkstätten, allen voran einer Schmiede. Im Jahresverlauf werden auf dem 1,5 Hektar großen Gelände Handwerks- und Ausbildungskurse für Kinder und Jugendliche organisiert, alles mit dem Ziel, Wissen um den Erhalt traditioneller Bautechniken weiterzugeben.

Vorgestellt wurde das 2009 begonnene Projekt „60 Holzkirchen“, das den Erhalt von Kirchen in den Kreisen Hunedoara, Alba, Hermannstadt/Sibiu und Vâlcea verfolgt. Außerdem erfuhren die Teilnehmer der Tagung, wie eine Banater Initiative die Öffentlichkeit für die vielfältigen Dorffriedhöfe interessieren möchte, was den Denkmalwert der Bergwerksanlage in Roşia Montană ausmacht oder wie Volontariate und Studentenpraktika im Dienste der Kulturlandschaftsrettung und pflege eingesetzt werden können.

Pläne für die Sommerresidenz

Ein Schwerpunkt im Rahmen des „CultTour“-Projektes ist die Sommerresidenz von Samuel von Brukenthal in Freck, einer Kleinstadt 25 Kilometer östlich von Hermannstadt. Über den Fortschritt der hier geplanten Revitalisierung informierte Cornelia Feyer, die Geschäftsführerin der Brukenthal-Stiftung. Die Stiftung ist als Eigentümerin des Park- und Gebäudeensembles Partner in dem Projekt und verantwortlich für die Ausarbeitung von Entwicklungskonzepten im Rahmen von „CultTour“. Derzeit erarbeitet der Hermannstädter Architekt Mihai Ţucă zusammen mit dem Bukarester Büro KXL eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung von Schloss, Orangerie und den Park. Das Konzept für das Schloss zielt laut Cornelia Feyer auf eine Nutzung als 4-5 Sterne-Hotel mit Spa und medizinischen Einrichtungen. Das Gebäude biete Platz für 35 Zimmer, im Keller ist ein Restaurant vorgesehen, in der ersten Etage eine öffentliche Lobby mit Galerie und Café sowie im Obergeschoss ein Tagungsbereich. Die einzelnen Gebäudeteile sollen unterirdisch verbunden werden. Als Betreiber ist die Firma Klingeis Consulting vorgesehen, die seit Herbst 2011 die im Park gelegene Orangerie renoviert und hier Gästezimmer und ein Restaurant anbietet.

Geplant ist nach Aussage von Feyer eine weitere Studie, in der ein geeigneter Standort für die seit mehreren Jahren diskutierte Hotelfachschule gefunden werden soll. Ferner will die Stiftung „eine Art Vorprojekt durchführen“, das zeigen soll, wie die touristischen Attraktionen von Freck, beispielsweise die Altstadt bzw. landschaftliche Attraktionen, eingebunden werden können. „Es ist wichtig, dass die Sommerresidenz nicht allein liegt, sondern ein Netzwerk hat an weiteren touristischen Attraktionen“, sagte Feyer.

Individualisierter Kulturtourismus in Freck

Unter den Tagungsteilnehmern befand sich auch Mag. Claudia Bauer-Krösbacher, Dozentin für Kulturtourismus an der Fachhochschule Krems. Im Rahmen des „CultTour“-Projektes erstellte die FH Krems ein Modell für die Revitalisierung von kulturhistorisch bedeutsamen Garten-Ensembles. „Wir sehen sehr großes Potenzial in der Anlage“, meint Bauer-Krösbacher mit Blick auf die Brukenthal’sche Sommerresidenz. Das Thema Gartentourismus sei ein Nischenmarkt, der sich immer mehr hervortut. „Das hat mit der Entwicklung der Gesellschaft zu tun. Immer mehr Menschen leben in Städten und suchen dann verstärkt die Naturlandschaft“, so die Tourismusexpertin.

Für welche Touristen ist das Frecker Anwesen interessant? „Der Tourismus geht sehr in Richtung Kulturtourismus, wobei dieser sich in ganz verschiedene Formen aufsplittet“, weiß Bauer-Krösbacher. Massentourismus wie im italienischen Florenz wird es in Freck sicher nicht geben, eher einen stark individualisierten, auf authentische Erlebnisse ausgerichteten Tourismus, den es gerade in Rumänien vielerorts noch gebe. Gerade die Authentizität der Begegnung sei in Rumänien noch vorhanden und besonders von westlichen Touristen gesucht. Wichtig für die künftige Vermarktung ist nach Meinung der Österreicherin die Vernetzung mit anderen Gärten und touristischen Zielen der Umgebung. Einer der Projektpartner, nämlich die Fakultät für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, arbeite derzeit an der Konzeption einer Gartenroute.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*