Tradition im Wandel

Vortrag von Prof. Dr. Hans Klein, Vorsitzender des Deutschen Forums Hermannstadt, anlässlich der Begegnung auf dem Huetplatz am 21. Mai 2016

Samstag, 28. Mai 2016

Johann Wolfgang Goethe hat in seinem Faust die einprägsame Sentenz formuliert: 

„Was du ererbt von deinen
Vätern, erwirb es,
um es zu besitzen.“
 

„Was du ererbt“, das ist die Tradition, durch das „erwerben“ geschieht der Wandel. Denn das „erwerben“ ist ein Prozess der Verinnerlichung, in dem Gedanken, Willensrichtungen und Gefühle mitspielen und später etwas Neues entsteht, welches den eigenen Gaben und Prägungen entspricht. Kein lebendiger Mensch kann sich alles aneignen, was als Tradition auf ihn zukommt. Wer das versucht, strebt danach, ein Museumsstück zu werden. Denn jede Tradition trägt auch der jeweiligen Situation Rechnung. Sie ist durch die Situation mitgeprägt. Und in Zeiten, wo sich die Situation wenig ändert, kann auch die Tradition mit kleinen, fast unerkennbaren Veränderungen weitergegeben werden. Verändert sich aber die Situation drastisch, muss die Tradition angepasst, zuweilen sogar erheblich verändert werden.

Goethe hat an anderer Stelle, in seinem West-Östlichen Diwan, ausgesprochen, dass alle Menschen denken, „höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit.“ Das war offensichtlich die allgemeine Meinung seiner Zeit und damit eine Aussage geprägter Tradition. Sie hat etwa 150 Jahre lang noch Bestand gehabt. Man hat auf Persönlichkeiten geachtet, hat Persönlichkeiten erzogen, sich ihnen gegenüber ehrerbietig gezeigt. Bis die Nachkriegszeit des vergangenen Jahrhunderts die Wende und den Wandel brachte. Danach wollte man keine Persönlichkeiten mehr, sondern Könner, Manager, Macher. Unsere Zeit sucht, braucht und erzieht auch keine Persönlichkeiten mehr. Man achtet zunehmend auf die Menschenrechte, in denen die Menschen weitgehend gleich sind, auch wenn man akzeptiert, dass sich einige als „gleicher“ ansehen oder als in irgendeiner Weise herausragend zur Kenntnis genommen werden. Aber nicht mehr als Persönlichkeit, sondern durch ihr Können und damit in beschränkter, nicht mehr umfassender Weise.
 

1. Die Erhaltung der Tradition

Traditionen erhalten sich bei Armut und bei politischem Druck relativ lange Zeit. Denn Armut beansprucht alle materiellen und geistigen Kräfte zum Überleben, und in Zeiten des Druckes meint man am ehesten, die inneren Werte bewahren zu können, wenn man sich nicht bückt, nicht allzu leicht nachgibt. Aber gerade solche Zeiten tragen auch den Keim für das Neue in sich. Jede Tradition will adaptiert werden. Sie ist entstanden aus der Lebenserfahrung der Traditionsträger und hat Lebenskraft vermittelt. Diese Lebenskraft verbraucht sich mit der Zeit.
 

1.1 Die Träger der Tradition

Träger der Tradition sind in vielfacher Weise die Mütter. Sie prägen die Kleinkinder und kleinen Kinder in hohem Ausmaß. Man spricht nicht zufällig von der Muttersprache. Oft haben freilich deren Aufgaben die Großmütter übernommen, wenn die Mütter tagsüber zur Arbeit gingen. Man weiß es, dass die Mütter in Haus und Familie nicht nur das Sagen haben, sondern auch das Verhalten weitgehend bestimmen. Während sie aber das Familienleben in der gewohnten Weise weiterführen und damit Traditionen weitergeben, wandeln sie im Haus die Tradition ab. Das geschieht mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht genügend bedacht wird. Sie haben aus der Lebenserfahrung ihrer Mutter gelernt, gleichzeitig aber auch das Rüstzeug zur Adaptierung mitbekommen.
 

1.2 Die Wächter der Tradition

Männer, Väter, sind die Wächter der Tradition. Es handelt sich aber nicht um die Tradition des Lebens in Haus und Familie, die von den Müttern bestimmt wird, sondern um die Tradition in der Gesellschaft. Diese erfolgt erstmals in der Schule, und es ist kaum zufällig, dass bis in die Neuzeit hinein die Lehrer Männer waren. Sie wurden dazu ausgebildet, den Kindern das entsprechende Verhalten in der Gemeinschaft beizubringen. Dazu dienten und dienen neben den Verhaltensweisen auch der Unterricht in Mathematik, in Musik und in fremden Sprachen. Schüler mussten lernen, sich auf andere Traditionen, andere Umgangsweisen einzustellen und dabei sich nicht zu verlieren, sondern die Tradition im neuen Umfeld durchzuhalten. Hat man den Bauern im Blick, so kann man feststellen, dass dieser seinen Sohn früh mitarbeiten ließ und so für die Übernahme des Hofes fähig machte. Der Handwerker ließ den Sohn ebenso an seiner Arbeit teilnehmen, schickte ihn aber, wenn er großjährig geworden war, zu anderen Handwerksmeistern in die Lehre. Das war bei geistigen Berufen vergleichbar. Dies führte dazu, dass die Söhne sehr oft in den Fußstapfen des Vaters blieben, Kinder von Musikern Musiker wurden, Kinder von Lehrern oder Pfarrern Lehrer oder Pfarrer. Damit erreichte diese Ausbildung gleichzeitig eine Förderung der Begabungen. Die großen Musiker sind meist aus Musikerfamilien hervorgegangen, ein Zeichen des hohen Wertes der Tradition in dieser Hinsicht.

So kann man sagen, dass die Väter durchaus den Jungen auch Anpassung an die sich wandelnden Verhältnisse vermitteln wollten. Es geschah aber weniger durch sie selber als durch die Begleitung von Lehrern und Meistern und schloss eine Lockerung der Bindung an sie ein. Aus der Fremde zuhause angekommen, mussten sich die Handwerksburschen oder Intellektuellen wieder einfügen. Sie hatten dazugelernt. Was sie anwenden konnten, bestimmte die Gemeinschaft. Typisch für das Verhalten der Väter ist, dass sie an dem seinerzeit Gelernten festhalten und sich für eine Veränderung überzeugen lassen wollen. Darum ist für sie wichtig, dass bei Veränderung der Tradition darüber verhandelt, diskutiert wird. Zur Veränderung von Traditionen wollen Männer eigentlich Beschlüsse. Denn Tradition ist für sie geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz. Männer möchten über Veränderungen der Tradition sprechen. Sie können sie nicht einfach hinnehmen. Wenn sich Dinge entwickeln, sehen sie zwar längere Zeit zu, irgendwann aber wollen sie wieder Regeln haben, die der Situation Rechnung tragen. Männer wollen tragfähige Ordnungen für längere Zeit. Sie wachen über die Ordnungen des Lebens.
 

2. Die Faktoren, die den Wandel bestimmen

Die lange Zeit das Leben in der Gesellschaft bestimmende Zivilisation vergangener Zeiten war geprägt von der Bauern- und Handwerkerwelt. In unserer Zeit ist die mit der 19. Jh. beginnende Industrialisierung und Technisierung bestimmend, neuerdings deren Auswirkung, die zur Globalisierung führt. Nicht erst die verheerenden Massendeportationen und Grenzverschiebungen des 20. Jahrhunderts haben die Umbrüche in den Traditionen gebracht, sondern bereits die Industrialisierung des 19. Jh. In die großen Fabriken strömten Menschen aus allen Richtungen, es kam zu einem Zusammenleben von Bevölkerungsgruppen mit ganz verschiedenen Gewohnheiten und Prägungen, die sich aufeinander abstimmen mussten. In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es dies Phänomen durch die Zuwanderer schon früher. Damit im Zusammenhang entstanden neue Arbeitskleider und das heißt, neue Kleidertrachten, die dem neuen Zweck besser entsprechen sollten. Es entstanden neue Gepflogenheiten im Leben der Arbeiter, neue Essgewohnheiten, neue Möglichkeiten der Gemeinschaftsfeiern. Und dies alles breitete sich aus. Es begann ein Wandel in der Lebensanschauung, in der Mentalität.

Nach Siebenbürgen kam diese Entwicklung verspätet, weil die Dorfgemeinschaften noch lange funktionierten. Wir können allenfalls darauf hinweisen, dass der Zuzug der Landler nach Neppendorf, Großau und Großpold Veränderung in der Dorfstrukturen brachte, die sich so auswirkten, dass Sachsen und Landler zwar immer wieder zusammenarbeiteten und auch einander heirateten, aber die jeweilige Tradition so weit wie möglich bewahrten. Der Hof bestimmte in den meisten Fällen Muttersprache, Kleidung und Tradition. In der Kirche saß man getrennt, feierte getrennt das Abendmahl. Auch die Durlacher in Mühlbach haben lange Zeit ihre Besonderheiten gepflegt. Die aus Amerika heimgekehrten „Amerikaner“, wie man sie vereinzelt nannte, haben eine neue Glaubensrichtung mitgebracht, die heute noch bei den „Evangeliumschristen“, wie sie sich nennen, besteht.

Der sturmartige Wandel dieser Traditionen vor allem durch die Entleerung der Dörfer in den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts durch die Auswanderung nach Deutschland hat eine vorhandene Tendenz nur sehr verstärkt. Es wäre auch ohne diese Ereignisse zu einem großen Umbruch gekommen. Er hätte zwar länger gedauert, die Tendenzen aber waren alle vorhanden. Und jene, die weg wollten und weggingen, trugen zumindest zum großen Teil die Hoffnung in sich, dass ein Teil der Traditionen und Lebensgewohnheiten in der neuen Heimat erhalten bleiben kann. Und allen war mehr oder weniger klar, dass es zu großen Veränderungen im persönlichen Leben und in der Gemeinschaft kommen wird. Wie das von den Einzelnen erlebt wurde, können wir kaum ermessen, es gab viele glückliche, aber auch tragische Erfahrungen, dort und hier, hier und dort.
 

3. Unsere Situation

So sind wir eine Generation der Tradition im Wandel geworden, um nicht zu sagen im Umbruch. Dort und hier. Es ist sehr vielen von uns bewusst geworden, dass wir uns in einem großen Wandel befinden und so ist uns das Nachdenken darüber wichtig. Die Fragen beschäftigen uns: Was kann aufgegeben werden, was möchten wir erhalten? An einer Stelle ist eine ganz neue Situation mit der Wende für uns eingetreten: Wir sind überall eine verschwindend kleine Minderheit in einer ganz anders geprägten Gesellschaft geworden. Ihr dort und wir hier. Das führt notgedrungen dazu, dass einige Traditionen aufgegeben werden müssen, andere verändert werden können. Kleidertrachten wandern in den Kulturbereich ab, sie werden nur noch bei bestimmten Anlässen gebraucht; Essgewohnheiten ändern sich, die Umgangssprache wird adaptiert, bei Männern leichter als bei Frauen, Sitten und Bräuche können nur noch beschränkt erhalten bleiben. Im Haus werden sie gepflegt, wo Mütter darüber bestimmen, in der Gesellschaft haben sie nur noch begrenzte Funktion. Bei euch dort und bei uns hier.
 

4. Prägungen im Wandel?

Damit kommt die Frage auf, ob auch Prägungen, unsere im Laufe der Geschichte angeeigneten Werte, diesem Wandel unterworfen sind.
 

4.1 Tradition und Prägung

Ich unterscheide: Traditionen werden weitergegeben und können auch verändert werden. Prägungen aber werden vererbt. Eine Tradition kann man adaptieren, die Prägung bleibt. Aber in der nächsten Generation bereits ist die Prägung eben durch Vererbung verändert, weil oftmals die neuen Eltern verschiedene Prägungen haben, insofern sie aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen kommen. Prägungen in einer Gemeinschaft bleiben erhalten, so lange ein gewisses Erbgut sich erhalten lässt und besonders dann, wenn man innerhalb einer Gemeinschaft mit denselben Prägungen heiratet.

Aber wir fragen, ist eine Prägung immer hilfreich? Sie ist im Laufe der Zeit entstanden. Kann sie sich nicht auch als Hemmschuh in der Entwicklung erweisen? Für uns in Hermannstadt kann als sicher gelten, dass die Mehrheitsbevölkerung zumindest Teile unserer Prägung schätzt. Das zeigt sich daran, dass sie nun schon seit längerer Zeit unsere Leute mehrheitlich in den Stadtrat gewählt hat. Dies geschah wahrscheinlich, weil sie einiges von unseren Werten kennt, die aus der Tradition stammen und zu Prägungen wurden. Sie möchte an diesen Werten teilhaben.

Dazu gehört die erstrebte Lebenshaltung, wonach wir auf die Reinheit des Herzens und die Durchsichtigkeit unserer Handlungen achten, die sich in der Reinlichkeit der Haushalte, des Hofes und der Straßen widerspiegelt. Das ist eine Haltung, die mit unserm Selbstverständnis und damit auch mit unserm Glauben zusammenhängt. Es gehört dazu auch die Einstellung, dass Gemeinwohl vor Eigenwohl zu stellen ist. Das ist bei uns durch die Jahrhunderte hindurch im Zusammenleben in den Nachbarschaften und Gemeinden ein wichtiges Ziel, sogar Verhaltensmuster geworden. Bei einer Minderheit ist das Gemeinschaftsgefühl immer stark ausgeprägt. Was von uns jetzt erwartet wird, ist, dass wir dieses Denken und Verhalten auch zu Gunsten der Gesamtbevölkerung einbringen, die nicht so entschieden nach diesem Modell lebt und in dem das persönliche Wohl und das der näheren, übersichtlichen Umgebung, des Clans, wichtiger ist. Diese eben genannte Einstellung ist wahrscheinlich bei jeder Mehrheitsbevölkerung vergleichbar. Denn es fehlt der Zusammenhalt der Menschen vor Ort, man pflegt Gemeinschaft mit Anverwandten und Freunden.

Traditionen der Erziehung sind im Laufe der Zeit in die Gene übergegangen und Prägungen geworden. Die 50 Jahre Kommunismus konnten unsere Traditionen und Prägungen nicht gänzlich zerstören. Angekratzt wurden sie aber schon. Angesichts der neuen Möglichkeiten ist die Versuchung groß, es wie viele andere zu machen und Traditionen zumindest teilweise zu vernachlässigen.
 

4.2 Veränderungen in der Prägung

Ein Wandel der Prägungen kann relativ leicht erfolgen, wenn junge Menschen Partner aus einer anders geprägten Gesellschaft heiraten. Denn der anders geprägte Ehe-Teil vermittelt auch seine eigene Prägung auf die Kinder. Auf diese Weise schwächt sich die Prägung ab. Damit kommen Fragen auf: Können Mütter als Träger der Tradition in solchen Verhältnissen weitere Impulse zur Erhaltung der geprägten Eigenart geben? Können Väter über die Erhaltung derselben wachen? Sind nicht auch die festen Prägungen solchem Wandel unterworfen? Wir sind gewohnt, in allen Dingen Durchsichtigkeit zu pflegen und zumindest immer wieder Ordnung zu machen, wenn wir sie nicht einhalten können. Wenn die Fülle der neuen Möglichkeiten uns in einen Wandel zwingt, wo wir die Dinge überhaupt nicht mehr übersehen und darum auch keine Ordnung darin finden oder für uns machen können, verliert sich die Prägung, die Tradition bricht zusammen.
 

5. Schluss

Wir sind alle in eine Situation geraten, in der wir uns bewähren müssen mit einer Prägung, die solch eine Situation nicht im Blick hatte. Siebenbürger Sachsen konnten der Gefahr der Türken widerstehen. Sie haben gelernt, auf Gefahren gemeinschaftlich zu reagieren. Aber für die großen Veränderungen unserer Zeit haben wir keine Traditionen oder Prägungen durch die Geschichte erhalten. Wir befinden uns in Neuland, ihr dort und wir hier. In solch einem Fall ist jedes gelungene Element ein Grundstein einer neuen Tradition. Unsere Prägungen sind durch die Heirat mit Partnern aus anderen Prägungen in eine Krise geraten. Aber gerade solche Krisen drängen zu neuen Ufern, neuen Erfahrungen, neuen Werten. Und wenn wir diese Krise gut überstehen, wächst der Segen.

Ich erachte die Herausforderungen unserer Zeit für eine ungemeine Chance zur Herausbildung neuer Traditionen in dem großen Wandlungsprozess. Ich halte Ausschau nach Möglichkeiten neuer Lebenserfahrung zur Herausbildung neuer Lebenshaltungen und bin sehr zuversichtlich. Die Möglichkeiten, die uns zurzeit gegeben sind, tragen meiner Einsicht nach die Zeichen des Segens in sich. Ich sage dies in dem Wissen, dass diese Sicht nicht von allen geteilt wird.

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