Traditionen schaffen und gleichzeitig innovativ sein

Wie der rumänische Buchhandel ums Überleben kämpft

Freitag, 05. Juli 2013

55 Prozent der Rumänen haben 2012 kein einziges Buch gelesen. Buchhandlungen versuchen, durch Kulturveranstaltungen ihre Kunden zu erziehen.
Foto: Zoltán Pázmány

Es ist eine erschreckende Bilanz, die das Rumänische Institut für Sozialforschung Ende 2012 vorgelegt hat: Mehr als die Hälfte der Rumänen hat kein einziges Buch im vergangenen Jahr gelesen. 2013 scheint nicht das Jahr der Wende in dieser Hinsicht zu sein, denn allein in Temeswar wurden in den letzten Monaten zwei Buchhandlungen geschlossen. Der 19. Juni 2013 müsste als schwarzes Kapitel in die Geschichte der Stadt eingehen. Denn die erste erfolgreiche Buchhandlung nach der Wende musste nach fast 20 Jahren schließen. Als die Humanitas-Buchhandlung „Emil Cioran“ im Jahr 1995 auf der Mercy-Straße eröffnet wurde, bildeten sich lange Menschenschlangen, wie die vor dem Louvre. Der Erfolg habe damals dazu geführt, dass andere Buchhändler in Temeswar ihre Zelte aufschlugen. Darum ist es umso besorgniserregender, dass gerade Humanitas die weiße Kapitalutionsflagge gehisst hat und wie anno 2013 die Bürger auf diesen Rückzug reagiert haben.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass Humanitas in den letzten Jahren durch die beiden Cărtureşti-Buchhandlungen und „Librarium Cartea de Nisip“ eine ernst zu nehmende Konkurrenz erhalten hat. Dass das Angebot der drei großen Handelsketten sich kaum voneinander unterscheidet, dürfte auch eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Die Filialen „Emil Cioran“ und „Joc Secund“ waren für Humanitas nicht mehr profitabel. Doch wie viel Gewinn macht überhaupt die Konkurrenz? Bücher sind teuer und die Rumänen scheinen immer weniger gerne zu lesen. Darum müsste man sich die Frage stellen: Ist die Schließung der Humanitas-Buchhandlungen nur eine unglückliche Ausnahme oder vielleicht das erste Anzeichen einer Involution?

Zumindest der Cărtureşti-Buchhandlung in der Iulius Mall scheint es gut zu gehen: Ständig sieht man Menschen dort, mit Büchern in den Händen, wie sie auf den Holztreppen zwischen den Regalen wie in einer Bibliothek hocken und lesen. Nur der gelegentlich abschweifende Blick zu den anderen Kunden bricht die Illusion des eifrigen Lesers, für den Bücher eine Leidenschaft darstellen. Was sie gerade lesen, wieso sie es gerade lesen, ist belanglos, Hauptsache, sie lesen etwas, und was noch viel wichtiger ist, man sieht sie dabei, dass sie lesen. Mit anderen Worten: Es geht um Schauspiel. Viele gehen in diese Buchhandlungen rein, um sich eine Fantasie zu erfüllen. Sie wollen als Intellektuelle, sie wollen als Ausnahme von der Regel gelten. Doch Studien zeigen seit Jahren, wie wenig noch gelesen wird. Und Buchhandlungen halten sich in der Regel schwer über Wasser, weil nicht genug abgesetzt wird. In Deutschland sieht man nicht selten Menschen mit dem Buch in der Hand oder zumindest mit einem eBook-Lesegerät. Da schweifen auch keine Blicke zu den anderen ab. Sondern da wirken die Menschen noch in ihre Lektüre vertieft. Es ist also kein Schauspiel, sondern echtes Interesse. Und selbst dort geht es Buchhandlungen schwer. Aufgrund der Fülle an Büchern und an Konkurrenzgeschäften.

In Rumänien müssen die Menschen erst angelockt und dann überzeugt werden. Darum konzentrieren sich Händler wie Cărtureşti und Librarium auch auf Kulturarbeit. Ihre Buchhandlungen sind längst nicht mehr ausschließlich Horte des geschriebenen Wortes. Hier finden regelmäßig Ausstellungen und Vorstellungen statt. Sie sind zu kleinen Kulturzentren avanciert, die sich darum bemühen, den Bürger kulturell zu erziehen. Und das hat nichts mit idealistischen Wertvorstellungen zu tun. Vielmehr ist es eine Muss-Frage. Man muss den Berg zum Propheten bringen, dabei aber auch stets bedenken – so wie es Georg Christoph Lichtenberg einst sagte – dass ein Buch ein Spiegel ist, aus dem kein Apostel herausgucken kann, wenn nur ein Affe hineinsieht. Ein Blick auf die rumänischen Bestsellerlisten unterstreicht dieses Dilemma, das allerdings kein nationales, sondern ein internationales ist. Der Mensch muss erzogen werden. Es reicht nicht, ihn bloß an Kultur zu gewöhnen. Er muss auch unterscheiden können. Was ist anspruchsvoll und was ist trivial?

Die Kulturarbeit der Buchhandlungen leistet einen wichtigen, wenn auch keinen selbstlosen Beitrag. Victor Marian war früher für die Öffentlichkeits- sowie Kulturarbeit der Buchhandlung „Cartea de Nisip“ in Temeswar verantwortlich. Im Frühjahr 2012 wurde der Laden um das sich darunter befindende Kellergewölbe erweitert, das mit 250 Quadratmetern beträchtlich größer ist, als die Buchhandlung selbst. Dort unten wurden eine Teestube sowie ein Museum eingerichtet. Der neue Raum wird zudem für diverse Veranstaltungen genutzt. Der Grund, weshalb man sich für die Erweiterung entschieden hat, sei ein pragmatischer gewesen, so Marian. Durch kulturelle Veranstaltungen würde man nicht nur neue potenzielle Kunden anlocken, man würde auch freie Werbung für die Buchhandlung machen. Um möglichst viele neue Käufer zu gewinnen, veranstaltet „Cartea de Nisip“ mannigfaltige Events, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten. Auch Cărtureşti arbeitet seit einigen Jahren schon mit kulturellen Einrichtungen der Stadt zusammen, wie etwa dem Deutschen Kulturzentrum und dem Französischen Kulturinstitut.

Doch ob dadurch beträchtlich mehr Bücher abgesetzt werden, kann man nicht hundertprozentig sagen. Es geht auch selten um mehr Umsatz, sondern vielmehr darum, im Gespräch zu bleiben und eine mögliche Schließung abzuwenden. Für den Kunden kann die relativ kleine Anzahl an Buchhandlungen in einer Stadt wie Temeswar nur von Nachteil sein. Eben weil die Angebote der inzwischen zwei großen, konkurrierenden Händler fast identisch sind. Wenn eine Buchhandlung ein bestimmtes Buch nicht hat, dann kann man sich darauf einstellen, dass die andere es auch nicht besitzt. Es schaut gegenwärtig sehr trist im rumänischen Buchhandel aus. Aber es wird zumindest darum gekämpft, sich den Kunden heranzuziehen. Leichter wird es nicht, besonders mit dem Aufkommen digitaler Bücher. Wie auch die rumänische Presse muss auch der rumänische Büchermarkt zwei Kämpfe gleichzeitig ausfechten: Zum einen müssen beide die Entwicklung nachholen, die sie wegen der sozialistischen Verhältnisse verpasst haben, zum anderen müssen sie mit der Zeit gehen und sich dem Internet stellen, das den Markt auf den Kopf stellt. Buchhändler müssen somit Traditionen schaffen und gleichzeitig innovativ sein.

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