Tränen aus der Vergangenheit

Buchvorstellung und Gedenken: „Deportation von Bukowinadeutschen in die Sowjetunion“

Samstag, 27. Februar 2016

Die Gruppe Edelweiß aus Kimpolung/Câmpulung Moldovenesc eröffnet die Buchpräsentation im Naturkundemuseum von Suceava.

Die Autoren (v.li) Dr. Ioana Scridon, Dr. Ortfried Kotzian und Luzian Geier mit Vizekonsul Sergij Osatschuk und Prof. Ştefan Purici

Begrüßung mit Gesang auch im Deutschen Haus in Radăuţi: vorne Unterstaatssekretärin Christiane Cosmatu, rechts Eduard Mohr, Leiter des Vereins der Buchenlanddeutschen.
Fotos: Nina May

„Ich habe keine Wurzeln in der Bukowina, doch wenn man Forschung ohne die Menschen macht, dann ist sie umsonst“, erklärt Dr. Ortfried Kotzian, der das 1989 in Augsburg eröffnete Bukowina-Institut aufgebaut und bis 2002 geleitet hat, anlässlich der Vorstellung des Buches „Deportation von Bukowinadeutschen in die Sowjetunion“. „Als der Schlüssel für das Institut übergeben wurde, hatte sich gerade die Mauer im geteilten Deutschland geöffnet“, fährt er fort. Und damit auch der Eiserne Vorhang. Endlich konnte man nicht nur im Trockenen forschen, sondern reisen und vor Ort persönliche Bande knüpfen! Was das Thema betrifft, war es ein Wettlauf mit der Zeit...

1993, Bukowina, Buchenland. Mit seiner Frau Marie-Luise reist Kotzian im September und Oktober in die rumänische Südbukowina, um Zeitzeugeninterviews zu führen. Mit Listen, vorbereitet vom Demokratischen Forum der Buchenlanddeutschen, und dem von Otto Exner, dem Bruder der heutigen Leiterin Antonia-Maria Gheorghiu, zur Verfügung gestellten Privatwagen, begaben sie sich auf Spurensuche. 25 Personen wurden interviewt, 19 Befragungen hielt man für wissenschaftlich auswertbar. Als Orientierung diente ein Fragebogen nach wissenschaftlichem Standard, doch auch ausführlichere Antworten und Abschweifungen wurden zugelassen, ohne die Frage nach dem wissenschaftlichen Wert von „oral history“ erst aufkommen zu lassen. Veröffentlicht wurden die Interviews der Reihe nach in der Buchenlanddeutschen Zeitung des Instituts „Der Südostdeutsche“ unter Chefredakteur Luzian Geier. Eine Herausgabe als Buch scheiterte damals an den Finanzmitteln.

23 Jahre später, 20. Februar 2016. Füße stolpern über die Stative der Fernsehkameras und für die Mäntel und Jacken ist kein Platz mehr auf den Stühlen, so voll ist der Saal im Naturkundemuseum von Suceava. Gut Ding braucht Weile, doch endlich ist es so weit: Aus der Artikelsammlung von 1993 ist dank Finanzierung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) doch noch ein Buch geworden - pünktlich zum Anlass des 25. Jubiläums des Buchenland-Regionalforums. Es ist das erste, das sich mit der Deportation der Bukowinadeutschen befasst, bemerkt der stellvertretende Vorsitzende des Bana-ter Forums, Erwin Josef Ţigla. Auch DFDR-Geschäftsführer Benjamin Jozsa zeigt sich beeindruckt: „Ich war einer der ersten Leser, als das Buch noch im Druck war - jede Zeile lohnt sich!“
Zwei weitere Buchpräsentationen folgten: am selben Tag vor deutschsprachigen Schülern und Jugendlichen in Suceava mit anschließender Diskussion, und am Sonntag den 21. Februar im Deutschen Haus in Radauţi vor dem Verein der Buchenlanddeutschen.

Autoren und Zeitzeugen

Die Autoren sind Dr. Kotzian, der Journalist Luzian Geier, auch ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Augsburger Bukowina-Institutes, sowie Dr. Ioana Scridon von der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg/Cluj-Napoca. Einleitende Worte zur Buchpräsentation finden Unterstaatssekretärin Christiane Cosmatu vom Departement für Interethnische Beziehungen an der rumänischen Regierung (DRI), Prof. Ştefan Purici, Prorektor der Universität „Ştefan Cel Mare“ in Suceava, der österreichische Vize-Honorarkonsul und Schriftsteller Sergij Osatschuk aus Czernowitz/Cernăuţi aus dem nördlichen Teil der Bukowina in der heutigen Ukraine und natürlich Antonia-Maria Gheorghiu, als Vorsitzende des Regionalforums, die Gastgeberin.

Wie so manche unter den Anwesenden ist auch sie eine Art Zeitzeugin - ein „Mitbringsel“ ihrer Eltern aus Sibirien, geboren im Buchenland eine Woche nach der Rückkehr der Mutter aus dem Lager Mednagorsk, wo sich Rosa Kohl und Otto Exner kennen gelernt hatten. Oder Rodica Cojocaru, deren Mutter sie auf der Rückfahrt im Zug geboren hatte - Teresia Kipper war zusammen mit ihrer älteren Schwester Hedwiga nach Sibirien deportiert worden, ihre Interviews finden sich im Buch. In Rodicas Ausweis steht kein Geburtsort, eine seltene Kuriosität - denn der liegt irgendwo im Nirgendwo, zwischen Magnitogorsk und der rumänischen Grenze. Mit gespitzten Ohren hatten die Frauen als Kinder den „verbotenen“ Gesprächen ihrer Eltern mit ehemaligen Leidensgenossen gelauscht - und so einiges an Information hinübergerettet.

Auch Autor Luzian Geier befasst sich nicht nur aus wissenschaftlicher Distanz mit dem Thema Deportation. Die Mutter des Banater Schwaben war selbst eine Betroffene. „Das Buch soll für das Erinnern stehen“, bekennt er und bemerkt: „Die Freiheit, so etwas zu veröffentlichen, gab es nicht immer!“ Man wollte das Leben einfacher Menschen darstellen, erklärt er, daher ist die Dokumentation auch mit persönlichen Erinnerungen der Befragten vermischt. Redaktionell wurde in die Interviews nicht eingegriffen, um den lokalen Sprachkolorit zu erhalten. „Das Buch ist nicht als Abrechnung oder Anschuldigung gedacht, sondern soll verstehen helfen, wie es wirklich war“, präzisiert Geier. Und betont: Man müsse unterscheiden zwischen russischer Politik und den Russen als Menschen. „Meine Mutter hat immer gesagt, die Russen haben mit uns die letzte Zigarette geteilt.“

Ioana Scridon berührte vor allem das Schicksal der deportierten Frauen. Nie mussten so viele (zurückgelassene) Kinder ohne Mütter und Väter aufwachsen wie in den Jahren 1945-49. Mehr als die Hälfte der Verschleppten waren Frauen. Die Trennung von ihren Kindern ließ sie Verzweiflungstaten begehen oder führte zum sozialen Rückzug. „Was meine Mutter machte, wenn andere sich unterhielten, sangen oder tanzten? Sie saß in einer Ecke und weinte vor Sehnsucht nach ihren drei Kindern (nicht nach ihrem Mann)“, hatte ihr Luzian Geier geschrieben. Deportiert wurden auch Schwangere, so dass in den Lagern bald erste Babys geboren wurden. Andere waren selbst noch Kinder: Elfriede Polluch war zum Zeitpunkt der Deportation 16, Stefanie Costiniuk sogar erst 15 (siehe Interviews). Die Nachwirkungen der Lagerarbeit zeigten sich manchmal erst in der nächsten Generation: Rosa Kohl-Exner, die in den Schwefelminen Sibiriens gearbeitet hatte, brachte fünf Jahre nach der Rückkehr einen Jungen zur Welt - mit einem Schatten auf der Lunge.

Gliederung und interessante Aspekte

Im ersten Teil liefert das Buch einen zeitgeschichtlichen Rahmen, der knapp und prägnant über Ursachen, Verlauf und Umstände der Deportation, die Situation im Lager sowie die Rückkehr der Deportierten im Allgemeinen und insbesondere aus der Bukowina schildert. Dabei stellt sich heraus, dass aus der Bukowina überdurchschnittlich viele ethnisch Nichtdeutsche verschleppt und grobe Altersverletzungen nach unten wie oben begangen wurden. Interessant auch, mit welchen Methoden manche versuchten, ihr Schicksal abzuwenden. Es gab Frauen, die zum Schein rasch einen Rumänen heirateten - freilich nicht immer ohne Gewissensbisse, wussten sie doch, dass an ihrer Stelle jemand anderer deportiert wurde. Auch war die Mischehe kein sicherer Schutz, wie der Fall einer Verschleppten beweist, die bereits ein Jahr vor 1945 einen Rumänen geheiratet hatte. Andere versuchten, sich durch chirurgische Eingriffe zu entziehen.

Bereits auf dem Weg ins Donezbecken und nach Sibirien war die Armut der russischen Bevölkerung Gegenstand der Beunruhigung unter den Verschleppten: Sie hatten beobachtet, wie russische Frauen und Kinder den Mist, den sie aus den Waggons warfen, nach Essbarem durchsuchten.
In den Lagern angekommen, wurden bisherige soziale Schichten über den Haufen geworfen: Handwerker fanden Arbeit in ihrem Beruf, Gymnasiasten und Studenten galten hingegen als unqualifiziert und mussten Schwerstarbeit beim Fabrikaufbau und in Bergwerken leisten, bei wesentlich schlechterer Bezahlung. Wer Russisch konnte, wurde mit etwas Glück zum Lageraufseher oder Küchenchef ernannt.

Dramatisch war die Versorgungslage. Wem die nach Schwere der Arbeit bemessene Essensration nicht reichte, der stahl Kartoffelschalen oder fing Hunde und Katzen mit Fallen. Manche berichteten, dass sogar Rattenfleisch gegessen wurde. Etwa 30 Prozent der Deportierten verhungerten in den Lagern, schätzt Luzian Geier. Nach den Interviews mit den Zeitzeugen im zweiten Teil werden in Teil III „Erinnern und Gedenken“ einige Aspekte vertieft: Briefe aus dem Lager, Listen von Deportierten, besondere Vorfälle und persönliche Resümees, die Situation der Frauen und der im Lager geborenen „Russlandkinder“, etc. Im vierten Teil geht Dr. Kotzian auf die Geschichte der Bukowinadeutschen in Rumänien und in der Ukraine ausführlich ein: Herkunft, Gründung des Buchenland-Regionalforums und dessen 25-jähriges Bestehen, die Geschichte der Patenschaft des bayrischen Bezirks Schwaben mit den beiden Teilen der Bukowina (Rumänien/Ukraine), Entwicklungen und Perspektiven.

Requiem gegen das Vergessen

Am Sonntag den 21. Februar wurde in der römisch-katholischen Kirche „Johannes von Nepomuk“ in Suceava ein Gedenkgottesdienst für die verstorbenen Deportierten abgehalten. Der Tod ist auch im Buch allseits präsent, manchmal mit bestürzender Deutlichkeit. „Ich habe meinen Bruder dort begraben“, berichtet Zeitzeugin Marta Filip. „Nicht in der Erde, die war bei 45 Grad Kälte gefroren“, fährt sie fort. „Ich habe meinen Bruder neben einen Tannenbaum hingelegt. Nach 20 Tagen wollte ich nach ihm schauen. Die Wölfe hatten ihn gefressen. Nur die Knochen lagen dort.“ Über Identität und Umstände der in der Fremde Verstorbenen wurde auch mit den Schülern und Jugendlichen diskutiert. Nur aus Zeitzeugenaussagen und durch Vergleich der Listen der Deportierten und der Rückkehrer kann man schließen, wer umgekommen sein muss. Ţigla berichtet, die Russen hätten die Grabstätten der Lager gezielt eingeebnet, eine Identifizierung sei daher unmöglich. Dr. Kotzian äußert allerdings die Hoffnung, dass eines Tages doch noch mehr ans Tageslicht kommt. Es zeigte sich, dass die Russen viel mehr dokumentierten, als sie offiziell zugeben, verriet er.

Sergij Osatschuk hat in Czernowitz alle Dokumente studiert, die sich mit der Deportation befassen. Daraus ging deutlich hervor, dass laut damaliger russischer Politik alle anderen Volksgruppen als Feinde galten. Die im Buch zitierten Zeitzeugen bestätigen: in den Lagern gab es neben Deutschen auch Tschechen, Polen, Ukrainer, Ungarn, Roma, ja sogar Japaner und Amerikaner. Schuld sind nicht „die Russen“, sondern der autoritär geführte Staat, der die Konkurrenz einzelner Menschen nicht aushalten kann, warnt Osatschuk und fügt an: deshalb wird es in einem solchen immer zu Gewalt kommen, denn die einfachste Lösung lautet, weg mit dem Störenfried!

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„Deportation von Bukowinadeutschen in die Sowjetunion“ von Ortfried Kotzian, Ioana Scridon und Luzian Geier, ISBN 978-606-8573-42-7, Honterus-Verlag Hermannstadt/Sibiu, herausgegeben vom Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien und dem Regionalforum Buchenland mit Hilfe des Bukowina-Instituts Augsburg und finanzieller Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen an der rumänischen Regierung. Das Buch wird gratis verteilt und ist in Rumänien erhältlich beim Demokratischen Forum der Buchenlanddeutschen, Tel./Fax 0230 521150.

Kommentare zu diesem Artikel

Günther, 01.03 2016, 20:01
"Daraus ging deutlich hervor, dass laut damaliger russischer Politik alle anderen Volksgruppen als Feinde galten. Die im Buch zitierten Zeitzeugen bestätigen: in den Lagern gab es neben Deutschen auch Tschechen, Polen, Ukrainer, Ungarn, Roma, ja sogar Japaner und Amerikaner."
Könnte das etwa daran liegen, dass bei all diesen Nationen bis heute "der Russe" immer schon als Feiund galt?

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