Trainiert wird auf dem Spielfeld, mehr ist nicht

Schlechte Bedingungen in der Jugendarbeit zieht rumänische Fußballtalente ins Ausland

Samstag, 26. November 2016

Relu Stoian wurde am 1. März 1996 in Bukarest geboren.

Ricardo Farcaş wurde am 24. Juni 2000 in Großwardein geboren.

Vlad Dragomir (links) wurde am 24. April 1999 in Temeswar geboren.

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 spielte Rumänien zwei letzte Testspiele gegen Paraguay und die Republik Moldau. Im Anschluss an den knappen Sieg gegen die Südamerikaner und den darauffolgenden Unmut der Fans und Journalisten über die schwache Leistung der Auswahlmannschaft, zeigte sich Gheorghe Hagi bei der anschließenden Pressekonferenz sichtlich resigniert von deren Blindheit gegenüber den Zuständen im rumänischen Fußball. „Der rumänische Klubfußball ist tot. Vergangenheit! Vorbei! In zwei oder drei Jahren, nichts!“
Überstand Steaua Bukarest in diesen Jahren einmal die Qualifikationsrunde zur Champions League, schieden sie stets bereits in der Gruppenphase aus. Der Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1986 begann zu verblassen. „Für zehn Jahre haben wir (durch unsere Leistungen) die furchtbaren Konditionen in Rumänien verdeckt.“ „Wir verdienen es, dass ihr uns Statuen errichtet, wenn man bedenkt, was wir (die Nationalmannschaft) trotz der Bedingungen in Rumänien erreicht haben“, entgegnete Hagi den Journalisten an jenem Abend.

Marode Stadien und leere Tribünen durchzogen das Land von Sathmar bis Konstanza. Viele Spieler suchten ihr Glück im Ausland. Die anhaltende Erfolglosigkeit auf europäischer Ebene konnten weder das UEFA-Pokal-Viertelfinale zwischen Steaua und Rapid Bukarest, noch der mit Legionären erkaufte Erfolg von CFR Cluj überdecken.In den Nachbarländern, ob der Ukraine, Bulgarien oder Ungarn sah es nicht besser aus. Auch in Serbien war der Sieg von Roter Stern Belgrad im Landesmeisterpokal 1991 nur noch eine Erinnerung an bessere Fußball-Tage.
In den vergangenen Jahren lagen die Resultate der rumänischen Nationalmannschaft meist über der tatsächlichen Qualität der Spieler. Das Erreichen der Gruppenphase der Champions League durch die rumänischen Meister CFR Cluj, Steaua Bukarest und Unirea Urziceni ließ die heimische Liga in der UEFA-Länderwertung weit vor Serbien und Ungarn stehen.
Trotzdem wurde die serbische U-20-Nationalmannschaft 2015 in Neuseeland Weltmeister. Die rumänische U-19-Nationalmannschaft scheiterte ein Jahr zuvor in der Qualifikation an Österreich und Russland. Sowieso nahm Rumänien nur ein einziges Mal an einer U-20-Weltmeisterschaft teil – 1981.

Eine Analyse aus dem Jahr 2014 hat gezeigt, dass zum damaligen Zeitpunkt 74 ehemalige Jugendspieler von Partizan Belgrad in europäischen ersten Ligen spielen, 47 von Roter Stern und 126 weitere Spieler von Vojvodina Novi Sad, Rad Belgrad, OFK Belgrad und Borac Cacak. Vier Jahre zuvor hatte Steaua-Eigentümer „Gigi“ Becali das Nachwuchszentrum seines Klubs mit den Worten: „Ich gebe zu viel Geld für die Jugendakademie aus. Sie ist es nicht wert“, geschlossen.
Mit 16 Jahren hatte Relu Stoian Rumänien verlassen, um sich der Jugendakademie von Honvéd Budapest anzuschließen. Heute ist der 20-Jährige der Stammtorwart von Juventus Bukarest. Über seine Zeit in Ungarn und die dortigen Trainingsmöglichkeiten sagte Stoian rückblickend: „In Ungarn hat jede Mannschaft zwölf Trainingsfelder. Wir haben ein Spielfeld und einen Trainingsplatz. Man konzentriert sich dort sehr stark auf die Kinder und Jugendlichen. Es geht sehr streng zu in Bezug auf das Essen, den Trainingsplan, absolut alles. Auch in Bezug auf die Schule. Die Lehrer sind zu uns auf den Campus gekommen und haben uns unterrichtet. In Rumänien war dies nie der Fall.“

Vor sieben Jahren hat Gheorghe Hagi die rumänische Nachwuchsarbeit selbst in die Hand genommen und die „Academia de Fotbal Gheorghe Hagi“ gegründet. Es ist die einzige rumänische Fußballschule auf europäischem Top-Niveau, die gleichzeitig einen hohen Anteil der Nachwuchs-Nationalspieler stellt. In der vergangenen Saison konnten sowohl die U-17- als auch die U-19-Mannschaft den Landesmeistertitel gewinnen.
Doch die fehlende Qualität im Jugendfußball, in Ausbildung und Spielniveau, lässt die Top-Talente weiterhin ins europäische Ausland abwandern. Erste Anlaufstelle ist in der Regel Italien. George Puşcaş ging 2012 zu Inter Mailand und Ianis Hagi hat es im Sommer zum AC Florenz gezogen. Zwei weitere, sehr talentierte Spieler haben allerdings andere Ziele gewählt.

Ein Junge aus Temeswar unter den Fittichen von Arsene Wenger

Im Sommer 2015 hat Arsenal London, dessen Trainer Arsene Wenger bekannt für seine Affinität zu jugendlichen Top-Talenten ist, elf neue Nachwuchsspieler in seine Akademie in London aufgenommen. Einer der Neuzugänge war Vlad Dragomir, der schon im Alter von 15 Jahren zu zwei Kurzeinsätzen in der zweiten Liga für ACS Temeswar kam. Zwei Jahre lang sollen die Londoner Dragomir beobachtet und schließlich rund 100.000 Euro überwiesen haben.
In seinem ersten Jahr bei den „Gunners“ stand er in 17 Spielen für die U-18-Mannschaft auf dem Platz. Dragomir selbst sagte im Sommer, dass die Anfangszeit in England schwer war. Die Sprachbarriere hatte den Kontakt zu den Mitspielern erschwert. Er verbrachte viel Zeit damit, Kontakt nach Hause zu halten. Mittlerweile haben sich seine Englisch-Kenntnisse stark verbessert und auch die Familie ist nach England übergesiedelt.
Als Kind wurde Dragomir noch in der Verteidigung aufgestellt, später aufgrund seiner Schnelligkeit auf der Außenbahn. Seine ruhige Spielweise und Übersicht führten dazu, dass der Linksfuß heute im zentralen Mittelfeld die Fäden zieht. Seine Schusskraft und Dribbelstärke erinnern an Toni Kroos.

In diesem Jahr kam Dragomir neben Spielen in der U-18-Mannschaft auch schon zu Einsätzen in der Professional U23 Development League, der höchsten Nachwuchsliga in England. Zusätzlich ließ ihn Arsene Wenger häufiger mit den Top-Spielern Theo Walcott, Olivier Giroud und Mesut Özil trainieren. Über den Deutschen sagte Dragomir: „Ich hatte mir Spiele von Mesut Özil schon angeguckt, lange bevor er für Arsenal gespielt hat. Er war der Spieler, von dem ich versucht habe, zu lernen. Jetzt kann ich ihm aus nächster Nähe zusehen, insbesondere dann, wenn ich selbst mit den Profis trainiere. Es hilft auf der mentalen sowie auf der technischen Seite und ich fühle, dass ich mich verbessere, wenn ich mit der ersten Mannschaft trainiere.“

Auf den Spuren von Michael Reiziger  und Frank de Boer

Einst führte in Europa kein Weg an Ajax Amsterdam vorbei. Die Niederländer gewannen in den Jahren 1971, 1972 und 1973 den Europapokal der Landesmeister. In der Champions League triumphierten sie 1995 mit sieben Spielern, die in der eigenen Jugendakademie ausgebildet wurden. Es war der letzte große internationale Erfolg des Klubs. Auf europäischer Ebene dominieren heute andere Mannschaften. Doch in der Nachwuchsförderung ist Ajax Amsterdam noch immer eine der ersten Adressen. Aus keiner Jugendakademie spielten 2014 mehr Fußballer in einer europäischen ersten Liga.
Im Sommer diesen Jahres wechselte Ricardo Farcaş in die Jugendabteilung des Klubs. Der in Großwardein geborene Innenverteidiger begann das Fußballspielen bei Luceafărul Oradea und wechselte im Sommer 2014 nach Griechenland. Dort führt der englische Top-Klub Arsenal London eine von Dutzenden Elite-Akademien rund um den Globus.

In Amsterdam spielt Farcaş regelmäßig für die U-17-Mannschaft und wurde auch schon in den Kader der U-19 berufen. Über seine ersten Monate bei Ajax sagte der Innenverteidiger: „Es ist eine sehr schwierige Meisterschaftsrunde mit vielen unberechenbaren Mannschaften. Trotzdem ist es unser Ziel die Liga zu gewinnen. Wir haben sehr erfahrene Trainer und ich hoffe, dass wir ein gutes Jahr haben werden.“
Für die rumänische U-17-Nationalmannschaft bestritt Farca{, zu dessen Vorbildern Gerard Piqué und Cristian Chivu zählen, im Oktober gegen England, Österreich und Aserbaidschan alle drei Qualifikationsspiele zur U-17-Europameisterschaft. Zwischen 1999 und 2003 spielte der Innenverteidiger aus Reschitza selbst für Ajax Amsterdam. Einer der Stützen Farcaş‘ bei den Niederländern ist auch George Og˛raru. Der ehemalige Spieler von Steaua Bukarest betreut als Assistenztrainer die zweite Mannschaft. „Herr George hatte eine sehr wichtige Rolle und ich bin ihm sehr dankbar. Ich hoffe, dass ich ihm sein Vertrauen durch meine Entwicklung zurückzahlen kann.“

Kommentare zu diesem Artikel

Manfred, 26.11 2016, 13:33
Sehr guter Artikel,der die Probleme beim Namen nennt.In vielen anderen Sportarten gibt´s die gleichen Probleme,ein Blick in die Medaillenbilanz der letzten Olympiade beweist das.

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