Traumpfad-Wandern in Bukowina und Maramuresch

Bäuerliche Kultur, Weltkulturerbe – und viel Natur

Sonntag, 26. Juni 2016

Herrlich ist die Natur: Pârâu Negrei (Suceava)

UNESCO-Welterbe: die Holzkirche von Budeşti

Hora de la Prislop am Prislop Pass (Suceava, Maramuresch, Bistritz-Nassod)

Huzulenjungs hoch zu Ross (Suceava)
Fotos: Günther Krämer

Die Zeitschrift Trekking-Magazin fragte Lis Nielsen, die dänische Präsidentin der Europäischen Wandervereinigung: „Lis, was ist dein Geheimtipp für Fernwanderungen in Europa?“ Antwort: „Die Karpaten in Rumänien. Wer die Natur und Berge liebt, ist hier genau richtig. Und die Menschen sind ausgesprochen gastfreundlich. Sie begegnen uns Wanderern sehr offen und freundlich und freuen sich noch ehrlich über Gäste.“

Tatsächlich führen unzählige wunder- und wanderbare Pfade durch ein wahres Wanderparadies in den rumänischen Karpaten. Es sind Zeitreisen durch eine Kulturlandschaft, gepflegt in Handarbeit wie zu Urgroßelterns Zeiten, mit Pferdewagen, Sense und Heugabel, Blumenwiesen, ein unendlich großes Netz von Fußpfaden, die in kaum einer Wanderkarte verzeichnet sind, dafür einsame und traumhaft schöne Wanderwege darstellen. Kurz: Die Karpaten sind die europäische Wanderlandschaft. Preiswerte, familiäre Unterkünfte, die auch gehobenen Ansprüchen genügen, freundliche, hilfsbereite Menschen und die schmackhafte rumänische Küche mit österreichischen und ukrainischen Beigaben vervollständigen das Wanderparadies. Natürlich gibt es Defizite: Es fehlt an guten Wanderkarten im richtigen Maßstab. Wegmarkierungen findet man hauptsächlich und überflüssigerweise auf den Kammwegen, wo man sich kaum verlaufen kann, aber nur selten auf den Zuwegen vom Tal. Wanderwegweiser nach europäischer Norm: Fehlanzeige! Voraussetzung für Wanderglück in den Karpaten ist also Orientierungsvermögen, mit (ungenauer) Karte und Kompass, mit einer selbst erarbeiteten Route auf dem GPS-Gerät – oder man wird von Wanderprofis geführt.

Weitwandern ohne E-Wege

Die Europäischen Fernwanderwege E3 und E8 sparen bisher die rumänischen und die ukrainischen Karpaten aus. Dennoch ist Weitwandern (neuhochdeutsch: Trekking) mit dem großen Rucksack, der alle notwendigen Utensilien enthält, vor allem in der Bukowina und in der Maramuresch nicht nur möglich, sondern höchster Wandergenuss, etwas Mut und Orientierung vorausgesetzt. Wir stellen den Leserinnen und Lesern der ADZ zwei der schönsten Fernwanderungen von jeweils etwa 2 bis 3 Wochen Dauer vor.

Von den Moldauklöstern an die Theiß

Weltkulturerbe zum Auftakt: Die Klöster Putna, Suceviţa, Humor, Voroneţ und Moldoviţa liegen meist eine oder zwei waldreiche Tagesstrecken auseinander. Nur auf den Bergkämmen erlauben schmale Hochweiden weite Ausblicke. Dafür überraschen die Gastgeber im Tal mit bester Qualität. Für Wanderer besonders geeignet sind die Pensionen Buchenland in Suceviţa (feine Küche, guter Wein), Hilde’s Residence in Gura Humora (Besitzerin Lucy Glaser ist Vorsitzende des Ortsforums der Deutschen und ein wandelndes Geschichtslexikon), Popaşul Domnesc in Voroneţ (neu, schöne Zimmer, in Klosternähe), Valcan in Vatra Moldoviţei (ruhig, Pkw-Transfer möglich) und schließlich das langjährige Stammquartier unserer Wandergruppen, Dor de Codru in Sadova bei Câmpulung Moldovenesc, das keinerlei Wünsche offen lässt.

Durch einsame Täler wie Pârau Negrei, über blumenreiche Hochweiden, durch Huzulendörfer und die Lucina-Hochfläche geht die Tour weiter zum Prislop-Pass, wo am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt das große Volks- und Folklorefest Hora de la Prislop stattfindet, dann hinunter nach Borşa zu unserer Wander-Pension Eladi. Über den Bergkamm nördlich des Wischautales wird schließlich Oberwischau erreicht. Das Weintal führt hinauf nach Obcina, bekannt durch die preisgekrönte Dokumentarfilmreihe „Ruthenische Trilogie“. Der Filmemacher Björn Reinhardt vermietet schöne Ferienwohnungen im Weintal. Nach einem Abstecher auf den Pop Ivan (1937 Meter) erreichen wir die Theiß und damit die Grenze zur Ukraine.

Die Südroute von Sighet über die Rodna-Berge zum Caliman-Vulkan

Sighetu Marmaţiei ist die alte Hauptstadt der Maramuresch, einer kulturell überaus reichen Region, die wie die Bukowina am Ende des Zweiten Weltkriegs geteilt wurde. Die an der Theiß gelegene heutige Grenzstadt zur Ukraine bietet eine höchst informative Gedenkstätte für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft, das Geburtshaus von Elie Wiesel, Auschwitz-Überlebender und Friedensnobelpreisträger 1986, eine der letzten aktiven Synagogen des Landes und einiges mehr.
Wie immer ist der Weg das Ziel. Die schönsten Wege zu und zwischen den Weltkulturerbe-Holzkirchen der Maramuresch führen zunächst westlich des Mara-Tales bis Deseşti, dann durch die nördlichen Ausläufer der Lăpuş- und Ţibleş-Berge bis zum Şetref-Pass und zur Quelle der Iza. Besonders sehenswert sind die Holzkirchen von Budeşti, Poienile Izei und Ieud, die Naturwaschmaschinen in Glod, Sârbi und Breb und nicht zuletzt das großartige Privatmuseum der Familie Pleş in Ieud. Ileana Petreuş in Poienile Izei ist eine wunderbare Gastgeberin. Die schönsten Ferienhäuser der Karpaten vermieten Lilli Steier und Volker Bulitta in Botiza.

Von Borşa aus werden die Rodna-Berge und damit einige der höchsten Gipfel der Ostkarpaten überquert. Die folgenden Etappen über Valea Mare (Bistritz-Nassod/Bistriţa Nasăud), hier empfehlenswert die Pension Teodora/Someşana, Lunca Ilvei und Poiana Stampei bis Vatra Dornei sind leichte Hügelwanderungen. Umso anstrengender ist der Abschluss rund um den Kraterrand des Călimani-Vulkans mit sensationellen Ausblicken von den Felsformationen der 12 Apostel und vom höchsten Punkt, dem Pietrosul (2100 Meter). Eindrucksvoll im Frühsommer die blühenden Alpenrosen – und der anschließende Besuch des Alpenrosenfestes in Şaru Dornei. Gastgeberin Daniela Ţarca in Gura Haitii kocht gerne und liest dem Wanderer jeden Wunsch von den Augen ab.

Genuss-Rundwanderungen

Immer mehr Wanderer scheuen den schweren Rucksack, lange Strecken und allzu schweißtreibende Anstiege. Auch für diese neue Generation der Genusswanderer bieten die Bukowina und die Maramuresch höchstes Wandervergnügen, das häufig noch gekrönt wird von einer Käseverkostung durch den Senn oder die Sennerin auf einer der Gott sei Dank noch zahlreichen Almen.  Besonders geeignet für diese Art Wanderurlaub ist Gura Haitii im Zentrum des Călimani-Vulkans, wo neben den schon oben erwähnten Zielen Wanderungen auf der neuen Via Maria Theresia zur jetzt bewirtschafteten Wetter-station auf dem Vf. Răţitiş oder einfache Almwanderungen unternommen werden können.

Von Sadova bei Câmpulung Moldovenesc sind die Bergmassive Rarău und Giumalău, der Lacul Jezer und die Obcina Feredeului sowie der Vf. Muncelu direkt über dem Ort leicht erreichbare, lohnende Ziele.
Eine schon lange bekannte Wanderdestination ist Borşa. Die Tour auf den Vf. Pietrosu, mit 2303 Metern höchster Gipfel der Ostkarpaten und der Rodna-Berge, ist eine anstrengende Hochgebirgstour. Ein Sessellift erleichtert den Aufstieg zum Rundweg vom Ştiol über die Cascada Cailor zum Prislop-Pass. Der Vf. Gărgalău ist einen Abstecher wert. Weitere Wanderziele gibt es in den Munceii Novăţului und nördlich des Prislop-Passes bis Baia Borşa. Weniger spektakulär, dafür aber ein Labsal für die Seele, sind die vielen Rundwandermöglichkeiten um Botiza und Poienile Izei, allesamt ruhige Blumenwanderungen auf meist weichem, grasigen Untergrund. Der europäischen Wander-Präsidentin kann nur zugestimmt werden: Auf ins Wanderparadies im Norden Rumäniens!

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