„Treue Muslime, loyale Staatsbürger und gute Europäer“

Begegnungen eines evangelischen Pfarrers mit der Moscheenwelt in der Dobrudscha

Freitag, 19. Februar 2016

Herausgeber Jürgen Henkel bei der Buchvorstellung im Bukarester Kulturhaus „Friedrich Schiller“: „Halbmond über der Dobrudscha“, Band 7, Deutsch-Rumänische Theologische Bibliothek, Schiller Verlag Hermannstadt-Bonn, ISBN 978-3-944529-58-5. Das Werk vermittelt durch umfassendes Bildmaterial, historische Abhandlungen, Interviews mit Mufti Iusuf Murat und lebhaft geschilderte Reiseeindrücke das Bild eines toleranten Islam, wie er in der Dobrudscha gelebt wird.
Foto: George Dumitriu

„Halbmond über der Dobrudscha. Der Islam in Rumänien“ titelt das Werk von Pfarrer Jürgen Henkel, der im Auftrag der evangelischen Kirche die Moscheenwelt der Dobrudscha bereist - willkommen geheißen vom Oberhaupt der muslimischen Gemeinschaft von Rumänien, dem Mufti Iusuf Murat. Rund 70 muslimische Kultusgemeinden mit insgesamt 77 Moscheen gibt es in ganz Rumänien, davon allein 67 in der Dobrudscha, 63 im Kreis Konstanza, vier in Tulcea. Dort stellen die Muslime - vorwiegend Türken und Tataren - eine kulturelle Bereicherung dar. Sie haben die gesamte Landschaft zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer nachhaltig mitgeprägt, würdigt Henkel ihren historischen Einfluss. Und zitiert Mufti Murat: „Wir sind treue Muslime, loyale Staatsbürger und gute Europäer - die Dobrudscha ist ein Modell des multikulturellen Zusammenlebens“. Es klingt wie eine „Fatwa“ der Freundschaft.

Selbstverständliche Gemeinsamkeit

Die Integration von Muslimen in eine mehrheitlich christlich geprägte Gesellschaft - ein Thema, das derzeit vor allem in Westeuropa für heftige Turbulenzen sorgt - ist in der Dobrudscha, die bis 1878 unter osmanischer Herrschaft stand und danach Rumänien zugeschlagen wurde, seit jeher eine Selbstverständlichkeit. Um sich die Loyalität der dortigen Muslime zu sichern, hatte sich der Fürst und spätere König Karl I. 1910 zu einer einzigartigen Geste entschlossen: Er schenkte der muslimischen Gemeinschaft die große Moschee in Konstanza, heute als König-Karl-I.-Moschee bekannt. In einem Schreiben versicherte der Vertreter der Muslime und Kreisrat Mahmud V. Celebi dem König, „der aufgrund Seiner weisen Herrschaft nicht nur zum Eroberer der Dobrudscha, sondern auch der Herzen der Muslime geworden ist“, seine Dankbarkeit und Loyalität. Auch in Bukarest hatte der Monarch 1906 eine Moschee gestiftet, die jedoch später von Gheorghe Gheorghiu-Dej abgerissen wurde.

Aus Medgidia gibt Henkel eine Anekdote aus dem Jahre 1890 zum Besten, die das Selbstverständnis der gegenseitigen Achtung von Muslimen und Christen verdeutlicht: Bürgermeister Kemal Agi Amet wandte sich an das rumänische Kulturministerium, um sich für den aus Geldmangel ins Stocken geratenen Bau einer Kirche in Medgidia einzusetzen. Von Minister Take Ionescu zwar empfangen, aber in seinem Anliegen abgewimmelt, begann er zu schimpfen: „Ich bin Tatar und Moslem, du bist Rumäne und Christ; ich will Frieden für die Kirche in Medgidia, und du willst das nicht! Was für ein Rumäne und Christ bist du? Eine Schande, wahrlich eine Schande! Erbarmen! Erbarmen!“ Der Minister besann sich daraufhin eines Besseren - zu ehrlich war der Ausbruch des Bürgermeisters gewesen. 1898 wurde die Kirche geweiht und ist bis heute ein Schmuckstück der Stadt.
Auch in kleinen Dörfern gehört der tägliche Ruf des Muezzin zum ganz normalen Alltag. Das Buch zeigt Bilder von Moscheen und Kirchen, direkt nebeneinander. Oder von einer dörflichen Moschee, wo neben dem Minarett die rumänische Trikolore flattert. Zum Gottesdienst tragen die Muslimas bunte Kopftücher und sitzen gemeinsam mit den Männern in einem Raum. Auf der Straße sind sie meist kaum von anderen Frauen zu unterscheiden. Pfarrer Henkel darf sogar während des Gottesdienstes fotografieren. Der Imam fragt ihn anschließend: „Sind die Bilder gelungen - oder soll ich das Gebet nochmal singen?“  

Touristen sind willkommen

Auch Touristen sind in den Moscheen willkommen. In Babadag, in der historisch bedeutendsten Moschee aus dem 13. Jahrhundert, gegründet von Sarî Saltuk Baba Dede, der den Islam in der Dobrudscha verbreitet hat, gibt es sogar einen mehrsprachigen Flyer. In Henkels Buch finden sich unter dem Kapitel „Rundblicke“ Bilder von 30 Moscheen - zehn bedeutende und 20 weniger bekannte, oft in abgelegenen kleinen Dörfern. Nicht alle sind noch in Betrieb, auch hier gibt es das Problem der Landflucht. Während die Malerei in orthodoxen Kirchen stets einem vorgegebenen Schema folgt, zeichnen sich die Moscheen zwar durch gemeinsame architektonische Merkmale aus, die Innengestaltung ist jedoch relativ frei: Prachtvoll und bunt zeigt sich die König-Karl-I.-Moschee in Konstanza, während die Moschee in Hâr{ova blütenweiß wie Spitze daherkommt. So manche Dorfmoschee wirkt wie ein einfaches kleines Landhaus, als solche erkennbar nur an einem schlichten Türmchen.

In der Dobrudscha leben zahlreiche ethnische Minderheiten, oft sogar im selben Dorf. Henkel traf auf seiner Reise in einer einzigen Siedlung nahe der ukrainischen Grenze auf acht oder neun Sprachen. Rumänen, Türken, Tataren, Griechen, Ukrainer, Lipowaner und mehr - sogar Deutsche lebten dort, erzählt er. In einem anderen Dorf berichtete man ihm begeistert, es gäbe dort noch einen Landsmann. Man erbot sich, ihn herbeizuholen - doch welche „Enttäuschung“: Der vermeintliche Deutsche war ein Italiener. Christen, Muslime und Juden respektieren sich in dieser kleinen Welt. Auf einer Festlichkeit, wo alle drei Gruppen vertreten waren, gab es drei Buffet-Tische mit passenden Speisen für jeden; das Tischgebet sprachen der Imam, der Pfarrer und der Rabbi nacheinander. „So etwas ist in Deutschland mit seiner jungen muslimischen Einwandererkultur kaum vorstellbar“, schmunzelt Henkel. In der Dobrudscha wiederum könnte man nicht nachvollziehen, dass es für muslimische Eltern in Deutschland ein Problem sein kann, wenn ihre Tochter an gemischten Klassenfahrten oder am Schwimmunterricht teilnehmen soll.

Giftstachel von außen

Der Islam ist kein Zündstoff in der Dobrudscha. Der Mufti, die Imame und die Gemeinschaft der Muslime wünschen sich, dass dies so bleibt. In einer der ältesten Moscheen, in Mangalia - auch dies ist andernorts kaum vorstellbar - fand sogar eine Tagung über religiösen Fundamentalismus statt. Ausdrücklich distanziert sich das Muftiat von versuchter Einflussnahme durch Fundamentalisten. Es gibt jedoch 18 arabische Stiftungen, die in Rumänien aktiv sind und eigene Gebetshäuser eröffnen - oft Hinterhofmoscheen in privaten Wohnungen oder Geschäftsräumen. Was dort gepredigt wird, ist schwer kontrollierbar. „Jeder, der Neues und Nützliches bringen will, ist willkommen, unabhängig davon, aus welchem Land er kommt“, stellt Mufti Iusuf Murat klar.„Aber diese Stiftungen haben eigene Ziele“. Von ihrem Bestreben, das religiöse Klima zu vergiften, distanziert sich das Muftiat ausdrücklich. Murat betont: Die Scharia wird in Rumänien nicht über weltliche Gesetze gestellt!
In Bukarest stellt sich die Situation etwas anders dar. Weil die beiden offiziellen Moscheen viel zu klein sind, die Zahl der Gläubigen aber hoch - etwa 10.000, darunter ausländische Studenten, Geschäftsleute, Zuwanderer etc. - sind sie gezwungen, auch auf die inoffiziellen Moscheen auszuweichen, finanziert aus obskuren Mitteln, wo fragwürdige Imame predigen. Das Muftiat befürwortete deshalb die Idee zum Bau einer großen, offiziellen,nicht fundamentalistischen Moschee. Es gibt aber auch einen zweiten Grund, der dafür gesprochen hätte: im Gegenzug mit der Türkei die Genehmigung zum Bau einer orthodoxen Kirche in Istanbul auszuhandeln, von den dortigen Gläubigen dringend gewünscht.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 21.02 2016, 00:38
kleine Volks- oder Religionsgruppen sind immer still und machen keine Probleme, nein sie sind sogar schöne exotische Farbtupfer in der Gesellschaft. Wäre die selbe Minderheit aber nicht klein, sondern groß, etwa so groß wie in Bulgarien (10-15%), oder so groß wie in Mazedonien (30%) oder so groß wie im Kosovo vor dem Krieg (80%), dann sind diese Musulmanen kein interessanter Farbtupfer mehr, dann sind sie plötzlich sehr ungemütlich, denn der Islam ist eine politische Religion mit militärischem Expansionseifer. Im Kosovo wurden die Christen vertrieben, orthodoxe Kirchen und Klöster niedergebrannt und der schlimmste Mafiastaat am ganzen Balkan errichtet. Hätte die Dobrudscha einen höheren muslimischen Bevölkerungsanteil, etwa 30 oder gar über 50%, würde Rumänien das selbe passieren, wie den Serben mit dem Kosovo.

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