Tulpen und Throne

Dienstag, 06. März 2012

Ein amerikanischer Wirtschaftsprofessor weist in einem neuen Buch nach, dass man aus der Geschichte nichts lernt. Er zeigt, wie Schritt für Schritt beim Hinsteuern auf die Weltfinanzkrise der vergangenen Jahre genauso vorgegangen wurde wie während der „Tulpenkrise“, in welche die Holländer Europa im 17.-18. Jahrhundert hineinstürzten, als Tulpenzwiebeln in Gold aufgewogen wurden. Der einzige Unterschied: damals Tulpen als Spekulationsobjekt, im 20.-21. Jahrhundert die Immobilienblase, die so lange hochspekuliert wurde, bis sie platzte.
 

Auch die Holländer kauften und verkauften mit Gewinnzuschlag Tulpenzwiebeln die (noch) gar nicht existierten und handelten mit den Kaufpapieren, genauso wie Krethi und Plethi in den USA geradezu zum Eigenheimbau auf Pump von den Banken vor sich her gejagt wurden, während die Banken untereinander einen munteren Papierhandel mit den Bauschulden der Klientel betrieben, Papier mit Fiktivwert als Handelsobjekt, längst kein Wert-Papier.

Dass jetzt einer dieser Wert(los)-Papier-Händler auch noch Chef der Deutschen Bank wird – der Staat wird die Pleiten schon abwenden...

Eine ähnliche Krise gab es in den Donaufürstentümern im 18.-19. Jahrhundert, während der „Fanariotenzeit“, als die Throne der Moldau und der Walachei von der Hohen Pforte per Geldzahlung zugeteilt wurden – dem Höchstbietenden. Finanziert wurde der blühende Thronhandel, einschließlich Thronwechsel aus der Moldau in die Walachei und umgekehrt, auf Pump, von den insgesamt 89 Fanariotenfüsten aus elf Geschlechtern.
 

Einziger Direktprofiteur des Thronhandels war der Sultan durch die Einmalzahlungen, wobei allerdings die Mentalitätsbyzanzler und frühen Bankiere aus „Ţarigrad“/Konstantinopel und Adrianopel saftig und bis zur Unfähigkeit zur Kreditvergabe mitverdienten. Denn das ständige Überbieten des Höchstbietenden – das Prinzip der Finanzblase, wozu als Garantie immer die selben und darüber hinaus nie reicher werdenden Territorien am Nordufer des Donauunterlaufs waren – schuf einen stetig steigenden Druck auf die Banken, mehr Geld zur Verfügung zu stellen und intensiver danach zu trachten, es wieder einzubringen.
 

Da fast jedermann Anspruch auf den Thron der Moldau und der Walachei erheben konnte, vorausgesetzt er war "os domnesc", von den Bojaren (gegen Schmiergeld) akzeptiert und dem Sultan genehm (= das Geldangebot stimmte), kam es zu einem Überbietungswettbewerb der Thronanwärter – immer von ottomanischen Banken finanziert. Es entstand eine Schuldenlawine, denn als Thronfolgeprinzip galt: „Wer den Thron kriegt, übernimmt die Thronschulden“ und keiner der Fanariotenfürsten zwischen 1711 und 1821 herrschte lange genug, um die Anleihen zur Thronbesteigung abzuzahlen.
 

Eine Folge: die Thronkäuflichkeit hat die Donaufürstentümer davor bewahrt, in Paschalyks umgewandelt zu werden (plausible Hypothese: Bogdan Murgescu) – die ihre Steuern an den Banken vorbei an die Hohe Pforte hätten entrichten müssen. Dem bauten die Bankiere vor. Sie bestimmten die Politik...

Klingt irgendwie bekannt.

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