Über 270 Rembrandt-Grafiken in Temeswar

Die Ausstellung bleibt bis zum 10. Januar geöffnet

Freitag, 19. Dezember 2014

Die Vernissage der Ausstellung hat ein breites Publikum ins Museum gelockt.

Thomas Emmerling, der Kurator der Ausstellung (am Rednerpult) und Prof. Dr. Victor Neumann, der Direktor des Kunstmuseums (links im Hintergrund) bei der Eröffnung
Fotos: Zoltán Pázmány

„Rembrandt lebte und schuf in einem sogenannten Otium-Zustand (Beschaulichkeit, Muße - Anm. d. Red.), der von der Nähe zu Gott hervorging. Man kann behaupten, dass wir heute in einem ‘Negotium’ leben und damit meine ich, was das Englische ‘negotiate’, also verhandeln bedeutet. Rembrandt wäre über die heutige Lebensweise verwundert: Schöne Häuser und Autos, aber die Beschaulichkeit fehlt. Er würde sicherlich fragen: Warum begnügt ihr euch mit weniger? Und damit würde er meinen, weniger als die Nähe zu Gott. Das ist nämlich der Kern seiner Lebensphilosophie. Er ist arm geboren worden, als neuntes Kind eines Müllers am Rhein, ist im Laufe seines Lebens zu großem Reichtum gekommen und ist schließlich in tiefer Armut gestorben. Zuletzt besaß er nur die Kleider, die er anhatte. Aber er hat sich nie darüber beschwert. Er hat es hingenommen“. Die Worte stammen von Thomas Emmerling, dem Kurator der Ausstellung „Rembrandt – der Höhepunkt der Radierung“, die seit dem 10. Dezember in Temeswar zu sehen ist.

Bis zum 10. Januar können die über 270 Radierungen des niederländischen Genies des 17. Jahrhunderts im Kunstmuseum Temeswar bewundert werden. Die Ausstellung verdanken wir in gewissem Maße auch dem Franzosen Amand Durand, der Rembrandts Kupferplatten im 19. Jahrhundert restauriert hat. Eine der Radierungen wurde so ausgestellt, dass man auf der Rückseite Durands roten Stempel sieht: das Authentizitätszertifikat sozusagen. „Es ist normal, dass solche Ausstellungen in Stuttgart oder Düsseldorf gezeigt werden. Es ist selbstverständlich, dass solche Ausstellungen auch in Temeswar präsentiert werden“, so Thomas Emmerling.

Eine Selbstverständlichkeit

Eine wunderbare Akustik bot der barocke Prunksaal des Kunstmuseums Temeswar, als zu Beginn der Vernissage der Rembrandt-Ausstellung ein Arien- und Lieder-Rezital von den Solisten der Nationaloper Temeswar bestritten wurde. Zu dem krönenden Abschluss der diesjährigen Veranstaltungsreihe im Kunstmuseum hatten sich gut über einhundert Menschen eingefunden.

Prof. Dr. Victor Neumann, der Direktor des Kunstmuseums, unterstrich in seiner Ansprache, dass dank der Galerie „EuroArt“ aus Luxemburg, die über rund 5000 Meisterwerke verfügt, zum ersten Mal der Höhepunkt von Rembrandts Radierkunst in Temeswar gezeigt werden kann: „Herr Emmerling hat sich persönlich stark eingesetzt. Es gilt auch, nach dem Kunstraub in Rotterdam im Jahr 2012, bei dem die aus Rumänien stammenden Diebe die Gemälde entwendet und schließlich in einem Ofen verbrannt haben, zu zeigen, dass wir ein durchaus normales Land sind, dass wir imstande sind, eine Ausstellung von Format hier zu beherbergen. Es werden demnächst andere Ausstellungen folgen.“ Auch Bürgermeister Prof. Dr. Nicolae Robu freute sich über die Ausstellung im Zuge der Kandidatur der Stadt für den Titel einer Kulturhauptstadt Europas 2021.

Rembrandts Radierungen wurden schon in anderen Städten Rumäniens gezeigt. In Temeswar werden allerdings die meisten Werke ausgestellt. Anke ter Hoeve, Botschaftsrätin und Stellvertreterin des Botschafters der Niederlande in Bukarest, die die Wanderausstellung begleitet hat, erklärte: „Ich freue mich sehr auf das große Interesse bei der Eröffnung dieser Ausstellung eines der größten Maler meines Landes. Ich bin nun schon eine Weile durch Rumänien gereist und überall ist die Ausstellung mit großem Enthusiasmus empfangen worden“.

Was Temeswar betrifft, meinte Anke ter Hoeve: „Ich muss sagen, mir gefällt, was ich sehe und dass es noch schöner wird durch die begonnenen Arbeiten. Es ist gut, dass hier eine aus privaten Sammlungen hervorgegangene Ausstellung in einem Museum untergebracht ist, das als Kern seines Bestands ebenfalls eine Privatkollektion hat“. Gemeint ist damit die Kollektion des rumänischen Malers Corneliu Baba, der übrigens von Rembrandt begeistert war. Selbstironisch prägte er über sich selbst den Ausspruch „Ich beim Rembrandt-Spielen“.

Überall wurde Anke ter Hoeve nach Rembrandts Gemälden befragt, „vor allem nach der ‘Nachtwache’. Rembrandt hat aber vorwiegend Radierungen geschaffen, die Gemälde waren zahlenmäßig weniger, da sie im Auftrag von Königs- und Adelsfamilien entstanden sind, die Radierungen wurden aber von den aufstrebenden Bürgerlichen, meist Händlern, bestellt, die ihre neu errichteten Häuser in Amsterdam damit schmückten. Man dürfte sich wohl fragen, was dieser Niederländer fast 400 Jahre später noch zu sagen hat, warum er noch populär ist, aber die Antwort liegt auf der Hand, wenn man sich seine Radierungen genau anschaut: Es sind die hohe Qualität, der humane, persönliche Blickwinkel und nicht zuletzt Rembrandts Sensibilität, die die Modernität seiner Werke ausmachen. Wenn man richtig hinschaut, hat man den Eindruck, dass einen die abgebildeten Personen ansprechen, dass sie Geschichten erzählen, dass ein Dialog zustande kommt. Aber das muss ein jeder Besucher für sich selbst herausfinden“.

Der Meister des Lichtes und des Schattens

Noch besser als Lebkuchen vor Weihnachten – Rembrandts Radierungen können den Hunger nach raffinierter Kunst stillen. Rembrandts Porträts – von den Selbstbildnissen und den Porträts mit Saskia – natürlich mit Perlen – oder seiner Mutter – mit schwarzem oder mit orientalischem Tuch – bis zu den Bildnissen einer für seine Zeit wahrscheinlich sehr exotischen Mulattin oder den orientalischen Figuren, die er festhält, von den Porträts Bürgerlicher aus Amsterdam, Ärzten, deren Namen damals wahrscheinlich sehr bekannt war, bis hin zu den Bildern der Bettler, deren Leiden und groteske Lage der Künstler aufdeckt, alle haben etwas gemeinsam: Rembrandts einmaliges Können, das Wesentliche festzuhalten: die Seele des Menschen.

Rembrandt lässt in seinen Stichen, die Landschaftsbilder zeigen, die Niederlande des 17. Jahrhunderts wieder entstehen: die versunkene ländliche Welt, aus der vor allem Ruhe erstrahlt: „Bauer mit Milchkübel“ und „Landschaft mit Pastor und Hund“.

Das Spiel mit Licht und Schatten, das die Marke dieses Meisters ausmacht, ist durchaus auch in seinen Radierungen zu sehen. Beim Anschauen der Grafiken, die Themen aus dem Neuen Testament behandeln, in „Der Engel, die Botschaft den Hirten verkündend“ oder „Die Anbetung der Heiligen Drei Könige“ – kann man in dem „nur“ Schwarz-Weiß der Stiche das meisterhaft gestaltete Licht ersehen.

Wie Thomas Emmerling sagte: „Die Gravuren sind ehrlicher als die Gemälde. Das Eingravierte bleibt unverändert. Wer sich aber die Exponate genau anschaut und dann das Museum verlässt, geht als veränderter Mensch “.

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