Über 8000 Temescher Kinder wachsen ohne Eltern auf

Hotline und Plattform für im Ausland arbeitende Eltern, Kinder, Pfleger und Psychologen lanciert

Freitag, 04. Dezember 2015

Laut Gesetzgebung müssen Eltern, die ins Ausland arbeiten gehen und ihre Kinder der Obhut anderer Personen überlassen, ihr Fernbleiben von zuhause vorher dem zuständigen Bürgermeisteramt melden. Viele Menschen kennen ihre Rechte und Pflichten in dieser Hinsicht nicht.

Über 8300 Kinder aus dem Verwaltungskreis Temesch/Timiş leben von ihren Eltern getrennt. Der Grund: Mindestens ein Elternteil arbeitet im Ausland. 2000 dieser Kinder leben sogar ohne jedwede elterliche Fürsorge – so die Daten des Vereins „Salvaţi Copiii“ (Rettet die Kinder) für das Jahr 2015, die in Temeswar/Timişoara bekannt gegeben wurden.
Viele Eltern rennen bloß ihrem Traum, mehr Geld zu verdienen, nach. Die schlechten Lebensbedingungen, die Erwerbslosigkeit vor Ort, die niedrigen Gehälter im Land – all das sind Argumente, die dazu beitragen, dass Erwachsene ihre Kinder, unter der Begründung, ihnen ein besseres Leben sichern zu wollen, verlassen.

Die Statistik ist besorgniserregend, vor allem da das Phänomen in den letzten Jahren stark zugenommen hat und in der Psyche der Kinder schwere Folgen verursachen kann: „Solche Erlebnisse können Kinder für immer beeinflussen“, sagt die Temeswarer Psychologin Simona Jugariu. „Ihre Schulergebnisse werden schlechter, sie werden depressiv, aggressiv, beginnen Drogen zu nehmen oder bringen sich sogar, im Extremfall, um. Viele Eltern wollen im Ausland arbeiten, mit der Absicht, etwas vom Ertrag ihres Lebens zu hinterlassen, doch das, was sie meistens übersehen ist, dass sie eigentlich ihre Kinder elternlos hinterlassen“, sagt die Psychologin Jugariu. „Ich werde als Arzt fast jede Woche mit solchen Fällen konfrontiert. Emotionale und somatische Störungen, Missbrauch psychotroper Substanzen bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen – es ist eine neue Art Pathologie bei Kindern, deren Eltern im Ausland sind, entstanden“, erzählt Mihai Gafencu, Arzt im Louis-Ţurcanu-Kinderkrankenhaus Temeswar und gleichzeitig auch Vorsitzender des Vereins „Salvaţi Copiii“ im Kreis Temesch. „Ohne die Zusage der Eltern dürfen wir im Krankenhaus meistens auch keine Interventionen, wie z. B. OPs, Anästhesie oder Bluttransfusionen, vornehmen“, fügt der Arzt hinzu.

Die Abwesenheit von Eltern oder der rechtlichen Vertreter kann den Kindern auch den Zugang zu Dienstleistungen im Gesundheitswesen, in der Bildung und viele soziale Vorteile einschränken. „Die Leute sollten ihre Rechte kennen. Wenn die Eltern uns mitteilen, dass sie ins Ausland gehen wollen, und die Kinder in der Obhut einer bestimmten Person bleiben, dann hat der Betreuer sogar das Recht auf ein Pflegegeld von 600 Lei im Monat“, sagt Smaranda Marcu, Pressesprecherin des Temescher Kinderschutzamtes. „Viele Eltern wissen das aber gar nicht“, teilen die Vertreter des Vereins „Salvaţi Copiii“ mit. In dieser Hinsicht hat der Verein eine Hotline und eine Online-Plattform ins Leben gerufen. Unter der Telefonnummer 0800.070.040 oder von der Webseite www. copiisinguriacasa.ro kann man wichtige Informationen abrufen. „Nur so ist dein Kind in Sicherheit und kann über all seine Rechte verfügen!“ Durch diesen Slogan werden Eltern, die im Ausland arbeiten/arbeiten wollen, Schritt für Schritt informiert. Verschiedene Rubriken, darunter „Deine Rechte und Pflichten“, „Was kannst du für dein Kind tun?“, „Die Schulbildung des Kindes“, sollen Eltern helfen, die Kontrolle über die Lage nicht zu verlieren. Sie bekommen sogar direkte Beratung von Fachleuten, z. B. können sie erfahren, wie sie ihre Beziehung mit den zuhause gebliebenen Kindern aufrecht erhalten können.

Auch ihre Kinder, die im Land geblieben sind, die Verantwortlichen für die Betreuung der Kinder, aber auch die Leute aus dem Bereich des Kinderschutzes werden auf der Webseite angesprochen. Die Kinder erfahren etwas über Rechte und Gesetzgebung. Speziell für sie werden auf der Webseite interaktive Spiele und Erzählungen hochgeladen. Psychologen müssen ebenso Schritt mit dem zunehmenden Phänomen halten: Die Plattform bietet ihnen vielfältige notwendige Informationen, die ihnen dann bei ihrer psychologischen Beratung weiterhelfen soll. Für sie werden zu diesem Zweck auch Statistiken, Studien und Forschungen zum Thema veröffentlicht. Wer aber keinen Zugang zum Internet hat, kann die kostenlose Hotline-Nummer wählen. Auch hier werden Psychologen und juristische Berater allen Interessenten Ratschläge geben und sie bezüglich ihrer Rechte informieren.

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