Über Bedeutung und Zukunft der deutschen Sprache

Internationaler Kongress der Gesellschaft für deutsche Sprache in Bukarest

Dienstag, 28. Oktober 2014

Eröffnung des Kongresses (von links nach rechts): Prof. Dr. George Guţu (Uni Bukarest), Prof. Dr. Inge Gavat (DAAD-Alumniclub SOFDAAD), Klaus-Christian Olasz (Deutsche Botschaft), Prodekan Prof. Dr. Cristian Dragomirescu (FILS), Dekan Prof. Dr. Adrian Volceanov (FILS), Dr. Dieter Müller (DAAD Bukarest).
Foto: Nina May

Im ersten Teil des 20. Jahrhunderts spielte Deutsch eine große Rolle in der Wissenschaft: Die meisten Arbeiten wurden in deutscher Sprache veröffentlicht. Zehn Prozent aller Bücher weltweit erscheinen in deutscher Sprache. Heute ist Deutsch vor allem in Osteuropa eine Schlüsselsprache für die Wirtschaft. Mit diesen Argumenten leitete der Dekan der Fakultät für Ingenieurwesen in Fremdsprachen (FILS), Prof. Dr. Adrian Volceanov, das internationale Symposium „Die deutsche Sprache in Rumänien im 21. Jahrhundert, Deutsch als Fremdsprache, Deutsch in der Technik, Wirtschaft und als Minderheitensprache“, veranstaltet am 17. und 18. Oktober von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Bukarest „Politehnica“ anlässlich des 12-jährigen Bestehens des GfdS-Zweiges in Bukarest, ein.

Obwohl eine technische Universität, spielt die „Politehnica“ eine große Rolle auch im philologischen Bereich, motiviert Prodekan Prof. Dr. Cristian Dragomirescu, Leiter der deutschen Abteilung, die Konferenz, an der auch internationale Fachgrößen teilnahmen. Drei spezielle Zweige gibt es im Rahmen der deutschen Abteilung, die 1991 auf Anregung von Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Rektor der TU Darmstadt und Ehrenvorsitzender der GfdS), und Prof. Dr. Constantin Anton Micu (der hierfür im Juni diesen Jahres mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet wurde), gegründet wurden: Wirtschaftsingenieurwesen für Mechanik, für Elektrotechnik und für Elektronik. Klaus-Christian Olasz von der deutschen Botschaft betonte die Bedeutung der deutschen Sprache in Rumänien als Bindeglied zwischen den Ländern. Trotz des hohen Verlustes durch Abwanderung aus den Reihen der deutschen Minderheit, die hierzulande noch 37.000 Angehörige zählt, ist sie eine Brücke zwischen den Ländern, die sich in Wirtschaftskontakten, regem Schüleraustausch und 35 Partnerschaften zwischen Städten und Kommunen ausdrückt. Ganze 70 nicht germanistische deutsche Studiengänge gibt es in Rumänien, aber auch das muttersprachliche Schulwesen mit Deutsch als Unterrichtssprache stellt einen enormen Reichtum dar, so Olasz.

Paradox in Rumänien: trotz hoher Nachfrage Lehrermangel

Die gute Nachricht: Die Nachfrage nach Deutschunterricht kann kaum befriedigt werden. Die schlechte: Paradoxerweise stellt sich dennoch der Erhalt von deutschsprachigen Schulen und Studiengängen in Rumänien als großes Problem dar. Einmal geschlossene deutsche Zweige werden in der Regel nicht mehr wiedereröffnet. Auch wird es immer schwerer, das Interesse der Germanistikstudenten für den Lehrerberuf zu wecken. Vor allem im deutschsprachigen Fachunterricht besteht akuter Lehrermangel, zu hoch ist der Braindrain in die wesentlich besser zahlende Wirtschaft. So entsteht ein unglückseliger Kreislauf: Etwa 18.000 Firmen mit deutschem Kapital umkämpfen den hiesigen Markt auf der Suche nach deutschsprechenden Mitarbeitern. Einerseits bietet diese Situation für viele Anreiz zum Erlernen der Sprache – so bewirkte das landesweite Projekt der deutschen Botschaft „Deutsch, Sprache der Ideen“ einen spürbaren Anstieg der Bewerber, wie Prof. Micu bemerkt.

Andererseits sind deutsche Firmen aber auch indirekt „schuld“ an der Abwanderung der Lehrer aus den Schulen. Die Wurzel des Übels liegt in der schlechten Bezahlung des Lehrerberufs, wobei die Zusatzqualifikation Deutsch in keinster Weise honoriert wird. Im zuständigen rumänischen Bildungsministerium stößt man hierzu meist auf taube Ohren – trotz wiederholter Interventionen der 2012 gegründeten konsultativen Kommission zur Förderung der deutschen Sprache im rumänischen Unterrichtswesen, wie Kommissionsmitglied Prof. Dr. George Guţu (Universität Bukarest) berichtet. Oder aber die Vorstöße laufen wegen häufiger Ministerwechsel ins Leere. So hilft weder massive Werbung, noch können die zahlreichen Förderprogramme deutscher Institutionen – Goethe-Institut, DAAD etc. – etwas am Grundproblem ändern. Dies trotz beachtlicher Unterstützung, zum Beispiel durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD, der mit einem Fördervolumen von 3 Millionen Euro jährlich 6000 Leute unterstützt und in Rumänien 10 Studiengänge in deutscher Sprache fördert – im Vergleich zu 20 in Russland – also eine gute Situation, wie DAAD-Vertreter Dr. Dieter Müller anmerkt.

Gegenläufiger Trend: Deutsch als Muttersprache versus Deutsch als Fremdsprache

Mit Zahlen zum deutschsprachigen Schulwesen als Basis für die Podiumsdiskussion „Situation der deutschen Sprache in Rumänien“ wartete Dr. Marianne Koch von der Universität Bukarest auf: Derzeit gibt es in Nord- und Westrumänien 18 Schulen mit deutscher Abteilung, in Siebenbürgen 40 und in Bukarest vier, mit insgesamt 18.995 Schülern. Im Schuljahr 2008/09 wurden in den Klassen 1-10 nur in Siebenbürgen 8112 Schüler auf Deutsch unterrichtet, im Schuljahr 2013/14 gab es 9837 Schüler. Während also die Schülerzahlen in Schulen mit Deutsch als Muttersprache (DaM) steigen und die Nachfrage vor allem in den Städten wächst, sinkt gleichzeitig die Zahl der auf Deutsch unterrichteten Fächer!
Anders stellt sich der Stellenwert von Deutsch als Fremdsprache (DaF)in den Schulen dar: Nach Englisch und Französisch steht Deutsch dort nur an dritter Stelle der Beliebtheitsskala, mit abnehmender Tendenz. Eltern beeinflussen dies durch ihr Mitspracherecht an der Wahl der unterrichteten Fremdsprachen. So gelangen in letzter Zeit Spanisch und Italienisch immer mehr in den Vordergrund, weil oft von im Ausland arbeitenden Eltern gewünscht. Die Situation der DaF-Schulen steht daher im krassen Widerspruch zu den Anforderungen des hiesigen Arbeitsmarktes.

Die Situation in Bezug auf die Ausbildung von Deutschlehrern stellt sich wie folgt dar: Nur 20 Prozent der Germanisten, die auch das für den Lehrerberuf erforderliche Pädagogik-Modul wählen, gehen tatsächlich in den Schulbetrieb! Auch gibt es immer weniger gute Bewerber in den Studiengängen – stattdessen mehr und mehr Studenten, die sich ohne Deutsch-Vorkenntnisse in Germanistik als Hauptfach einschreiben. So degradiert das Studium zum Deutschlernkurs, wie einige der Professoren beklagen. Andererseits ist Germanistik selbst in Deutschland kein Studium mit aussichtsreichen beruflichen Chancen, gibt Prof. Hoberg zu bedenken. Man müsse sich darauf einstellen, es zum Deutschlernstudium umzufunktionieren, wie er aus eigener Erfahrung in China berichtet. Chinesische Studenten lernen im Germanistik-Studium in China erstmal exzellent Deutsch und setzen dann oft mit einem Studium in Deutschland fort.

Ist die deutsche Sprache gefährdet?

Höhepunkt des alle drei Jahre in Rumänien stattfindenden Kongresses – bisher in Jassy/Iaşi, Temeswar/Timişoara, Klausenburg/Cluj-Napoca und Bukarest abgehalten – war der Vortrag von Prof. Dr. Rudolf Hoberg zum Thema „Das Hauptproblem heutiger Sprachenpolitik: Die Dominanz des Englischen und die Rolle der anderen Sprachen“, in dem er sich, wie er schmunzelnd betont, mit dem „wichtigsten Thema, das alle Sprachen angeht“ auseinandersetzt: der Frage, ob sie irgendwann durch das im Zuge der Globalisierung um sich greifende Englisch ersetzt werden (die ADZ berichtet hierzu gesondert). Am zweiten Kongresstag folgten Fachvorträge und Arbeitsgruppen in Sektionen zu angewandter Linguistik, dynamischen Systemen mit Bezug auf Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften und Deutsch als Fremdsprache. Nächstes Jahr soll der Kongress, der auch für Nicht-Linguisten interessante Einsichten bietet, in Kronstadt/Braşov stattfinden.

Trotz der genannten Probleme kann man resümieren: „Das größte Wunder ist, dass es überhaupt passiert!“ wie Veranstalter Dr. Lutz Kuntzsch (GfdS Wiesbaden) in Anlehnung an einen bekannten Aphorismus bemerkt. Immerhin gibt es 150 Zweige der GfdS in 40 Ländern, darunter auch in Rumänien. Deutsch ist die letzte auf einer Liste von etwa 12 bis 15 Sprachen, die noch von mehr als 100 Millionen Menschen gesprochen wird, verrät Prof. Hoberg, der für den Erhalt der Sprachenvielfalt plädiert. Auch wir in Rumänien tragen einen kleinen Teil dazu bei.

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