Über Bildungsarbeit, Mitteleuropa und die Verbundenheit zu Siebenbürgen

ADZ-Gespräch mit Gustav Binder, Studienleiter der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“/Akademie Mitteleuropa in Bad Kissingen

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Studienleiter Gustav Binder (rechts) und Schriftsteller Hans Bergel bei einer Tagung in der Akademie Mitteleuropa.

Der Heiligenhof in Bad Kissingen
Fotos: Christine Chiriac

70 Jahre seit Kriegsende, seit der Russlanddeportation, der Vertreibung und Flucht Deutscher aus Mittel- und Osteuropa, 25 Jahre seit dem Fall des Eisernen Vorhangs – das Jahr 2015 gab in besonderem Maße Anlass zu Gedenkveranstaltungen und Tagungen mit zeitgeschichtlicher Thematik. Dies widerspiegelte sich auch im Programm der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ (www.heiligenhof.de) und der damit verbundenen „Akademie Mitteleuropa“ (www.akademie-mitteleuropa.de) in Bad Kissingen. Im Angebot dieses Jahres standen u. a. Veranstaltungen zu ostmitteleuropäischen Literaturen, zur Ukrainekrise, der deutsch-jüdischen Kultur- und Beziehungsgeschichte sowie der Stadtgeschichte von Bukarest und Bistritz.

Der Heiligenhof wurde 1952 von dem Sudetendeutschen Sozialwerk erworben und zum Zweck der Jugend- und Verbandsarbeit genutzt – heute sind die damaligen Jugendlichen längst Ruheständler und mehrere Generationen haben bereits die Veranstaltungen im Heiligenhof besucht und mitgestaltet. Seit zehn Jahren wird die Bildungsarbeit von Studienleiter Gustav Binder geleitet. Er ist 1960 in Kronstadt/Braşov (damals Stalinstadt) geboren und siedelte 1972 mit seiner Familie nach Deutschland aus. Seine Beziehung zu den siebenbürgischen Wurzeln pflegte er zunächst über die Mitarbeit in der siebenbürgischen Ferienakademie, aus der „Studium Transylvanicum“ erwuchs. Später war er an der Evangelischen Akademie Siebenbürgen in Hermannstadt/Sibiu und beim Siebenbürgen-Institut auf Schloss Horneck in Gundelsheim tätig, bevor er die Stelle in Bad Kissingen annahm. Mit Gustav Binder sprach für die ADZ Korrespondentin Christine Chiriac.



Herr Binder, wie kommt ein Siebenbürger Sachse dazu, eine sudetendeutsche Einrichtung als Studienleiter zu koordinieren?

Das war ein Glücksfall. Zuvor hatte ich viereinhalb Jahre im Siebenbürgen-Institut in Gundelsheim gearbeitet, bis die institutionelle Förderung seitens des Patenlandes Nordrhein-Westfalen eingestellt worden ist, sodass ich mit 43 Jahren und mit nicht geradliniger beruflicher Ausrichtung arbeitslos geworden bin. Ich war sehr froh, dass die Stelle in Bad Kissingen ausgeschrieben wurde.

Ihr Lebenslauf baut sich aus unterschiedlichsten Stationen zusammen, angefangen von einer Schlosserlehre und dem Fachabitur Technik über die Zeit als Soldat bei den Marinefliegern bis hin zur Buchhändlerlehre und dem Studium der Sozialwissenschaften. Wie haben Sie schließlich zu den ostmitteleuropäischen und siebenbürgischen Themen zurückgefunden?

Als meine Familie auswanderte, war ich erst zwölf Jahre alt. Damals gab es im Vergleich zu heute nur sehr wenige Informationsquellen über Rumänien – man schrieb vielleicht Briefe an die Großeltern in Siebenbürgen, aber Medienberichte oder sonstige Publikationen zu Rumänien waren sehr selten. Wir sind ohne ein Buch ausgewandert und ich hatte auch kein akademisches Elternhaus, ich wusste überhaupt nichts über die siebenbürgische Vergangenheit und habe erst während des Studiums, im Wahlpflichtfach Geschichte, diese Themen mit großer Freude für mich entdeckt. Meine besondere biografische Fußnote war, dass ich ein Jahr lang das Kronstädter Honterus-Lyzeum besucht hatte – und der Reformator Johannes Honterus hatte es mir angetan. Ich las seine Biografie von Oskar Wittstock, so lernte ich den Namen Wittstock und schließlich den großen siebenbürgischen Prosaautor Erwin Wittstock kennen. Das waren meine ersten siebenbürgischen Bücher. Über die Reformationsgeschichte habe ich Siebenbürgen als multikonfessionellen und multiethnischen Raum entdeckt, was in den achtziger Jahren für mich etwas durchaus Neues war und mir großen Spaß gemacht hat. Ich habe gestaunt, dass es in meiner Heimatregion überhaupt eine derart interessante Literatur gab – und die Welt, die Erwin Wittstock in seinen Erzählungen beschreibt, hatte ich als Kind noch auf den Dörfern erlebt, ich fand die Wiederbegegnung faszinierend.

Was hat Sie daran fasziniert?

Ich habe Siebenbürgen unter diesen Gesichtspunkten neu kennengelernt. Es war für mich ein Paradigmenwechsel, weil das Alltagswissen, das man über Siebenbürgen hatte, zunächst sehr eng mit der eigenen Ethnie verbunden war. Ich verdeutliche dies an Geschichtsschreibern der Siebenbürger Sachsen wie Georg Daniel Teutsch und Friedrich Teutsch, die eine „Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk“ geschrieben hatten. Eine Gesamtgeschichte Siebenbürgens war lange Zeit schwer zu finden, in den neunziger Jahren gingen etwa die Bemühungen der Historiker Harald Roth und Konrad Gündisch im deutschsprachigen Bereich in diese Richtung. Heute hat sich die Gesamtbetrachtung interessanterweise durchgesetzt, weil sie sehr europäisch ist.

Nun zu Ihrer Arbeit im Heiligenhof: Welches sind die thematischen Schwerpunkte und die Zielgruppen des Hauses?

Unser inhaltlicher Schwerpunkt sind die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn, wir betreiben politisch-historisch-kulturelle Breitenbildung, organisieren aber auch wissenschaftliche Fach- und Nachwuchstagungen. Unsere Breitenarbeit ist eine außerschulische Bildung, die sich an alle Erwachsenen richtet, wir haben aber auch Kinder- und Jugendprogramme im Angebot. Der Heiligenhof ist, wie Sie sagten, ein sudetendeutsches Haus und unsere Zielgruppen sind einerseits die Vertriebenen und Flüchtlinge, die (Spät-)Aussiedler und ihre Nachkommen, andererseits aber die gesamte deutsche Öffentlichkeit und darüber hinaus die ostmitteleuropäische Öffentlichkeit, wo wir insbesondere gute Kontakte zu den deutschsprachigen Universitäten und den Einrichtungen der deutschen Minderheiten pflegen.

Kann man in diesem Sinne auch das Motto des Hauses interpretieren: „Alles Leben ist Begegnung“ (Martin Buber)?

Das Haus ist eine Bildungs- und Begegnungsstätte – die zwei Zielrichtungen stehen natürlich nicht in Konkurrenz zueinander sondern in einem Komplementärverhältnis. Es gibt hier viele gemeinschaftspflegende Programme, zum Beispiel Musik- oder Handarbeitswochen, aber auch jährlich zahlreiche Klassen-, Familien-, und Heimatortstreffen aus allen Ecken Ostmitteleuropas. Allein aus siebenbürgischen Kreisen gibt es pro Jahr zwanzig bis dreißig dieser Treffen, die manchmal von hundertfünfzig Teilnehmern besucht werden. Wir hatten einmal sogar ein zweiundsechzigstes Matura-Treffen einer ehemaligen Schulklasse aus Siebenbürgen hier im Haus – das sind Merkwürdigkeiten, die einem zu denken geben. Sie zeugen vor allem von der Bildungsorientierung der Siebenbürger Sachsen und vom anerkannten deutschen Bildungswesen in Rumänien bis in die Gegenwart.

Oft wurde die Thematik der Flucht und Vertreibung in  der Vergangenheit von einem negativen Beigeschmack in Gesellschaft und Medien begleitet. Ist dies heute in Ihrer Bildungsarbeit noch spürbar?

Die Vertriebenengenerationen sind leider fast nicht mehr vertreten, denn wer bei Kriegsende zehn Jahre alt war, also noch eigene bewusste Erinnerungen an diese Zeit besitzt, ist heute mindestens achtzig Jahre alt. Gerade im fortgeschrittenen Alter brechen gewöhnlich die Traumatisierungen wieder auf, und lange Zeit wurde dadurch unsere Arbeit erschwert. Die Mauern dieses Hauses haben ganz viele tragische Lebensgeschichten von Flucht und Vertreibung gehört – viele der Betroffenen waren jedoch für eine Bildungsarbeit gar nicht erreichbar, sie wollten vor allem in ihrer Weltsicht bestätigt werden und waren aus der persönlichen Perspektive tatsächlich Opfer eines grausamen Schicksals. Meine Ansicht von Bildungsarbeit ist jedoch, dass es stets ein Fragezeichen geben muss, und dass Geschichte eben nicht nur auf der individuellen Perspektive beruht, sondern auf Kontextualisierung – die wiederum aber nur gelingt, wenn man den Opferstatus überwindet. Leider gab es nach dem Krieg keine Einrichtungen, die sich Millionen traumatisierter Menschen hätten annehmen können. Außerdem ist die Zeit von siebzig Jahren seit Kriegsende aus historischer Perspektive zu kurz, um ein entsprechendes geschichtliches Bewusstsein zu entwickeln. Die Themen Vertreibung und Flucht sind nichtsdestotrotz aktueller denn je und dürfen aus unserer Bildungsarbeit nicht fehlen.

Ist es eine Herausforderung, junge Leute für das Programm und die Thematik des Hauses zu begeistern?

Es ist in der Tat schwer, bundesdeutsche, jüngere Teilnehmer zu finden, wenn sie nicht gerade ostmitteleuropäische Geschichte, Kunstgeschichte und Sprachen studieren oder Auslandsaufenthalte vor- und nachbereiten. In Deutschland kann man zum Beispiel an einigen wenigen Universitäten Rumänistik als drittes Fach wählen, wenn man romanische Sprachen studiert, das ergibt insgesamt eine sehr kleine Anzahl von Studierenden, die Rumänisch lernen, und die im Verhältnis zur Mehrheit ihrer Kollegen „Exoten“ sind.

Wie erklären Sie sich das?

Ich stelle immer wieder eine Westorientierung der Gesellschaft fest: Man hört westliche Musik, lernt westliche Sprachen, und unterschwellig gibt es noch immer ein Kulturgefälle und starke Grenzen in den Köpfen. Das ist natürlich sehr bedauerlich, denn gerade Mitteleuropa ist ein unfassbar interessanter und ziemlich einheitlicher kultureller Raum. Es gibt wunderschöne, „typisch“ mitteleuropäische Städte, Kirchen, Vereine, eine faszinierende Musikkultur – das alles geht mindestens bis zum Karpatenbogen und noch vereinzelt darüber hinaus.

Welches ist Ihre Definition von Mitteleuropa?

Mitteleuropa ist vermutlich nicht geografisch definierbar, sondern zuallererst ein geistiger Raum. Man könnte ganz pragmatisch auf der Karte Europas einen Zirkel mit einem Durchmesser von eintausend Kilometern in Prag einstechen, dann hätte man vielleicht eine Vorstellung von Mitteleuropa. Für mich selbst habe ich folgende Definition von Mitteleuropa angenommen: Soweit die deutsche Sprache und die abendländisch-christliche Prägung in Europa in Richtung Osten reichen und reichten, soweit es jüdisches Leben gab oder gibt, kann man von Mitteleuropa sprechen. Die Mehrsprachigkeit ist ebenfalls ein Kennzeichen von Mitteleuropa: idealtypisch für mich ist der Marktplatz in Czernowitz, wo jeder Bauer etwa sieben Sprachen sprechen musste, um jeden Kunden in seiner eigenen Sprache bedienen zu können. Wir haben in Mitteleuropa zahlreiche Überlappungsräume ohne feste Grenzen – die Bukowina beispielsweise ist eine Region, wo alle Ethnien Minderheiten waren. In Siebenbürgen hatten wir selbst nicht unbedingt das Gefühl, eine Minderheit zu sein, in manchen Dörfern gab es sächsische Mehrheiten und es war für uns kein Problem, zwischen den Sprachen zu wechseln. Die deutsche Sprache und die jüdische Kultur haben leider durch die beiden Weltkriege sehr viel verloren. Deutsch ist heute nicht mehr die „lingua franca“ Mitteleuropas, auch wenn die deutsche Sprache in Archiven und Kultureinrichtungen noch sehr präsent ist und es viele Deutsch-Lernende und deutsche Studiengänge gibt.

Weil wir von Identität sprechen: welches ist die Identität Ihrer Töchter?

Nach der Wende haben meine Frau und ich in Michelsberg ein gut erhaltenes Bauernhaus erworben, weil es uns sehr wichtig war, dass unsere Kinder den authentischen Geschmack von „vinete“ (Auberginencreme, A.d.R.) kennenlernen und den siebenbürgischen Sternenhimmel sehen, dass sie überhaupt noch eine Beziehung zu diesem Raum haben. Zu Weihnachten hören wir „Colinde“, in der Küche gibt es rumänische, ungarische und sächsische Gerichte, meine Töchter bestellen „Eugenia“-Kekse und „pufuleţi“ aus Rumänien. Leider haben wir die Zweisprachigkeit mit ihnen nicht durchgehalten. Wenn sie aber ein Referat über ein anderes Land in der Schule halten müssen, wählen sie natürlich immer Rumänien und benutzen intensiv meine Bibliothek. Wenn wir lange Autofahrten machen und sie mich in ein längeres Gespräch verwickeln wollen, dann stellen sie gezielt Fragen zur Geschichte Siebenbürgens, denn sie wissen, dass die Antworten meistens sehr ausführlich werden. Wir hoffen, dass sie später vielleicht einen Auslandsaufenthalt, ein freiwilliges soziales Jahr, ein Studium in Rumänien aufnehmen und die Verbindung ausbauen.

Gibt es historisch eine Verbindung zwischen Bad Kissingen und Siebenbürgen?

Für mich gibt es eine – aber ich sehe sowieso überall Verbindungen zu Siebenbürgen. Es gibt in Bad Kissingen eine Burgruine aus dem Mittelalter, die dem Kreuzfahrer und Minnesänger Otto von Henneberg gehört hat. Er war um das Jahr 1200 im Heiligen Land und ist in der Manessischen Liederhandschrift beim Sängerwettstreit auf der Wartburg neben Klingsor aus dem Ungernland abgebildet. Die Kronstädter wissen natürlich, dass Letzterer einer von ihnen ist, und er findet sogar ein Nachleben in der Kulturzeitschrift „Klingsor“ von Heinrich Zillich. Eine weitere Verbindung besteht über den Fürst von Siebenbürgen Ferencz Rakoczy, dem man hier in Bad Kissingen ein Denkmal gesetzt hat, auf dessen Rückseite das siebenbürgische Wappen eingraviert ist. Die bedeutendste Heilquelle Bad Kissingens ist nach Rakoczy benannt worden, aber historisch gesehen hat die Stadt mit dem Fürsten weniger zu tun als Schäßburg mit Dracula. Das hindert uns nicht daran, jährlich in Bad Kissingen ein großes Rakoczy-Fest zu feiern, bei dem sich die Einwohnerzahl von 21.000 beinahe verdreifacht. Eine dritte Verbindung ist, dass Siebenbürger auch in der Diaspora hier leben. Zum Beispiel wird eine der Kurkliniken in Bad Kissingen von einem Siebenbürger in zweiter Generation namens Fronius geleitet. Unsere Landsleute sind eben überall.

Herr Binder, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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