Über das Radiohören

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Symbolfoto: freeimages.com

Ja, es hat gewisse Vorteile, wenn man regelmäßig im Rundfunk präsent ist, als Beispiel dafür folgende wahre Geschichte: Am letzten Montag unterhielt ich mich in der Bibliothek in Düsseldorf-Benrath mit der Bibliothekarin. Da blieb eine ältere Frau neben mir stehen und fixierte mich; ich hielt inne und schaute sie fragend an, woraufhin sie sagte: „Lassen Sie sich bitte nicht stören, reden Sie ruhig weiter. Ich kenne Ihre Stimme aus dem Osteuropamagazin. Toll! Ich wollte Ihnen einfach nur zuhören.“ O ja, so etwas höre ich gerne. Es hört sich auf jeden Fall wesentlich besser an, als das, was ich täglich von meiner Frau zu hören bekomme: „Sei bitte endlich still und hör auch mal zu!“

Zweites Beispiel: Vor einer Woche stellte ich Dan Lungu, einen Schriftsteller aus Rumänien, im Freistaat Bayern vor, in der Stadtbücherei Ingolstadt, und am Ende der Veranstaltung kam ein Ehepaar um die fünfzig auf mich zu, und die beiden meinten, sie würden sehr gerne meine Glossen im Westdeutschen Rundfunk (WDR) hören. „Wie, Sie hören den WDR in Bayern? Und nicht den Bayerischen Rundfunk?! Und fürchten Sie keine Konsequenzen?“, scherzte ich ausgelassen. Und ich erinnerte mich dabei, wie ich im kommunistischen Rumänien den verbotenen Sender Free Europe täglich hörte, bei geschlossenen Fenstern, damit die potenziellen Spitzel in der Nachbarschaft es nicht mitbekamen. Statt der auf den Wecker fallenden kommunistischen Propaganda im staatlichen Rundfunk, mit Marx, Engels und Lenin, gab es dort eine unter die Haut gehende Musiksendung, mit Jimi Hendrix, Janis Joplin, Led Zeppelin und dergleichen. Was aber motivierte das nun vor mir stehende Ehepaar, dem WDR in Bayern zu frönen?

Ich unterhielt mich also neugierig mit den beiden und fand überrascht heraus, dass wir ein sehr ähnliches Schicksal hatten: Die beiden waren wie ich Migranten. Sie kamen zwar nicht aus einem Land im Osten Europas, aber immerhin aus einem fernen Bundesland im Nordwesten Bayerns, aus Nordrhein-Westfalen. Sie waren in Siegen geboren und hatten bis vor zwei Jahren auch dort gelebt. Der Mann war Pneumologe und hatte eine Stelle als Oberarzt in einem Ingolstädter Krankenhaus bekommen, und nun untersuchte er bayerische statt nordrhein-westfälische Lungen. Ich habe einst Englisch und Französisch unterrichtet, die Frau wiederum brachte in Ingolstadt ihren Schülern Englisch und Deutsch bei, also auch zwei Fremdsprachen, wenn man den beachtlichen Unterschied zwischen dem Bayerischen und dem Hochdeutschen in Betracht zieht. Und natürlich fielen die beiden genauso wie ich durch ihren fremden Akzent auf, und sie wurden ganz nostalgisch, wenn sie an ihre alte Heimat dachten, und so hörten sie regelmäßig den WDR, um ihr Heimweh zu lindern.

Aber jetzt mal im Ernst: Mir hat es in Ingolstadt besser als in Siegen gefallen, denn durch Ingolstadt fließt die Donau, die mich an meine Jugend erinnerte. Aber ja mei, der Rhein in Düsseldorf ist auch ganz schön, ich will ja nicht lästern.

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