Über das Schwimmen

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Symbolbild: freeimages.com

„Nur im Wasser ist was los“,
sagt der Schwamm,
„denn im Wasser wird man groß,
Madame!“

„Was soll dieser Quatsch, du Pfeife!“,
sagt die Seife.
„Diesen Unsinn glaubt dir keiner,
denn im Wasser wird man kleiner.“

Ich hatte schon immer eine besonders gute Beziehung zum Wasser, und ich war ganz in meinem Element, als ich 1957 mit sieben schwimmen lernte, im Hallenbad meiner Heimatstadt Reschitza. Ich war der erste Schwimmer in der Familie, meine Eltern konnten nicht schwimmen und meine Großeltern auch nicht. Mein Vater schaffte es zwar, sich um die zehn Meter am Stück über Wasser zu halten, doch bei einer weiteren Strecke wäre er zum unfreiwilligen Taucher geworden. Das Becken, in dem ich schwimmen lernte, war 25 Meter lang und ich durchschwamm es anfangs mit meinem gelben, aufblasbaren Schwimmring mit Entenkopf, aus dem der Schwimmlehrer nach und nach die Luft entweichen lies, wonach ich sehr bald ganz ohne Ring wie eine Ente im Wasser trieb. Mit der Zeit wurde ich zu einem leidenschaftlichen Schwimmer. Am Anfang der Evolution standen die Fische, und ich machte die Verwandlung der Flossen in Füße wieder rückgängig, indem ich meine Füße zu Flossen machte.

Im kleinen Bergfluss Bersau, der durch meine Heimatstadt dahinströmt, konnte ich leider unmöglich meine Schwimmlust ausleben. Reschitza ist eine schmutzige Industriestadt, deren Schmelzhütten und Eisenwerke auf Maria Theresias Anordnung bereits im 18. Jahrhundert eingeweiht worden waren. Die Hochöfen pusteten seit damals unermüdlich gigantische Rauchschwaden in die Lüfte, sodass ich einen Großteil meiner Kindheit praktisch im Nebel verbrachte. Und keiner konnte sich damals besser als ich mit Hermann Hesses symbolträchtigem Gedicht „Im Nebel“ identifizieren, wenn auch aus einer ganz anderen als die vom Dichter gemeinten Perspektive: „Voll von Freunden war mir die Welt,/ Als noch mein Leben licht war;/ Nun, da der Nebel fällt, /Ist keiner mehr sichtbar.“

Doch wenn sich der dicke Smogvorhang bei Sonne bisweilen beiseite schob, gluckerte die Bersau ganz entzückt und sie glänzte und funkelte in allen Regenbogenfarben, denn sie schwemmte all die entsorgten Altöle und giftigen Schwermetalle aus den vielen Fabriken der Stadt fleißig und unermüdlich mit sich fort. Der Begriff Umweltschutz existierte damals lediglich in der jahrzehntelangen Warteschleife der unerfundenen Wörter, und wenn man morgens das Haus mit einem schneeweißen Hemd verließ, kehrte man abends mit einem grau-schwarzen Hemd wieder zurück. Aber ich möchte jetzt nicht klagen. Das war eine interessante Variation in der grauen Alltagsmonotonie der Provinz, wie auch die sich ständig abwechselnden olfaktorischen Erlebnisse: Der Fluss roch, nein, stank bestialisch mal nach Kanalisation und faulen Eiern, mal nach Benzin, sodass man in meiner Jugend an seinen Ufern fröhlich und unbeschwert flanieren konnte, aber nur wenn man eine Gasmaske trug. Hätte man damals in einem Anfall von Übermut einen lebendigen Fisch in die Bersau geworfen, dann wäre dieser noch in der Luft verendet, um sich danach im Wasser wie in Schwefelsäure blitzartig aufzulösen, bevor er sich voller Dankbarkeit auf den langen Weg zum großen ewigen Fischgott ins unverschmutzte Jenseits gemacht hätte.

Und wie sieht es heute aus? In den letzten Jahren sind die Fische in der Bersau wieder nach und nach aufgetaucht, und das ist auch gut so, aber dafür sind die Fabrikarbeiter wie die Kaninchen im Zylinder verschwunden, zumal die Industriewerke allesamt den Bach runtergegangen sind, und das ist schlecht.

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