Über den Tellerrand in die Zukunft gespäht

Gespräch mit Adrian Majuru über Facetten und Nutzen der Anthropologie

Sonntag, 02. Februar 2014

Woher kommt die Menschheit – und wohin wird sie gehen? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich der Anthropologe Dr. Adrian Majuru.

Das historische Bukarest mit seinen Farben und Verlockungen; der Einfluss der  Reformation auf die Entwicklung europäischer Städte;  die Auswirkungen von Beruf und sozialen Faktoren auf die Physiognomie eines Menschen oder die bevorstehenden Migrationen auf der Flucht vor der nächsten Eiszeit... All dies sind Themen, mit denen sich Anthropologe Adrian Majuru im Rahmen seiner Forschungen auseinandersetzt. In einer Zeit, in der Spezialisierung und Tunnelblick Wissenschaft und Berufswelt dominieren, gehört es zu seiner Aufgabe, nicht die Details, sondern ihre Verbindungen, ihr Zusammenwirken zu betrachten. Zum  einen entlang der Achse der Zeit.

Aber auch auf den Ebenen der Information, die sich, wie er sagt, parallel dazu entfalten – unendlich dünne Scheibchen, nahtlos übereinandergestapelt, von der Vergangenheit bis zur Gegenwart. Sie beinhalten alles, was einen Menschen, eine Gesellschaft, eine Nation oder gar die Menschheit zum gegebenen Zeitpunkt definiert. Warum aber wird manches am Zeitpfeil entlang immer weitergetragen, während anderes einfach verblasst? Die Antwort liegt im Bewusstsein:  Was es sieht – oder auswählt – ist seine Realität. Wer den Regeln dieses Spiels auf die Spur kommt, der hält den Schlüssel zu einem der heißbegehrtesten Geheimnisse der Welt in der Hand: einem Blick in unsere Zukunft!

Tatsächlich ist Prognose eine der wichtigsten potenziellen Anwendungen der ansonst sehr theoretisch anmutenden Anthropologie, erklärt Adrian Majuru. Weil komplexe Vorgänge betrachtet werden, in die viele Disziplinen einfließen – Kultur, Geschichte, Naturwissenschaft  – arbeitet man im Team und mit Datenbasen. Betrachtet wird zum Beispiel die vorraussichtliche Entwicklung einer Stadt wie Bukarest aufgrund ihrer Lage in einem Netz von Handelswegen zwischen Zentraleuropa, Balkan und der Levante. Hier fließen auch historische Beobachtungen ein: Die frühere Rolle Bukarests als Tor zwischen Balkan und Westeuropa, die der Stadt einst den Spitznamen „Klein Paris“ einbrachte. Aber auch aktuelle Entwicklungen im In- und Ausland, etwa die zunehmende Islamisierung in Europa. Weil Rumänien religiöse Homogenität verspricht – „daran wird sich kaum was ändern“ –  könne es irgendwann ein attraktives Einwanderungsland  für Christen aus Zentraleuropa werden, erklärt der Anthropolige und fügt an: „Stellen Sie sich vor, in Frankreich gibt es schon jetzt Städte mit muslimischer Mehrheit.“

Ein heißes Thema sind auch klimatische Veränderungen, die in der Vergangenheit Massensterben und Völkerwanderungen auslösten. Hinzu kommen aktuelle Entwicklungen zu Treibhauseffekt und sich ändernden Meeresströmungen, betrachtet vor der aktuellen Bevölkerungslage: der Besiedlung betroffener Regionen, ihrer wirtschaftlichen Grundlage, der Auswirkungen eines Klimawandels auf die Landwirtschaft. Dann wird es neue Völkerwanderungen geben. Doch kann man eine komplexe Gesellschaft einfach von einer Region in eine andere „umtopfen“ – und vor allem wohin? Utopische Fragen... Doch Majuru schüttelt ernst den Kopf: „Den Beginn der nächsten Eiszeit werden wir beide noch miterleben“.

Kommunizierende Gefäße der Zeiten

Wie wird man eigentlich Anthropologe? Adrian Majuru hatte zunächst Geschichte studiert, mit Schwerpunkt auf der Stadtentwicklung von Bukarest. Im Rahmen seiner Studien besuchte er auch einige Konferenzen im Anthropologischen Institut Francisc J. Rainer und stellte fest, dass ihm die Herangehensweise lag. In weiteren Treffen im Institut lernte er dann seinen späteren Mentor, den bekannten Anthropologen Ioan Oprescu kennen. „Du machst gute Anthropologie, du weißt es bloß noch nicht“, öffnete ihm dieser die Augen. Den Doktor absolvierte Majuru im Bereich humane Geografie.  Heute gehört der Bukarester längst zum Inventar des Instituts. Darüber hinaus lehrt er als Gastprofessor an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung „Ion Mincu“, leitet das Volkskunst-Museum „Minovici“  in Bukarest  und publiziert immer wieder moralisierende Rubriken oder Artikel in verschiedenen Printmedien,  wie „Cotidianul“ oder „Casa lux“.

Auch eine beachtliche Reihe wissenschaftlicher Bücher – die meisten zum Thema Bukarest -– gehen auf sein Konto.
Das jüngste Werk mit dem Titel „Stadt der Verlockungen“ (in deutscher Sprache erschienen) wurde vor genau zwei Wochen auf der Ferien Messe Wien in der österreichischen Hauptstadt präsentiert. Darin befasst sich Majuru mit dem vormodernen Bukarest zwischen Orient und Europa, einer Stadt der Farben und Verlockungen. Unterhaltung, Freizeit, Urlaub und Partys der Bukarester der vergangenen Jahrhunderte werden aus anthropologischer Sicht beleuchtet. Verschwundene Realitäten, etwa der lebhafte Markt „Târg de moşi“ im Frühling, auf dem fahrende Händler, Gaukler und Zirkusleute aus dem ganzen Land zusammentrafen, finden ebenso Eingang wie Aufschwung und Niedergang des berühmten Lipscani-Viertels, europäischer Knotenpunkt für den Handel mit Waren aus dem Orient, geschlossen 1818 wegen der Befürchtung, die Pest könne durch ausländische Händler eingeschleppt werden.  Doch ist es ein Bukarest der Lebensfreude und des Optimismus, das Majuru hier präsentiert. Vollmundig, verlockend und kein bisschen wissenschaftlich trocken bereichert es Einheimische wie auch Touristen um viele unbekannte Facetten zur Hauptstadt, eröffnet Einblicke in die moderne rumänische Mentalität und wie sie sich durch den Kontakt mit anderen kulturellen Modellen herausbildete.

Von der Zukunft sprangen wir in die Vergangenheit. Und mühelos wieder zurück. Was ist Zeit für Adrian Majuru? Die Achse in seinem Weltenmodell, an der unsere Realitätsebenen kleben – aber auch Leitmotiv in der im September 2013 erschienenen zweisprachigen Erzählung „Eine Geschichte in drei Zeiten“/“O poveste in trei timpi“,  in der er mit den Realitätsebenen spielt, als wären sie nach dem Prinzip kommunizierender Gefäße verbunden. Eine wahre Geschichte aus Schäßburg, die ihm zugetragen wurde, hatte seine poetischen Saiten zum Klingen gebracht. Wohl die des Historikers – oder die des Zukunftssehers?

Starke Zukunft für Bukarest

In seinen Buchtiteln kommt immer wieder Bukarest vor. Gewachsene professionelle Wurzeln, oder eine heimliche Liebe? Stattdessen frage ich nach seiner Vision für die Zukunft. Wie könnte sich die Hauptstadt in den nächsten 30 Jahren verändern? „Bukarest wird neben Istanbul die mächtigste Stadt auf dem Balkan“, überrascht der Anthropologe und begründet sein Urteil mit der geografischen Position als Transitstadt zwischen Zentraleuropa, Balkan und der Levante. „Weil man sich zunehmend an der Donau orientiert, wird Konstanza zur anatomischen Verlängerung“, fährt er fort. Wie seit 1880 immer wieder beobachtet, werde es daher Einwanderungswellen aus Zentraleuropa geben, sei es durch ausländische Firmen, deren Spezialisten sich später mit kleinen Firmen selbständig machen, sei es durch rückkehrende Auswanderer, die hier mit wesentlich kleinerem Kapital eine Existenz gründen können, oder die schon erwähnten „Flüchtlinge“ vor religiöser Überfremdung im eigenen Land. „Die Oberfläche der Stadt wird sich dann stark vergrößern, im Norden bis nach Ploieşti und  Piteşti – wenn keine regionalen Kriege kommen“, schränkt er seine Prognose ein. Syrien oder Probleme mit dem Islamismus in der Türkei fallen als Stichworte.

Auch für Rumänien sieht er eine relativ positive Zukunft. Wenn sich Siebenbürgen nicht abspaltet und die Republik Moldau hinzukommt, was wahrscheinlich sei, würde Rumänien allein schon wegen seiner homogenen christlichen Struktur ein attraktives Einwanderer- und Rückkehrerland.  Der Boden ist fruchtbar und bei Weitem noch nicht so belastet wie anderswo. Majuru sieht all dies auch als Motivation für Auswanderer aus der Republik Moldau nach Zentraleuropa, irgendwann in ihre Heimatdörfer zurückzukehren. Mit deutscher Rente etwa könnten sie in der alten Heimat besser leben , oder vielleicht mit kleinen Ersparnissen neue Existenzen gründen.

Sibirien als künftiges Paradies

 Wir springen noch einmal um 30 Jahre in die Zukunft. Etwa so lange geben uns wissenschaftliche Prognosen Zeit, bevor  Europa unweigerlich abkühlt, meint Adrian Majuru.  Zentraleuropa, Balkan und Russland werden wohl bewohnbar bleiben, doch überbevölkert durch jene, die aus vereisenden Ländern drängen. „In der letzten Eiszeit gingen die Gletscher bis Norditalien, Österreich und die Slowakei. Ob es wieder so wird, kann keiner sagen“, lenkt er ein.  Doch ist gewiss: Der Golfstrom kommt zum Stillstand, mit ihm verändern sich Strömungen des globalen Förderbands, die bisher für Europas „Fernwärme“ sorgten. „Es ist nicht mehr umkehrbar“, sagt Majuru unmissverständlich.

Während Nordeuropa unter einer unbewohnbaren Eisdecke versinkt, beginnt bei uns dann die Tundra. Die Vegetation zieht sich zurück, bis Landwirtschaft  unmöglich wird. Hingegen soll es in Sibirien deutlich wärmer werden. Ein neues Paradies! „Was glauben Sie, warum sich Frau Merkel jetzt so für Sibirien interessiert?“ interpretiert der Anthropologe ihren diesjährigen Besuch in Tomsk.

Den Charakter am Gesicht ablesen

Doch bis dahin bleibt Adrian Majuru noch ausreichend Zeit für  Forschungen. Ein ehrgeiziges neues Projekt befasst sich mit der Frage, inwiefern Beruf und soziale Umstände die Gesichtszüge eines Menschen prägen. Hierfür verglich der Anthropologe aus einer umfangreichen Datenbank historische Porträts – und kommt zu erstaunlichen Schlussfolgerungen. Personen mit unterschiedlichem genetischen Hintergrund und gleichen Lebensumständen sahen aus wie Brüder! Ob daraus eine anwendbare Disziplin wird, steht freilich noch in den Sternen. Das Buch der Zukunft – es  steht eben auch Anthropologen immer nur einen kleinen Spalt breit offen...

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