Über den Zaun zum Nachbarn geguckt

Wissenschaftliche Fallstudie: Siebenbürger Sachsen durch die rumänische Brille betrachtet

Dienstag, 10. Januar 2017

Buchvorstellung im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ mit Dr. Cosmin Budeancă (links), Dr. Laura Gheorghiu (2. v. li) und Aurora Fabritius (rechts).
Foto: George Dumitriu

Was dachten die Rumänen in Siebenbürgen über ihre sächsischen Nachbarn? Wofür wurden sie anerkannt, bestaunt, als Kuriosität belächelt oder gar zum Vorbild erkoren? Es ist ein eigenwilliger Ansatz, ein Volk durch den Blickwinkel eines anderen zu beschreiben. Ethnische Imagologie nennt sich diese Wissenschaft, bei der sich individuelle und kollektive Vorstellungen über “die anderen” zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen sollen. Ein spannendes Experiment auf jeden Fall, das sich Historiker Dr. Cosmin Budeancă 1997 vorgenommen und 2016 abgeschlossen hat: Auf über 50 Reisen durch drei Landkreise Siebenbürgens – Hermannstadt/Sibiu, Alba und Hunedoara – hatte er mehr als 350 Rumänen zu ihrer Sicht auf verschiedenste Aspekte der sächsischen Gemeinschaft befragt. 220 Interviews wurden ausgewertet, 122 in das Buch „Imaginea Etnicilor Germani la Românii din Transilvania după 1918” („Das Bild der Siebenbürger Sachsen bei den Rumänen nach 1918” ) aufgenommen, das 2016 im Verlag Cetatea de Scaun erschien.

Ende letzten Jahres wurde es sowohl in Hermannstadt vorgestellt – Eveline Cioflec berichtete in der ADZ vom 20. Dezember – als auch im Bukarester Kulturhaus „Friedrich Schiller” in einer Konferenzdebatte mit dem Autor und Experten: Dr. Laura Gheorghiu, Dr. Zóltan Róstas und Dr. Florian Banu. Obwohl eine wissenschaftliche Studie, pulsiert darin das Leben, begeistert sich die Projektkoordinatorin der Konferenz, Aurora Fabritius. Trotz akribisch angeführter Details und einer Fülle an Originalzitaten und Kommentaren stellt es sich als jedermann zugängliches, spannendes, bisweilen auch unterhaltsames Werk dar, das nicht nur trockene Fakten vermittelt, sondern ein Gefühl für die Menschen – Beobachter wie Beobachtete –, ihren Lebensraum und ihre Zeit.
 

Gute Beziehungen auch in schwierigen Zeiten

Von Aspekten des Alltagslebens wie Arbeit, Gesellschaft, Kirche, Schule, Heirat, Feste und Bräuche, Familie, Trachten, Speisen und viel mehr reicht das Repertoire bis hin zu Eigenschaften und Stereotypen: etwa die Einstellung der Sachsen zur Arbeit, zum Essen oder zur Pünktlichkeit, ihre Ehrlichkeit oder Strebsamkeit. Betrachtet werden Freundschaft und Distanz, Gastfreundschaft oder Geiz – freilich stets durch den Filter des jeweiligen Erzählers. So beobachtet einer der Befragten: Stark ausgeprägt war ihr Sinn für Eigentum, den Boden sowie Gebrauchsgegenstände gleichermaßen betreffend. Die Sachsen hielten ihre Dinge in Ordnung und passten auf sie gut auf. Lieh man sich etwas aus, musste man besonders achtgeben, es nicht schmutzig zu machen oder zu beschädigen.

An anderer Stelle wird festgestellt: Alle Hoftore in den sächsischen Siedlungen sind geschlossen – immer! Trotzdem waren die Sachsen für gute Nachbarschaft bekannt. Familie, Schule, Kirche und Nachbarschaft waren die Pfeiler ihrer Gesellschaft.

Für Amüsement sorgen kuriose Aspekte – etwa gegenseitige Spitznamenvergabe, Flüche und Beleidigungen: „groß und dumm wie ein Sachse” hieß es bei den einen, “rumänischer Heufresser” konterten die anderen.

Auch Tabuthemen kommen aufs Tablett: arrangierte Heiraten, um den Grundbesitz – selbst unter Sachsen – nicht teilen zu müssen; die Ablehnung ethnisch oder religiös gemischter Ehen.

Am Ende resümiert das Kapitel „Was die Rumänen von den Sachsen gelernt haben” die Folgen jahrhundertelanger Kohabitation: Dazu gehört Nachbarschaftshilfe, Organisation des eigenen Hofs und Pflege der Gebrauchsgegenstände (“a fi gospodar”), das Worthalten (“vorba e vorba”) oder auch Mahlzeiten zu fester Uhrzeit. Die Einflüsse reichten von Bräuchen über Kochrezepte bis hin zur Herstellung von Speck: „Bei den Sachsen hält er zwei Jahre, ohne jede Veränderung“ / „Sie bewahrten ihn gut auf, sie bereiteten ihn vor, salzten ihn, sie wussten, wie man ihn zubereitet. Das haben die Rumänen von ihnen übernommen. Sie hatten ihre Methoden aus alten Zeiten“.

Die Deutschen in Siebenbürgen wurden von allen ethnischen Gruppen respektiert, erklärt Dr. Laura Gheorghiu. Für die Rumänen waren sie oft Vorbild. Die Beziehungen zur rumänischen Mehrheit waren auch in schwierigen Zeiten meist gut – anders als in anderen Ländern Südosteuropas, betont die Forscherin.
 

Zwischen Mitgefühl und Bewunderung

Was schwierige oder historisch belastete Themen betrifft – Deportation, Enteignungen, Kommunismus oder die Auswanderung in Massen – bietet das Buch eine Fülle an Details, die sich wie Puzzle-steine zu einem komplexen, doch intuitiv erfassbaren, schlüssigen Bild zusammenfügen. Hier nur einige Kostproben:
 

Zur Deportation in die Sowjetunion

Wenig Erinnerungspotenzial gibt es unter den Rumänen zum Seelenzustand der Sachsen während und kurz nach der Deportation. Waren wir zu jung, um uns einfühlen zu können, oder die Sachsen zu verschlossen, fragten sich die Zeitzeugen selbst? Oder haben die Jahre dazwischen die Erinnerungen ausgelöscht? Umso bewegender einige Einzelfälle: Ein Rumäne erzählt, sein sächsischer Meister habe ihn händeringend gebeten, seine Kinder zu adoptieren, um diese von der Deportation zu verschonen. „Meister, ich adoptiere sie jetzt gleich, als wären sie meine eigenen“, entgegnete der Untergebene, fügt aber nachdenklich an, „doch sie werden dich an Stelle deiner Kinder mitnehmen.“

Auch an das Verbrennen kompromittierender Dokumente, die eine Verbindung ehemaliger sächsischer Gruppenführer zur SS verraten hätten, konnten sich einige erinnern. „Wenn mich jemand danach fragt, so werde ich nichts sagen”, versprach ein rumänischer Zeuge, gab aber zu bedenken: „Und wenn es doch noch irgendwo steht?“

Was die Erstellung der Listen der zu Deportierenden betraf, erinnerten sich einige an Befehle an die Rathäuser, die Daten zusammenzutragen. Ein anderer benennt einen „sehr informierten Geheimdienst namens Serviciul Român de Siguranţă unter Aufsicht der NKVD“. Zwei Zeitzeugen hingegen verweisen auf die Rolle mittelloser Opportunisten: „Sie verkauften dich für eine Flasche Schnaps” / „Sie waren arm und dachten, sie könnten so an ihr (der Sachsen) Hab und Gut kommen“ / „Die haben sich in die Partei eingeschrieben, die Heruntergekommensten im Dorf“.

Im Großen und Ganzen herrschte unter Rumänen jedoch Solidarität und Mitgefühl vor: „Wir weinten alle mit ihnen.“ / „Wenn du siehst, sie nehmen die Mutter mit und das kleine Kind bleibt zurück...“ / „Es legte sich eine Trauer auf die ganze Bevölkerung, denn... jeder hatte ein Gefühl der Achtung, des Respekts, der Freundschaft für die Sachsen... sie waren anständige Leute, Menschen unter Menschen“. Erzählt werden auch Fälle, in denen Sachsen von Rumänen unter Gefahr für Leib und Leben versteckt und auf diese Weise gerettet wurden. Vereinzelt sollen lokale Ordnungsbehörden ihre sächsischen Bürger sogar vorgewarnt haben. Dies alles fand freilich ein Ende, als anstelle der verschwundenen Listenkandidaten andere Familienmitglieder oder Dorfbewohner anderer Ethnien willkürlich eingezogen wurden.

Interessant ist, dass nach Eheschließungen sächsischer Mädchen mit Rumänen, die gezielt eingefädelt wurden, um der Deportation zu entgehen, das Tabu Mischehe dauerhaft zu bröckeln begann. So sollen sächsisch-rumänische Ehen nach 1945 allgemein häufiger geworden sein. Als Gründe für die Konvenienzehen wurde von rumänischer Seite meist Mitleid aufgrund der drohenden Deportation angeben, aber auch finanzielle Vorteile spielten gelegentlich eine Rolle. In manchen Fällen kam es kurz darauf zur Scheidung – andere blieben für immer zusammen.
 

Zur Bodenreform

Waren die Enteignungen für die Sachsen traumatisch gewesen – „Sie haben ihnen den Boden genommen, und wo wir vorher bei ihnen gearbeitet haben, kamen sie danach zu uns zum Arbeiten“ – so wurde die Kollektivierung als ihr Rettungsring betrachtet, der von einigen nur zu gerne ergriffen worden sei. Vor allem von den Alten, während die Jungen im Kontext der massiven Industrialisierung zunehmend Arbeit in der Stadt suchten, heißt es. Interessant sei zu bemerken, schreibt Budeancă, dass in den Aussagen der Rumänen hierüber geradezu eine Haltung der Bewunderung zu spüren gewesen sei, manch-mal auch vermischt mit etwas Neid. „Der Deutsche ist ein schlauer Kerl! Sie haben ihm den Boden genommen, sie haben ihm alle Rechte genommen... und nur mit dem Beutel in der Hand hat er sich in der Fabrik in Hunedoara eingeschrieben und pendelte fortan täglich. Er stand um vier Uhr auf, damit er um sieben dort war. Es war ermüdend... Aber keiner von ihnen war jemals arbeitslos.“
 

Zur Auswanderung

Die Gründe für die Emigration waren zu jeder Zeit komplex und 1944 völlig anders als zwischen 1947-48 oder 1984-85; auch die Haltung des rumänischen Staates war eine andere in jeder Phase, eine einfache Erklärung sei daher nicht möglich, erklärt Dr. Florin Banu. Hinzu kam eine Art Schneeballeffekt, wie der Wissenschaftler ergänzt: Einer sei dem anderen gefolgt, ohne groß nachzudenken. Die evangelische Kirche, betonte er, habe die Auswanderung allerdings nicht gefördert. Im Kapitel „Wahrnehmung jener, die nicht gegangen sind“ wird von rumänischen Zeitzeugen bemerkt: Die Verbliebenen seien vorwiegend mit Rumänen verheiratet, oder alte Leute, die sich einen Neuanfang in Deutschland nicht mehr zutrauten, oder solche, die keine Verwandten in Deutschland hatten, zu denen sie hätten gehen können.

Laura Gheorghiu ergänzt: Das Festhalten an Traditionen habe den Sachsen zwar geholfen, ihre Identität über die Jahrhunderte hinweg zu bewahren – trotzdem konnte der Kommunismus diese zerstören, weil durch Repatriierungen die Verbindungen zur Dorfgemeinschaft gezielt gekappt wurden. So fiel den bereits Entwurzelten schließlich auch die Auswanderung leichter.
In der Perzeption der Rumänen war die sächsische Gemeinschaft nach dem allgemeinen Exodus nach der Wende praktisch nicht mehr vorhanden. Nur alte Frauen und „rachitische“ Schwache seien vereinzelt in den Dörfern geblieben, hieß es.

Neben Aussagen zu großen Fragen der Zeitgeschichte besticht das Buch jedoch vor allem durch eine Fülle an Details, die ungeachtet ihrer Wichtigkeit durch den Erzählcharakter erhalten bleiben. Sie fielen nicht durch den Rost effizienter Kürzung, denn der O-Ton musste bewahrt werden. Weiters fällt auf, dass die befragten Zeitzeugen meist keine Gelehrten sind, sondern einfache Bürger, die ihre Erinnerungen frisch von der Leber weg berichten – in ihren eigenen Worten. Nicht selten erlaubt die Ausdrucksweise auch Rückschlüsse auf den Horizont des Erzählers. Gelegentlich lässt sich die Natur der Beziehung zwischen Beobachter und Beobachtetem erahnen, oder soziale Unterschiede. Auch widersprüchliche Aussagen kommen vor und verdeutlichen eine gewisse Meinungsbreite. So fügen sich die Fragmente zu einem Bild zusammen, das zwar nicht unbedingt authentischer ist als das durch herkömmliche Geschichtsschreibung vermittelte – doch auf jeden Fall tiefer und facettenreicher.


Cosmin Budeancă: „Imaginea Etnicilor Germani la Români din Transilvania după 1918”, Editura Cetatea de Scaun, ISBN 978-606-537-347-1

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