Über die Heilkraft von Farben und Klängen

Buch zu Kunst- und Musiktherapie in rumänischer Sprache erschienen

Donnerstag, 21. Mai 2015

Malen oder Musizieren als „Medikament“ gegen psychische Störungen, Angstzustände und Depressionen? Das mag ungewöhnlich klingen, aber Kunst- und Musiktherapie sind als alternative/ergänzende Behandlungsmodelle neben der Pharmako- und der Psychotherapie längst etabliert. Trotzdem bleibt (nicht nur) bei Patienten viel Skepsis: Wird man plötzlich vom Arzt aufgefordert, auf einem Instrument zu improvisieren oder seine Gefühle in einem Gemälde darzustellen, so reagiert man als Erwachsener vielleicht zunächst schüchtern und zurückhaltend.

Viele Menschen haben seit der Schulzeit nicht mehr einen Pinsel oder einen Farbstift in den Händen gehalten, andere haben vielleicht noch nie Instrumentalmusik gemacht. „Es gibt Wichtigeres im Leben“, heißt es, wenn es um kreative Arbeit geht. Doch Kunst- und Musiktherapeuten sind vom Gegenteil überzeugt: Die Beschäftigung mit Farben und Klängen hält gesund und kann dazu beitragen, dass man das verlorene innere Gleichgewicht wiederfindet, gerade wenn Arzneien und Worte nicht mehr reichen.

Der kürzlich in rumänischer Übersetzung erschienene Sammelband „Puterea vindecatoare a picturii si muzicii” (Die Heilkraft der Malerei und der Musik), herausgegeben von Werner Kraus, wendet sich an all jene, die Musik- und Kunsttherapie praktizieren oder studieren, sowie an Patienten und Interessierte, die sich vielleicht zum ersten Mal mit der Materie beschäftigen (wollen). Das Buch setzt sich zum Ziel, „ neugierig zu machen“, „grundlegende Informationen zu liefern“, „zur Kreativität aufzufordern“ – und hält, was es verspricht.

Die Originalfassung in deutscher Sprache besteht aus zwei separaten Werken, die bei dem C.H. Beck Verlag in München bereits in mehreren Auflagen erschienen sind. „Die Heilkraft der Musik. Einführung in die Musiktherapie“ (2011) und „Die Heilkraft des Malens. Einführung in die Kunsttherapie“ (2012) sind Sammlungen von Grundlagentexten, die von praktizierenden Fachleuten aus Deutschland verfasst wurden und einen guten Überblick über die zwei Behandlungsmethoden verschaffen. Das Erscheinen des rumänischen Bandes geht auf eine Initiative des aus Kronstadt/Braşov stammenden Arztes Dr. Martin Müller zurück.

In der rumänischen Ausgabe sind die ersten zehn Aufsätze der Kunsttherapie gewidmet. Es wird in den einleitenden Texten davor gewarnt, die Wirkung dieser Maßnahme zu überschätzen: Meistens begleitet sie andere, unverzichtbare Methoden, und ihre Erfolge hängen von dem Therapeuten und dem Patienten ab. Nichtsdestotrotz geht Kreativität nach Ansicht der Autoren oftmals einher mit dem Wiederfinden des verlorenen Selbstwerts, mit einer gewissen Öffnung und Stärkung des Patienten gegenüber der Außenwelt, mit der Entwicklung einer neuen Lebensfreude.

In der Klinik kann Kunsttherapie beispielsweise bei Autismus-Patienten eine alternative Form nonverbaler Kommunikation darstellen; sie kann innere Konflikte zum Ausdruck bringen, Gefühle wie Angst und Depression in Kunstwerkform materialisieren. Dabei ist nicht das Produkt (die Zeichnung oder das Gemälde) wichtig, sondern der Kreativprozess selbst, so der Autor Christoph Thomas in seinem Text zur Geschichte, den Modalitäten und Grenzen des Fachs. Auch Karin Blum hebt in ihrem Beitrag hervor, dass kreative Arbeit und „das Experimentieren mit Farben, Linien und Formen“ den zensurlosen Ausdruck der Innenwelt ermöglicht; das blockierende Bewusstsein wird nicht eingeschaltet, stattdessen engagiert sich der Patient in eine „spielerische“ Tätigkeit, die ihm weniger herausfordernd und „bedrohlich“ erscheint, als klassische Therapieansätze.

Auch Musik ist alles andere als ein garantiertes Wunderheilmittel. Tonius Timmermann unterstreicht in seinem Beitrag zur rezeptiven und aktiven Musiktherapie, dass die Wahrnehmung von Musik sehr stark variieren kann – je nach Stil, Werkkomplexität, Interpretation und auch je nach musikalischer Bildung und Laune des Hörers. Deshalb seien Musizieren und Musikhören sehr subjektive Erlebnisse. Im therapeutischen Gebrauch steht aber vor allem freies Improvisieren im Mittelpunkt: Es regt den Musizierenden dazu an, etablierte (Lebens)Muster zu verlassen, und nicht nur musikalisch Neues zu wagen. Improvisieren macht authentischer und flexibler, befreit, entspannt und öffnet neue Zugänge zum Selbst und zur Umgebung. Im Kapitel „Musiktherapie bei Angststörungen“ zeigt Hanns-Günther Wolf beispielsweise, dass Patienten im gemeinsamen Improvisieren bedeutende Parameter der Zwischenmenschlichkeit wie Kontaktaufnahme, Intuition, Distanz-Nähe-Verhältnisse, Autonomie und Spontaneität „üben“ können. Das Freiheitsgefühl, das der Patient beim Improvisieren im geschützten Musiktherapieraum erlernt oder ausprobiert, ist im Kern das gleiche Freiheitsgefühl, das er auch in seiner gesamten Lebenshaltung anwenden kann: „Die Essenz der Musiktherapie entspricht mit ihrem fließenden, sich stets verwandelnden Charakter der Essenz des Lebens“, heißt es in einem der Aufsätze.

Zu den Vorzügen des Bandes gehören Erläuterungen zu Arbeitsmethoden, Literaturtipps zur Vertiefung der Themen sowie die zugängliche Sprache, die trotz der Fachausdrücke stets verständlich bleibt. Ein großer Pluspunkt sind die zahlreichen Beispiele aus der Praxis – etwa Kunsttherapie bei Stress und Angststörungen (Ulla Tretter) und chronischen Krankheiten (Reinhild Gerum und Elisabeth Muth) oder Musiktherapie bei Magersucht (Sabine Hellwig), Suchtkranken (Christian Galle-Hellwig), Depressions- (Ute Rentmeister) und Schizophrenie-Erkrankungen (Christian Münzberg). Gerade die konkreten Fallbesprechungen dürften auch beim Fachpublikum sehr willkommen sein – beispielsweise bei den Studenten des landesweit einmaligen Masterstudiengangs „Musiktherapie“, der seit 2008 im Angebot der Transilvania-Universität Kronstadt steht. Leider haben sich bei der Übersetzung ins Rumänische einige ärgerliche Fehler eingeschlichen (z. B. ist das Wort „Angehörige“ mit „apar]in²tori“ statt „rude“ übersetzt). Auch sind Sonderzeichen und Zeichensetzung nicht durchgehend korrekt, was manchmal die Lektüre erschwert. Doch dies sind kleine Mängel für ein sehr willkommenes Werk, das mit Sicherheit eine Lücke auf dem rumänischen Markt schließt.

Werner Kraus (Hrsg.): „Puterea vindecătoare a picturii si muzicii” („Die Heilkraft der Malerei und der Musik”), Limes Verlag Klausenburg/Cluj, 2014, 172 Seiten, Titelblatt gestaltet von Renate Mildner-Müller, Übersetzung von Dr. Martin Müller, Carmen Coptil und Elena Kronberger, ISBN 978-973-726-848-8, Preis: 20 Lei, Bestellungen unter www.edituralimes.ro

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