Über die Sachsen im Norden Deutschlands

Ein Gespräch mit Volkmar Gerger, Vorsitzender der Landesgruppe der Siebenbürger Sachsen in Niedersachsen und Bremen

Mittwoch, 23. März 2016

Volkmar Gerger engagiert sich gerne für seine Landsleute.
Foto: Christine Chiriac

Eine kleine Gemeinschaft, die trotz vieler Herausforderungen zusammenhält – diese Beschreibung trifft nicht nur auf die Deutschen in Rumänien zu, sondern genauso auf jene, die als Rumäniendeutsche nun in Deutschland leben. Ein Besuch bei der Landesgruppe Niedersachsen/Bremen des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. bestätigt es: Mit sieben Kreisgruppen (Bremen, Göttingen, Hannover, Lüneburger Heide, Osnabrück, Salzgitter und Wolfsburg) und zahlreichen über Norddeutschland verteilten Kulturensembles ist es allein geografisch nicht einfach, das sprichwörtliche Gemeinschaftsgefühl aufrecht zu erhalten. Dass es trotzdem gelingt, ist auch Volkmar Gerger zu verdanken, der seit zwölf Jahren die Landesgruppe leitet. Er ist gebürtiger Hermannstädter, hat in dem „Independenţa”-Werk und dem Forschungsinstitut für Industrieöfen, Gießerei- und Schmiedeanlagen in Hermannstadt/Sibiu gearbeitet und lebt seit 1990 in Deutschland. In unserem Interview spricht Volkmar Gerger mit Christine Chiriac über sein Engagement für seine Landsleute.

Herr Gerger, flächenmäßig ist Niedersachsen das zweitgrößte Bundesland, die Mitgliederzahlen in Ihrer Landesgruppe sind jedoch deutlich geringer als in Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Es stimmt, dass wir mitgliedermäßig zu den „kleinen” von acht Landesgruppen gehören, obwohl in unserer Landesgruppe neben Niedersachsen auch das Bundesland Bremen vertreten ist. Wir haben insgesamt etwa 1400 Mitglieder, die geografisch weit verstreut leben, was die Verbandsarbeit natürlich erschwert. Zu unseren Veranstaltungen kommen trotzdem Landsleute aus allen Ecken Niedersachsens, Bremens sowie aus anderen Landesgruppen zusammen, worauf ich sehr stolz bin. Um eben das zu bewerkstelligen, schreiben wir als Vorstand jeden persönlich an, das spricht die Leute an und gibt ihnen eine zusätzliche Motivation mitzumachen. Gemeinsame Veranstaltungen gibt es auf Landesebene einige, zum Beispiel organisieren wir alle zwei Jahre in Zusammenarbeit mit der Landesgruppe Hamburg/Schleswig-Holstein – früher kam der Landesverband Berlin/Neue Bundesländer hinzu – den „Heimattag der Nordlichter“. Dieses Ereignis hat sich als Ergänzung oder „Ersatz“ für den Heimattag in Dinkelsbühl etabliert, weil die lange Fahrt aus dem Norden nach Dinkelsbühl nicht jedermanns Sache ist.

Wie werden die Siebenbürger Sachsen in Niedersachsen und Bremen wahrgenommen?

Wir sind vergleichsweise ein kleiner Verband. Die Russlanddeutschen zum Beispiel zählen allein in Niedersachsen ca. 300.000 Mitglieder. Aber dank unserer Aktionen, unserer regelmäßigen Teilnahme am „Tag der Niedersachsen“ und der großzügigen Unterstützung von unseren Partnern ist es uns gelungen, auf uns aufmerksam zu machen. Obwohl das Land Niedersachsen „Pate“ der Schlesier ist – unser Patenland ist Nordrhein-Westfalen – hat es seit 2008 gemäß Paragraph 96 des Bundesvertriebenengesetzes auch unseren Verband unterstützt. Wir werden in zunehmendem Maße wahrgenommen, auch weil wir mit vielen anderen Interessenverbänden und dem Bund der Vertriebenen zusammenarbeiten, und nicht zuletzt weil unsere Gemeinschaft nach wie vor stark zusammenhält.

Wie aktiv ist die junge Generation in der Landesgruppe?

Da haben wir ein Problem: In Niedersachsen und Bremen haben wir keine Jugendorganisation, weil wir zu wenige an einem Ort sind, um zum Beispiel eine Jugendtanzgruppe zu gründen. Die Mitglieder müssten Hunderte Kilometer zu den Proben fahren: Aus Friesoythe im Landkreis Cloppenburg, wo ich lebe, sind es 90 Kilometer bis in den nächsten Ort, wo Sachsen leben. Nach Osnabrück sind es 100 Kilometer, von Wolfsburg und Göttingen ganz zu schweigen. In Rumänien war es früher unter diesem Aspekt doch viel einfacher, sich zu treffen. Abgesehen davon ist es heute nicht einfach, junge Menschen für die Verbandsarbeit zu begeistern. Ausschlaggebend ist aber das persönliche Beispiel der Eltern in der Familie – und das ist unsere Hoffnung.

Inwiefern ist bei der jüngeren Generation die siebenbürgisch-sächsische Identität noch präsent?

Die Jüngeren – ich spreche da von unseren eigenen Kindern, bei anderen ist es wohl ähnlich – wissen, woher sie kommen, haben teilweise noch lange in Siebenbürgen gewohnt, erinnern sich in der Regel sehr gerne an die Zeit ihrer Kindheit und Jugend, aber in Deutschland mussten sie sich nach der Auswanderung schnell integrieren und oft doppelt so viel arbeiten, um sich zu behaupten. So haben die Verbindungen zur Heimat an Intensität verloren. Heute zieht man kreuz und quer durch Europa und die Welt, Identitäten sind entsprechend flexibel, insbesondere bei jungen Menschen. Sie kehren in ihre Heimatorte in Siebenbürgen selten zurück, aber fast genauso selten bleiben sie in ihren norddeutschen Heimatorten. Dafür ist die internationale Mobilität heutzutage völlig selbstverständlich. Wenn sie aber 35-40 Jahre alt werden und etwas mehr Zeit haben, dann erinnern sie sich und fangen an, sich wieder zu treffen, sich zu engagieren.

Wie ist das Verhältnis der Landesgruppe zu Siebenbürgen?

Sehr gut! Im Mai 2012 war ich mit einer Delegation des niedersächsischen Innenministeriums unter der Leitung des Beauftragten der niedersächsischen Landesregierung für Vertriebene und Spätaussiedler in Hermannstadt, Birthälm, Schäßburg und Radeln. Wir wurden mit bewährter Gastfreundschaft vom Demokratischen Forum der Deutschen in Siebenbürgen sowie dem Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt betreut. Auch unsere Kulturgruppen reisen gerne nach Siebenbürgen, die Tanzgruppen aus Wolfsburg haben zum Beispiel 2014 in Mediasch, Schäßburg, Hermannstadt getanzt und haben die Ortschaften, aus denen die Mitglieder stammen, besucht. Einige unserer Landsleute fahren zu den Sachsentreffen nach Siebenbürgen. Erfreulicherweise sind jüngere Generationen gelassener als die konservativeren Älteren, auch in Bezug auf ehemalige Konflikte und wunde Punkte im Verhältnis zu Rumänien.

Was würden Sie der Landesgruppe für die Zukunft wünschen?

Dass noch mehr Landsleute bei uns Mitglied werden, vor allen junge Landsleute. Zurzeit ist der Mitgliederschwund größer als der Zuwachs, weil die biologische Uhr tickt. Ich selbst bin auch keine 70 mehr! Wir machen aber mit großer Freude weiter, weil wir überzeugt sind, dass es sich lohnt, den Zusammenhalt weiterhin zu pflegen. Obwohl es manchmal schwierig ist, den Start zu machen: Wenn man sich versammelt, dann blühen die Leute auf und freuen sich – und das ist der Motor, der unsere Arbeit vorantreibt. Wenn man bei unseren Festen in die Augen der Menschen schaut, und merkt, wie aufmerksam sie sind, wenn die Tanzgruppen auftreten oder wenn die Blaskapelle spielt, dann lohnt sich diese Arbeit auf jeden Fall. Diese Begeisterung packt gleicherma-ßen auch unsere prominenten Gäste aus Politik und öffentlichem Leben, die regelmäßig und mit Freude unsere Veranstaltungen besuchen. Ich habe mein Prinzip, den Spruch mit den zwei Fröschen, den ich bei jeder Gelegenheit zitiere: Zwei Frösche fallen in den Rahmtopf, und, weil er zu hoch ist, kommen sie nicht mehr heraus. Sie paddeln, und paddeln, dann sagt der eine: du, das macht keinen Sinn, und ertrinkt. Der andere paddelt bis der Rahm zu Butter wird, und rettet sich. Die Geschichte ist aus dem Internet, nicht von mir, aber sie zeigt: Aufgeben kommt nicht in Frage.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 23.03 2016, 15:55
echte Hermannstädter würden sagen, er hat beim Rieger gearbeitet.

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