Über Faschisten in den deutschen Konzentrationslagern

Gerhard Köperniks Buch über Rumäniens Eiserne Garde während des Dritten Reichs

Freitag, 12. Dezember 2014

Gerhard Köpernik: „Faschisten im KZ. Rumäniens Eiserne Garde und das Dritte Reich“, Berlin: Frank & Timme 2014, 290 S., ISBN: 978-3-7329-0089-3, 39,80 Euro

Im Berliner Verlag Frank & Timme erscheint seit fünf Jahren die wissenschaftliche Reihe „Forum: Rumänien“, deren thematische Schwerpunkte auf der Geschichte, Politik, Gesellschaft, Kultur und Literatur Rumäniens liegen. Der jüngst publizierte zwanzigste Band dieser stattlichen wissenschaftlichen Reihe trägt den Titel: „Faschisten im KZ. Rumäniens Eiserne Garde und das Dritte Reich“.

Der Autor dieses Bandes ist der promovierte Jurist Gerhard Köpernik, der lange Jahre in verschiedenen Abteilungen des Bundeswirtschaftsministeriums tätig war und mehrfach auch als EU-Berater fungierte. Der 1944 im mährischen Iglau/Jihlava geborene Köpernik brachte außerdem beruflich selbst einige Jahre in der rumänischen Hauptstadt zu: von 1979 bis 1983 war er Leiter der Handelsförderungsstelle in der Deutschen Botschaft in Bukarest und in den Jahren 2008 und 2009 arbeitete er als EU-Berater bei der Regionalen Umweltagentur Bukarest. Seit 2005 ist Köpernik Präsident der in Berlin ansässigen Deutsch-Rumänischen Gesellschaft.

Mancher Leser mag sich angesichts des Buchtitels „Faschisten im KZ“ verwundert fragen: Gab es das wirklich? Und um etwaigen Missverständnissen sogleich vorzubeugen, muss die Antwort wahrheitsgemäß lauten: ja und nein! Ja, Faschisten aus Rumänien waren mehrere Jahre in den deutschen Konzentrationslagern Buchenwald, Fichtenhain, Dachau und Sachsenhausen interniert. Nein, die rumänischen Faschisten waren den übrigen KZ-Insassen der genannten Konzentrationslager in keiner Weise gleichgestellt.

Als der Führer der Eisernen Garde Horia Sima zusammen mit seinem Sekretär Traian Borobaru 1943 in das KZ Buchenwald gebracht wurde, empfing man sie als „Ehrenhäftlinge“: „Sie wurden nicht in eine Baracke, sondern in eine Villa am Rande des Lagers geführt. Ihnen wurde eine ganze Etage mit Schlafzimmer und Esszimmer zugewiesen, ein Soldat kümmerte sich um Reinigung und Mahlzeiten. Um die Villa herum gab es Stacheldraht und Wachsoldaten, die Villa erschien Sima gleichwohl ein Erholungsort zu sein.“ (S. 194)

Aber auch die in deutsche KZs überführten gewöhnlichen Angehörigen der Eisernen Garde genossen einen privilegierten Sonderstatus. Sie mussten beispielsweise keine gestreifte Sträflingskleidung anlegen, sondern durften als Inhaftierte ihre eigenen Kleider tragen. Die nach Dachau verbrachten Legionäre hatten die Erlaubnis, Radio zu hören, sie erhielten Taschengeld und konnten sich auch in einem Gemeinschaftsraum ungehindert versammeln. Die in den Heinkel-Flugzeugwerken in Rostock tätigen Legionäre wurden für ihre Arbeit entlohnt. In einem an den Reichsführer SS Heinrich Himmler gerichteten Schreiben vom 24. Dezember 1942 beklagten sich die im KZ Buchenwald inhaftierten Legionäre außerdem darüber, dass sie – als loyale Anhänger des Nationalsozialismus – gemeinsam mit dessen Feinden eingesperrt waren.

Köperniks Buch untersucht die Geschichte der Eisernen Garde in den Jahren 1939 bis 1945 im Lichte der deutsch-rumänischen Beziehungen. Das erste Kapitel, gleichsam die Vorgeschichte dieser historisch höchst brisanten Jahre, ist dem Gründer und charismatischen ersten Führer der Eisernen Garde Corneliu Codreanu gewidmet, der die faschistische, antisemitische, antikommunistische und antidemokratische rumänische Organisation 1927 unter dem Namen „Legion des Erzengels Michael“ ins Leben rief, bevor sie dann 1930 in „Eiserne Garde“ umbenannt wurde.

Schritt für Schritt zeichnet Köpernik in seinem Buch die wichtigsten Stationen der Geschichte der Eisernen Garde nach und konzentriert sich dabei vor allem auf die Wechselwirkungen zwischen der Außenpolitik des Dritten Reichs und der rumänischen Innenpolitik. Die einzelnen Kapitel des Buches untersuchen: das erste Exil von Legionären in Berlin von Januar 1939 bis Mai 1940 (Kap. 2); die Beteiligung der Eisernen Garde an der Regierung in Bukarest von Juni 1940 bis Januar 1941 (Kap. 3); den Putsch der Eisernen Garde gegen den rumänischen Staatsführer General Ion Antonescu im Januar 1941 und die Folgen des Januar-Putsches (Kap. 4); die Internierung der Legionäre in Berkenbrück und Rostock vom Mai 1941 bis Dezember 1942 (Kap. 5); die Zeit der Inhaftierung der Legionäre in den KZs Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen von Januar 1943 bis August 1944 (Kap. 6); schließlich die Zeit der Nationalen Rumänischen Regierung von September 1944 bis Mai 1945 (Kap. 7).

Das mustergültig aufgebaute Buch mit einem instruktiven „Vorwort“ (S. 7-9) und einem resümierenden „Rückblick“ (S. 249f.) besticht durch seinen sachlichen Stil und seine klare Struktur, durch seine meisterhafte Aufbereitung umfassenden Archivmaterials, durch seine Anschaulichkeit (über 50 Abbildungen!) und durch seinen informativen Anhang, in dem neben einem Abkürzungs-, Abbildungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis auch Kurzbiografien wichtiger historischer Gestalten des behandelten geschichtlichen Zeitraums verzeichnet sind, getrennt nach den Ländern Deutschland (von Günther Altenburg bis Reinhard Wolff: S. 251-260) und Rumänien (von Ion Antonescu bis [tefan Z²voianu: S. 261-273).

Das Hauptverdienst des Buches liegt in der Unterfütterung der in Standardwerken – Köpernik erwähnt in seinem „Vorwort“ die einschlägigen Werke von Andreas Hillgruber, Sebastian Balta, Armin Heinen und Ilarion }iu – recherchierten und dargestellten historischen Vorgänge mit umfassendem Quellenmaterial, insbesondere mit amtlichen nicht publizierten Dokumenten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, aus dem Bundesarchiv und aus dem Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München. Die spannend präsentierten Dokumente zeigen, wie stark deutsche Außenpolitik und rumänische Innenpolitik während der Zeit des Dritten Reichs miteinander verwoben waren. Sie zeigen aber auch den vielgestaltigen Charakter der nationalsozialistischen Rumänien-Politik, die sich beständig mehrere Optionen offen hielt und bis zuletzt die im KZ inhaftierten Legionäre als „Trumpfkarte“ (S. 250) zurückbehielt, um ihren Einfluss auf und in Rumänien zu behalten und zum rechten Zeitpunkt geltend zu machen.

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