Über Stock und Stein – Urban Parkour in Bukarest und Jassy

Internationales Treffen mit Unterstützung deutscher und französischer Kulturinstitute

Dienstag, 26. April 2016

Wer sein Gleichgewicht finden will, braucht Vertrauen.

Klettern und über Steine hüpfen in Jassy.
Fotos: Angelika Marks

Früher, in analogen Zeiten, versuchten wir unseren langweiligen Schulweg dadurch abzukürzen, indem wir uns quer durch die Gärten und Felder schlugen. Wir kletterten über Zäune, hüpften über die Kiesel im Bach, überwanden Stacheldraht und versuchten, uns nicht vom Hund des Bauern oder – schlimmer – vom Bauern selbst erwischen zu lassen. Hätten wir damals bloß Mike, Dimitri oder Florian von ParkourONE aus Deutschland, Justin von ReborneEducation aus Bukarest oder Flori von Parkour Lyon gekannt…
Diese Erinnerungen huschten mir durch den Kopf, als ich die jungen Traceure (franz.: le traceur - der Läufer) bei ihrem Training im Mihai-Eminescu-Lyzeum in Jassy/Iaşi beobachten durfte, wie sie einer begeisterten Schar von Jungen und ja, auch etlichen Mädchen – die sich laut Dimitri sogar oft viel geschickter anstellen als die Jungs – Präzisionssprünge, das Balancieren auf schmalen Graden oder das Klettern über Zäune beibrachten.

Ein Gefühl für den eigenen Körper entwickeln, das Gleichgewicht spüren, seine Kräfte genau einschätzen, was ist zu hoch, wie schaffe ich dieses Hindernis am besten. Schnell wird klar, worauf es ankommt, auch wenn die Umsetzung nach ein paar Stunden Training sicher noch nicht an das Niveau der Trainer heranreicht. Für zwei Wochen vom 9. bis zum 24. April zog diese Truppe aus drei Ländern mit ihren Workshops durch Schulen in Bukarest und Jassy, hier vor allem innerhalb des Programms der Projektwoche „Schule anders“, aber auch in einem Waisenhaus für Straßenkinder sind sie gewesen. Neben den Workshops gab es Vorführungen, Filme, die anschließend diskutiert wurden, und natürlich gemeinsame Trainingseinheiten. Unterstützt wurde dieses Gemeinschaftsprojekt vom Deutschen Kulturzentrum in Jassy, der Alliance Français, vom Institute Française Bukarest und dem Goethe-Institut. Bukarest begreift diese urbane Kunst-Form der Fortbewegung auch im Rahmen seines Actopolis-Engagements.

Denn Parkour ist mehr als nur Sport, wie mir die Parkourläufer erläutern, dahinter steht eine ganze Philosophie. Entwickelt in den 1980ern in Frankreich durch Raymond Belle und seinen Sohn David überwindet der Läufer mit dieser Methode alle Arten von Hindernissen nur Kraft seiner eigenen natürlichen Fähigkeiten. Um dies gefahrlos und ohne Schädigung seiner Umwelt und seiner Mitmenschen tun zu können, bedarf es einer inneren Einstellung und sehr viel Training und Körperbeherrschung.  Parkour versteht sich nicht als Konkurrenzsport, darum nennt sich das nationale Treffen am 23. und 24. April in Jassy auch nicht Rally, sondern Parkour Jam, wie im Jazz, wo jeder seine Erfahrungen und Fähigkeiten mit den andern teilt. Bescheidenheit, Vertrauen, Respekt, Vorsicht und Mut sind daher die Grundpfeiler. Dennoch zeigt man sich von offizieller Seite diesen Events gegenüber eher misstrauisch, weshalb sie denn in den meisten Städten nicht ohne eine offizielle Genehmigung durchgeführt werden können. Ohne Regeln geht es auch hier nicht.

Vielleicht liegt dieses Misstrauen auch an der spektakulären Art und Weise, wie diese Bewegungsart in den Medien, nicht zuletzt im Film präsentiert wird. Wer erinnert sich nicht an die beeindruckende Anfangsszene von „Casino Royal“, in der James Bond Sébastien Foucan alias Mollaka verfolgt. Allerdings beschreibt sich Foucan nicht als Parkour-Läufer, sondern als „freerunner“, eine Weiterentwicklung, bei der nicht der Weg das Ziel ist, sondern die Bewegung an sich im Zentrum steht. Wie immer gibt es hier durchaus Puristen, aber auch Grenzgänger. Das Gleiche gilt auch für die Art der Ausübung, denn während einige der Community hierin ihr Freizeitvergnügen sehen, bedeutet es für andere Lebensinhalt, bisweilen sogar Karriere, denn Head Coach bei Parkour ist durchaus ein Fulltime-Job. Aber nicht nur durch das Unterrichten, auch als Showelement, als Spezialist für Stunts beim Film oder auch als Trainingseinheit für die Polizei, damit die Beamten einmal nicht mehr so hilflos wie meist im „Tatort“ den Verbrechern hinterherhechten müssen, lässt sich Par-kour kommerziell nutzen. Vielerorts sind sie so vom urbanen Störenfried zum urbanen Partner avanciert. Nicht zuletzt tragen diese internationalen Events dazu bei, den Fans des Sports ihren städtischen Raum, den Flaneuren und Bürgern von Jassy und Bukarest neben dem Spektakel auch einige Erkenntnisse über diese faszinierende Sportart zu bieten. Details zum Event gibt es auch auf der Internetseite des Goetheinstituts in Bukarest: http://www.goethe.de/ins/ro/de/buk.html

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