Über Wahrheit und Lüge im moralischen Sinn

Anca Damians Spielfilm „Moon Hotel Kabul“ in den rumänischen Kinos

Sonntag, 06. Januar 2019

Der Film der Regisseurin Anca Damian erhielt auf dem Warschauer Filmfestival 2018 den Preis für die beste Regie.

Rumäniens militärisches Engagement in Afghanistan bildet den aktuellen zeitgeschichtlichen Hintergrund für das Drehbuch des jüngsten Films von Anca Damian „Moon Hotel Kabul“, das von der Regisseurin in Verbindung mit der Schauspielerin und Schriftstellerin Lia Bugnar gemeinsam verfasst wurde. Der Film, der vor Kurzem in die rumänischen Kinos kam und mit englischen Untertiteln gezeigt wird, erhielt auf dem Warschauer Filmfestival im Oktober 2018 den Preis für die beste Regie.

Im Mittelpunkt der Filmhandlung steht der Sensations- und Enthüllungsjournalist Ivan Semciuc (Florin Piersic Jr.), der gerade eine Story über den Tod zweier rumänischer Soldaten bei einem Patrouillengang in Afghanistan abgeschlossen hat und nun wieder nach Bukarest zurückkehrt. In der letzten Nacht im Moon Hotel Kabul (gefilmt im marokkanischen Casablanca) trifft er sich in seinem Hotelzimmer mit der Übersetzerin Ioana Preda (Ofelia Popii), mit der er eine Affäre hat. Bevor sie ein letztes Mal miteinander schlafen, versteckt sie einen USB-Speicherstick in seinem Necessaire, den Ivan erst einige Tage nach seiner Heimkehr nach Bukarest zufällig entdeckt.

Noch vor dieser Entdeckung wird Ivan mehrmals mit der Frage nach der Wahrheit konfrontiert, die nun nicht mehr nur den beruflichen und journalistischen Aspekt seiner Tätigkeit, sondern verstärkt den privaten und persönlichen seiner Existenz betrifft. Die Witwe (Dorina Chiriac) eines der beiden getöteten Soldaten sucht ihn zu Hause auf und bedrängt ihn, die letzten Worte ihres Gatten und die genauen Umstände seines Todes preiszugeben. Desgleichen bedrängt ihn seine Lebensgefährtin, die ein Kind von ihm erwartet und ihn misstrauisch nach eventuellen Affären befragt. Auf beide Provokationen reagiert Ivan mit Lüge und Aggression, wobei er sich zunehmend in den Kokon seines Schweigens zurückzieht.

In dieser Situation ereilt ihn die Nachricht vom Tode Ioana Predas, die sich in Kabul das Leben genommen haben soll, wie ihm von offizieller Stelle mitgeteilt wird. Doch Ioanas Speicherstick, dessen Dateien Ivan nun auf seinen Computer herunterlädt, erzählt eine andere Geschichte. Er findet dort, neben einer Vielzahl von Dokumenten, eine von Ioana an ihn gerichtete Videobotschaft, die ihm nicht nur enthüllt, dass Ioana neben ihrem Übersetzerjob auch als Geheimdienstmitarbeiterin aktiv war, sondern darüber hinaus, dass sie schmutzigen Geschäften und Machenschaften zwischen Rumänen und Afghanen auf die Spur gekommen ist und nun um ihr Leben fürchtet.

Doch Anca Damians Film verfolgt diesen Aspekt der journalistischen Enthüllungsgeschichte nicht weiter, sondern konzentriert sich im weiteren Verlauf der Handlung ganz auf das persönliche Verhältnis von Ivan zu Ioana, das metaphorisch auch als sein Verhältnis zur Wahrheit betrachtet werden kann. Ivan besucht Ioanas obduzierte Leiche in der Prosektur, wobei der Pathologe dem fachmännisch ausgeführten Schnitt bei der Durchtrennung der Pulsader in Ioanas Unterarm seine Anerkennung zollt. Ivans Chefredakteur (Adrian Titieni), der zugleich der Bruder seiner Lebensgefährtin ist, fordert Ivan danach auf, Ioanas Tod in einem Zeitungsartikel als Folge einer akuten Krankheit, etwa einer Peritonitis, zu kaschieren, um damit jegliche politischen oder persönlichen Dimensionen aus der Wahrheit von Ioanas Ableben zu verbannen.

Doch Ivan verweigert sich diesem Ansinnen und überführt stattdessen im Leichenwagen Ioanas Sarg in ihr Heimatdorf nahe Fogarasch/Făgăraș (gefilmt in Sâmbata de Sus). Die nächtliche Fahrt nach Siebenbürgen, die auch Mystery-Elemente (die tote Ioana auf dem Beifahrersitz!) mit einbezieht, wird dabei zur symbolischen Unterweltsfahrt, etwa in der Begegnung mit der auf der Straße tanzenden Hochzeitsgesellschaft, die vor dem Leichenwagen scheu zurückweicht, oder auch in der Begegnung mit der im Regen frierenden Prostituierten.

Anstatt wie geplant nach der Überführung des Sarges sofort wieder nach Bukarest zurückzukehren, hält Ivan zusammen mit Ioanas Mutter (Rodica Negrea), ihrem mental retardierten Bruder Mitu (Alexandru Nagy) und einigen Verwandten in Ioanas Elternhaus die Totenwache, wobei auch hier Mystery-Elemente nicht fehlen: Die im geöffneten Sarg liegende Ioana zündet sich an einer der brennenden Totenkerzen eine Zigarette an, und ihr Bruder Mitu setzt einen ganzen Schwarm Küken auf den Leib seiner toten Schwester.

Ivans veränderte Einstellung zur Wahrheit zeigt sich im Film erstmals im Gespräch mit Ioanas Mutter. Hatte er bisher nur aus egoistischen Gründen gelogen, so lügt er nun aus altruistischen Gründen, indem er ihrer Mutter gegenüber Ioanas Ehre verteidigt. Nachdem der Pope des Dorfes sich weigert, Ioana zu bestatten, da sie eine Selbstmörderin ist, lässt Ivan als Ersatz einen mit ihm befreundeten Mönch zum Begräbnis kommen, der am offenen Grab eine tröstliche Rede auf die notgedrungen nun außerhalb des Friedhofs beerdigte Ioana hält.

Nach Bukarest zurückgekehrt, findet der Protagonist Ivan – wie am Ende eines Stationendramas – zur Wahrheit zurück. Er gesteht seiner Lebensgefährtin die Affäre mit Ioana und bricht außerdem mit seinem Chefredakteur, der Ioanas Todesumstände als ein politisch und journalistisch allzu heißes Eisen nicht anzupacken wagt und Ioanas Video wie auch die von ihr gesammelten geheimen Dokumente nicht öffentlich machen möchte. Am Ende des Films setzt sich Ivan an seinen Laptop und lädt das gesamte Datenmaterial von Ioanas Speicherstick ins Internet hoch, in ein Medium, das denselben Konflikt von Wahrheit und Lüge, wirklichen Nachrichten und Fake News austrägt wie Ivan selbst.

Die rumänisch-französische Koproduktion „Moon Hotel Kabul“ besticht nicht nur durch die oben bereits genannten Schauspielerinnen und Schauspieler, nicht nur durch die gelungenen Bilder (Dominique Colin), den einfühlsamen Soundtrack (Romain Trouillet) und das exzellente Drehbuch, sondern auch durch den wunderbaren Rhythmus, der Anca Damians Film von Anfang bis Ende durchherrscht. Zugleich stellt der Film beständig die Frage nach der Wahrheit, ebenso verwundert wie Friedrich Nietzsche in seiner Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“, wo der große Moralkritiker angesichts einer Welt von Verstellung, Illusion, Lug, Trug, Täuschung und Traum erstaunt ausruft: „Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit?“

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