Überraschung beim Klassentreffen

Sonntag, 07. September 2014

Ich lebe seit 1977 in Düsseldorf, aber meine Kindheit und Jugend habe ich im rumänischen Banat verbracht. Dieses Jahr fand das 45-jährige Klassentreffen des Abi-Jahrgangs ’69 in meiner Heimatstadt Reschitza statt, und da ich zu diesem Jahrgang gehörte, nahm auch ich daran teil. Meine Ex-Klassenkameradin Mariana hatte mich schon vor Jahren im Internet aufgestöbert und bereits zu dem 40-jährigen Treffen eingeladen, doch Rumänien liegt schließlich nicht um die Ecke, und so sehr ich es mir auch gewünscht hätte, musste ich damals aus terminlichen Gründen absagen.
Nun war es aber endlich soweit, und ich war gespannt. Das Leben ist ein packender Fortsetzungsroman, mit einer Menge überraschender Wendungen, und ich brannte vor Ungeduld, meine ehemaligen Mitschüler wiederzusehen und zu erfahren, was aus ihnen geworden ist.

Ich hatte schon einen Abend vorher im Hotel „Western-Town“, in der Nähe des Lokals „New York,  New York“, wo das Treffen geplant war, eingecheckt. Und am nächsten Morgen frühstückte ich im Café Paris, das ein paar Schritte weiter neben dem Supermarket Carrefour lag. Rumänien befindet sich zwar im Wilden Osten Europas, aber die Stadt Reschitza liegt wiederum im Westen Rumäniens und betont ihre Zugehörigkeit zum Abendland, wo es nur geht.

Nicht weit von mir im Café verweilte eine angegraute, ins Seniorenalter gekommene mollige Frau, die eine sonnenuntergangfarbige Limonade süffelte. Sie trug ein herbstfarbenes Kleid und einen weißen Seidenschal. Irgendetwas an ihr machte mich stutzig, und als sie durch ihre trapezförmige, dicke Brille zum zweiten Mal in meine Richtung blickte, dämmerte es mir allmählich. Ich lächelte ihr freundlich zu und begann, mich vorsichtig heranzutasten:

„Foarte cald azi, nu? Sehr heiß heute, was?“
„Da“, sagte sie, „mare caldură. Ja, sehr heiß.“
„Ein Glück, dass wir hier von Bergen umgeben sind, sonst wäre es nicht auszuhalten. Sind Sie aus Reschitza?“
„Ja“, sagte sie und sah mich fragend an.
„Und haben Sie vielleicht auf dem Gymnasium Nummer 2 1969 Abi gemacht und kommen heute Abend auch zum Ehemaligen-Treffen?“
„Ja.“

Quod erat demonstrandum – nun hatte ich den endgültigen Beweis. Ich sah plötzlich in Erinnerung dieses gazellenschlanke Mädchen mit dem bezaubernden Audrey-Hepburn-Lächeln und den atemberaubenden Brigitte-Bardot-Brüsten, hinter der alle im Fegefeuer der Pubertät schmorenden Jungs wie der Teufel hinter der armen Seele her waren.
„Dann sind Sie Laura“, sagte ich. „Und sie waren in meiner Klasse.“

Und dann fragte mich diese fette, abgetakelte, von Furchen entstellte, durch und durch senile alte Hexe:

„Ach ja?! Und was haben Sie da unterrichtet?“

Nun ja, die Frau litt offensichtlich unter einer krassen Wahrnehmungsstörung und offensichtlich ging es nicht nur ihr so, wie sich beim anschließenden Treffen herausstellte. Und neulich hörte ich sogar einen Witz, der sich über einen ähnlichen Vorfall lustig machte. Aber was heißt denn hier Witz? Ich weiß gar nicht, wie man über so etwas lachen kann.

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