Übersetzungen, Geschichte und das alte Temeswar

Ein Gespräch mit der Übersetzerin und Autorin Marlen Heckmann Negrescu

Samstag, 15. April 2017

Marlen Heckmann Negrescu ist die Übersetzerin von Josef Gemls Buch „Alt-Temesvar im letzten Halbjahrhundert 1870-1920“

Bei der Vorstellung des Buches im Barocksaal des Kunstmuseums Temeswar: Victor Neumann, Historiker und Direktor des Museums, die Übersetzerin Marlen Heckmann Negrescu sowie Walther Konschitzky, dem die Neuauflage des Buches (in deutscher Sprache) zu verdanken ist.

Das Buch „Vechea Timişoară în ultima jumătate de secol 1870-1920“ ist im Verlag „CosmopolitanArt“ erschienen.
Fotos: Zoltán Pázmány

Übersetzer sind Vermittler von Welten, Zeiten und Kulturen. So schlägt das Erscheinen der Monographie „Alt-Temesvar im letzten Halbjahrhundert 1870-1920“ in rumänischer Sprache („Vechea Timişoară în ultima jumătate de secol 1870-1920“) eine Brücke über ein Jahrhundert. An den Autor, den ehemaligen Bürgermeister von Temeswar Josef Geml, haben sich die Temeswarer nun erinnert – dank der Übersetzerin Marlen Heckmann Negrescu, mit der ADZ-Redakteurin Ştefana C i o r t e a - N e a m ţ i u ein Gespräch geführt hat.

Das Buch, das Sie übersetzt haben, wurde vor dem vollen Barocksaal im Kunstmuseum präsentiert. Welches Gefühl hatten Sie dabei?

Es war eine immense Genugtuung, denn nach 90 Jahren hat Geml die Anerkennung gefunden, die ihm zusteht. Sein Buch war 1927 zu einem nicht gerade günstigen Zeitpunkt und in einer äußerst geringen Anzahl von Exemplaren erschienen. Es ist vorwiegend in Kopien und Photokopien weitergereicht worden, obwohl sich Geml von Anfang an gewünscht hatte, eine Monographie der Stadt zu veröffentlichen, die dem breiten Publikum zugänglich ist. Es ist auch keine strikt historische Monographie, sondern sie enthält eine Reihe von Elementen, die das Leben der Bürger und der Stadt aufzeigen, inklusive Persönlichkeiten, Geschehnisse aus dem Stadtleben aus den 50 Jahren Stadtgeschichte, die beleuchtet werden. Das bedeutet nicht, dass Geml nicht exakt vorging; er war Statistiker, der Statistiker der Stadt, und die Daten, die das Buch umfasst, sind sehr präzise und bedeutend für Historiker. Aber Geml, der Publizist, umrahmt diese Monographie, die eine sehr trockene hätte werden können, mit einem Stil und einer Atmosphäre, die sie dem Publikum sehr schmackhaft macht. Auch Nicht-Historiker sollten Gefallen am Lesen finden. Wenn ich an den vollen Barocksaal denke, dann war das ein Feiern Gemls.

Sie haben von Humor gesprochen, von Anekdoten, die darin bearbeitet wurden, vom Lebensstil in Temeswar. Welcher Teil in dem Buch hat Ihnen am besten gefallen?

Es ist schwer, sich von den über 400 Seiten, die das Buch umfasst, auf etwas festzulegen. Sehr schön ist  zum Beispiel, wie sich Geml als banatschwäbischer Junge aus Rekasch präsentiert, der nach Temeswar kommt. Oder der Enthusiasmus, mit dem Geml jedes einzelne Wohnviertel und dessen Entwicklung beschreibt. Oder der angenehme Stil, in dem er die Eröffnung einer Fabrik darstellt, zum Beispiel „Industria Lânii“ oder die Schuhfabrik „Turul“. Oder die Errichtung bestimmter monumentaler Gebäude, wie die des Lloyd-Palais, von dem er sagt, es sei das schönste Gebäude der Stadt. Oder wie er die Cafés beschreibt. Oder wie Geml die Komitatsvertreter beschreibt, wie sie zur Versammlung kamen, wie sie ihre Freizeit danach in den umliegenden Restaurants und Cafés verbrachten. Ich kann jetzt nicht behaupten, diese oder jene Seite sei am schönsten. Es gibt sehr viele davon. Ich sehe Gemls Buch als Ganzes.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie dieses Buch übersetzt haben?

Freunde und Bekannte haben mir schon vor Jahren gesagt, dass die Übersetzung des Buches angebracht wäre. Als die Neuauflage erschienen ist, hatte ich endlich ein komplettes Material, später ist der Verlag „Cosmopolitan Art“ auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob es mich interessieren würde. Selbstverständlich hat es mich interessiert. Ich habe gleich angefangen, zu arbeiten. Obwohl ich schnell arbeite, hat die Arbeit an der Übersetzung ein gutes Jahr gedauert. Ich habe mir täglich aufgeschrieben, wie viele Seiten ich geschafft hatte, um es in eine fast fertige Form zu bringen. Wenn Sie mich fragen, warum es so lange gedauert hat für die 400 Seiten: In erster Linie mussten die Straßen und Räume wieder erkannt und bestimmt werden, die Geml beschreibt.

Sie haben die Straßenliste, die Walther Konschitzky in der Neuauflage aufgestellt hat, mit den neuen Bezeichnungen aktualisiert?

Ich habe die Neuauflage Geml gesehen, die Walther Konschitzky vorgeschlagen hat und von der meine Übersetzung vorwiegend ausgeht, ich habe gesehen, wie viel und wie gut dokumentiert er gearbeitet hat, dann habe ich mir gesagt, warum sollen wir etwas anderes vorschlagen, wenn bereits etwas gut Gemachtes vorliegt. Was die Straßenliste betrifft: Ich bin von Beruf Archivistin und habe die moralische Verpflichtung, alles zu aktualisieren, zu verifizieren. Da ich bereits eine Reihe von Karten der Stadt aus der betreffenden Zeit bis heute gesammelt habe, habe ich sie verglichen, um die Orte zu visualisieren. Viele der Straßen von damals sind anders oder es gibt sie gar nicht mehr. In der Zwischenzeit ist zum Beispiel die Siebenbürgen-Kaserne demoliert worden, ein anderer Raum wurde geschaffen. Und es wurde enorm viel nach dem Ersten Weltkrieg gebaut. Und noch etwas: In den Jahren nach der Revolution haben sich die Straßennamen oft geändert, so dass ich wollte, dass der Leser sich keine andere Stadt vorstellt als sein Temeswar. Die Lösung, die ich fand, war, neben Gemls Straßenbezeichnungen – er hatte sie auf Deutsch eingetragen, obwohl sie offiziell auf Ungarisch eingetragen waren – die aktuellen Namen aufzulisten, aktuell bedeutet Stand 2013, als die Übersetzung fertig war.

Warum sind seit der Fertigstellung der Übersetzung noch vier Jahre bis zum Erscheinen des Buches verstrichen?
Erst 2016 waren alle wichtigen Faktoren da: das Geld für die Veröffentlichung, das Kommen von Walther Konschitzky, der den Prozess ins Rollen gebracht hat. Er hat gesagt: Jetzt drucken wir das Buch! Mir fiel es schwer in den Jahren, zu sehen, wie die Veröffentlichung immer wieder verschoben wurde. Ich hatte ein solches Arbeitsvolumen reingesteckt! Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass ich in der Zeit blockiert bin, dass von mir das Schicksal dieses Buches abhängt.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Es handelt sich wieder um eine Zusammenarbeit mit Walther Konschitzky: ein Buch, das er vergangenes Jahr vorgestellt hat, über die Soldatenfriedhöfe und Denkmäler der Helden aus dem Ersten Weltkrieg im Banat („Kriegerdenkmäler im Zeichen des Kreuzes“ – N. Red.). Es ist eine eindrucksvolle Leistung, Konschitzky hat alles dokumentiert, er hat die Denkmäler beschrieben, hat sie fotografiert, und hat auch einen Anhang mit den Zeugnissen der Überlebenden des Ersten Weltkriegs erstellt, die er zusammengetragen und zum Teil bereits veröffentlicht hatte. Dieser Teil scheint mir besonders, ergreifend ist ein zu schwaches Wort dafür. Ich gehöre zur Generation, deren Großeltern am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben und in deren Häusern waren die Geschichten über den Ersten Weltkrieg immer lebendig. Und die haben für mich, für Walther und für viele Banater auch andere Konnotationen: Bei allen Symposien und Tagungen wird immer nur über die andere Front geredet, es wird so gut wie nie über diese anonymen Soldaten gesprochen. So war das nun einmal, dass damals diese Verordnung aus Budapest gekommen ist. Ihr Andenken wird ganz aus der Geschichte gestrichen, was mir nicht gerecht erscheint. Schaut man sich nur eines der Denkmäler an, die Konschitzky fotografiert hat, so erkennt man, dass aus einem Dorf über 100 junge Männer gestorben waren und dass ihr Andenken kaum noch besteht, nur weil sie auf der einen Seite der Front waren, wo sie nicht hätten sein sollen, das ist dann traurig.

Was hat Ihnen dabei geholfen, Übersetzerin zu werden – und was war eher schwierig?

Ich habe früh angefangen, zu übersetzen. Als Kind war meine erste Sprache Deutsch, meine Eltern sprachen Deutsch mit mir, damit ich die Sprache lerne, und Ungarisch untereinander, damit ich sie nicht verstehe. Und von den Kindern und allgemein den Menschen, mit denen ich in Kontakt gekommen bin, habe ich Rumänisch gelernt, habe dann auch eine rumänische Schule besucht. Es gab diesbezüglich eine gewisse Tradition in der Familie. Meine Mutter wurde nach der Vereinigung Rumäniens geboren, mein Großvater war der Meinung, du machst vier Klassen, um Deutsch schreiben und lesen zu können, aber dann gehst du in die rumänische Schule, ins Carmen-Sylva-Lyzeum, dort, wo man die Sprache des Landes spricht, dessen Brot wir essen. Das waren seine Worte. Meine Mutter hat also das Carmen-Sylva-Lyzeum besucht, nicht das Nôtre-Dame-Lyzeum, wie die deutschen Mädchen. Die Loyalität meines Großvaters hat meiner Mutter nicht viel geholfen, denn meine Mutter wurde nach Russland deportiert. Nach der Rückkehr hat sie gesagt, ich möchte nicht, dass meine Kinder darunter zu leiden haben, dass sie Deutsche sind, so dass mein Bruder und ich in die rumänische Schule geschickt wurden.

Aber sie hat es nicht zugelassen, dass ich vergesse, dass ich Deutsche bin, darum hat sie mir zu Hause Deutsch beigebracht und mir später immer wieder Bücher zum Lesen gegeben. Mein Vater, der als Deutscher zur Zeit der Monarchie in Pécs/Fünfkirchen geboren wurde und eine ungarische Schule besucht hat, bis seine Familie nach Rumänien zurückgekehrt war, hat mir Ungarisch beigebracht, so dass ich dreisprachig aufgewachsen bin, ohne dass ich mir große Gedanken darüber machte, welche Sprache ich gerade benutzte. Später habe ich Rumänisch-Französisch studiert, aber an all meinen Arbeitsplätzen war es mehr von Nutzen, dass ich Deutsch und Ungarisch konnte. Vor allem beim Archiv, denn ich habe dort mit deutschen und ungarischen Dokumenten gearbeitet. Im Laufe der Zeit lernte ich schnell, aus dem Deutschen oder Ungarischen zu übersetzen, selbst dann, wenn der Text in Handschrift verfasst war oder die gotische Schrift benutzt wurde. Ich war also mit alten Dokumenten vertraut. Dass ich auch Prosa schreibe, hat mir ebenfalls viel geholfen. Ich versuche jedes Mal, den Geist des Textes und der betreffenden Zeit, in der er verfasst wurde, wiederzugeben. Die meisten Texte, die ich übersetzt habe, sind Dokumentkollektionen gewesen, aber auch das Buch des Grafen von Krockow über die Deutschen in ihrem Jahrhundert, also im Allgemeinen aus dem Bereich Geschichte. Aber auch Prosa, zum Beispiel Bücher meiner Freundin Annemarie Podlipny-Hehn oder der Dichterin Ilse Hehn, hat mir Spaß gemacht.

Welche Buchübersetzung hat Ihnen am meisten Freude bereitet?

Geml auf jeden Fall! Nicht, weil es das zuletzt übersetzte Buch ist, sondern weil ich den Wunsch lange gehegt hatte, seit Jahrzehnten, als ich das Buch zum ersten Mal in der Hand gehalten habe.

Wenn Sie das Buch jetzt dem Leser vorstellen würden, was würden Sie ihm sagen, warum sollte er es lesen?

Es richtet sich vorwiegend an die Temeswarer, es geht ja um unsere Stadt. Je weiter man von meiner Generation weggeht, umso weniger Leute befassen sich mit der Geschichte der Stadt, nur wenige junge Menschen finden Interesse daran, sie denken nur an das Hier und Jetzt. Aber wenn man hier und jetzt ist, müsste man sich fragen: Warum? Warum hier und jetzt? Geml zeigt sehr schön auf, wie Temeswar zu der Stadt geworden ist, die sie heute ist. Es lohnt sich immer, mehr über den Ort zu wissen, in dem man lebt und diesen Ort zu lieben.

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