Unbewohnt und manchmal protzig: Migrantenhäuser in Osteuropa

Eine Ausstellung in Ulm und eine Erkundung vor Ort im westrumänischen Tschanad

Dienstag, 04. September 2018

Nicht alles, was gegenwärtig gebaut wird, sind Paläste. Aber in den Ortschaften Westrumäniens entstehen ganze Straßenzüge neu, sodass man allmählich die traditionellen Bauernhäuser in der konsekrierten Bauweise und mit den im Banat üblichen Materialien (gestampfte Lehmerde oder sonnengetrocknete Lehmziegel) immer seltener sehen kann
Foto: Werner Kremm

In diesen Häusern fehlt es an nichts: Schmucke Fassaden, häufig gusseiserne Türbeschläge, das Ganze riesengroß. Einen „Schönheitsfehler“ gibt es aber: Es wohnt niemand drin in diesen Gebäuden, in den manchmal eher protzigen Villen als einfachen Einfamilienhäusern. Denn die Eigentümer leben oftmals Tausende von Kilometern von ihrem schmucken Eigenheim entfernt, in kleinen schmucklosen Mietswohnungen: Es handelt sich um Arbeitsmigranten aus Südosteuropa, vor allem aus Kroatien, Serbien und Rumänien, die längst ihre Heimat verlassen haben, um im Westen Europas, in Spanien, Italien und vor allem auch in Deutschland oder Österreich, ihr wirtschaftliches Glück zu suchen.

Doch einen Teil ihres Geldes investieren sie in ein schmuckes Häuschen in ihrer Heimatgemeinde, das sie allerdings nur einige Wochen im Jahr über bewohnen, das sie aber gleichwohl als wichtiges Zeichen dafür errichten, es geschafft zu haben im Westen. Und aus diesen Häusern lässt sich einiges ablesen über das Leben der Arbeitsmigranten in Ost und West. Derzeit beschäftigt sich am Donauschwäbischen  Zentralmuseum (DZM) in Ulm auch eine Sonderausstellung mit diesem Thema. Titel: „Schöne neue Welt – Migranten-Traumhäuser.“ Wir haben uns nicht nur im DZM umgesehen, sondern auch dort, wo solche Migranten-Traumhäuser derzeit gerade entstehen, im Westen Rumäniens.

Wenn die Rumänin Mariana M. ihre Geschichte erzählt, gehen ihr immer wieder mal ein paar Bröckchen Deutsch über die Lippen: Denn Mariana M., die eigentlich in der Gemeinde Tschanad/Cenad zuhause ist,  arbeitet die Hälfte des Jahres als, wie sie sagt, „Betreuerin‘, als Altenpflegerin in Österreich. Und von dem Geld, das sie dort verdient, verwirklicht sie sich gerade einen Lebenstraum.

Sechs Schlafzimmer, zwei Wohnzimmer, zwei Badezimmer, einen riesigen Garten – stolz zeigt Mariana M. auf jenes villenähnliche Gebäude, das sie mit ihrem Mann (der ist Pendler und arbeitet im benachbarten Großsanktnikolaus, bei „Zoppas”) gerade fertigbauen lässt. Mit einem Job in Rumänien wäre das niemals zu stemmen. Da braucht es schon das Gehalt aus Österreich.

Mit einem Lohn, so wie er in Rumänien üblicherweise gezahlt wird, könne man zwar überleben. Ein eigenes Haus, ein großes, luxuriöses zumal, könne sie sich aber ohne ihren deutlich besseren Verdienst in Österreich niemals leisten. Und damit ist sie in der Gemeinde Tschanad kein Einzelfall, erzählt Bürgermeister Nicolaus Cr²ciun: „Ja, es gibt mehrere Familien, wo ein Teil, meistens die Männer, in Deutschland arbeiten. Die haben feste Arbeitsplätze dort und investieren dann das Geld in die Häuser, in neue Häuser, die sie hier bauen: Wunderbare Häuser, Familienhäuser, sehr schöne Häuser, genau wie im Westen. All diejenigen, die im Westen arbeiten, kommen dann mit dem Geld heim und investieren vor allem in Häuser.“

Szenenwechsel: Ausstellungseröffnung in einem umgebauten Teil der ehemaligen Bundesfestung Ulm, gut 1000 Kilometer vom ehemaligen Bischofssitz Tschanad des Heiligen Gerhard entfernt, im Donauschwäbischen Zentralmuseum: Ein rumänischer Musiker besingt das, um was es geht in der Ausstellung:  „Case“ – das ist das rumänische Wort für „Haus.“ Konkret geht es um solche Häuser wie das von Mariana M. in Tschanad – Häuser von Arbeitsmigranten aus Südosteuropa, die irgendwo im Westen ihr Geld verdienen – und zuhause, in ihrer Heimatgemeinde, vor allem eines zeigen wollen: Sie haben es geschafft!

„Sie hatten vor allen Dingen einen Hunger nach gesellschaftlicher Anerkennung, indem man sich modern gegeben hat und damit westlich. Das heißt: Man hat westliche Baumaterialien importiert. Es reichte also nicht, irgendwie eine Fliese aus Rumänien. Sondern sie musste aus Italien, sie musste aus Spanien kommen. Das heißt: Dieses Label-Denken, auf keinen Fall von hier etwas…das ist dann mehr wert, als wenn es in Rumänien produziert wäre. Und man hat mehr oder weniger die Statussymbole, die bei uns ohnehin bereits durch waren, komprimiert, zusammengefasst zu etwas, von dem man glaubte: Das wirkt jetzt modern, weil westlich.“

Beate Wild vom Museum für europäische Kulturen in Berlin hat die Ulmer Ausstellung gestaltet – und sich intensiv mit den „Migrantenhäusern“ beschäftigt, von denen in Rumänien die ersten bereits kurz nach dem Sturz des kommunistischen Diktators Nicolae Ceau{escu entstanden sind. Lange Zeit zuvor bereits gab es eine ähnliche Entwicklung in Serbien und Kroatien: Denn in den 1970er Jahren gingen viele sogenannte ‚Gastarbeiter‘ aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland. Und auch sie investierten häufig einen Teil ihres Verdienstes aus dem Westen in prachtvolle Häuser im Osten.

„So hat sich das von einem kleinen Maßstab, den man für die Eigenbedürfnisse vielleicht gebraucht hat, hochgeschaukelt zu einem repräsentativen Haus, das nicht mehr als Wohnhaus gedacht war, sondern als reines Ausstellungshaus, eine kalte Pracht, die man zur Schau stellt. Ich habe genügend gespart, um das zuhause dann in einen Bau zu investieren“. Ein Bau, der aber häufig die meiste Zeit im Jahr unbewohnt bleibt; die Eigentümer befinden sich schließlich im Ausland, um Geld zu verdienen. Beate Wild: „Es gibt nur eine einzige Saison, wo die meisten zurückkehren: Das sind die Betriebsferien im August. Da kehrt man zurück in sein Herkunftsland. Dann werden die Hochzeiten gefeiert, Pässe erneuert, Staatsbürgerliches erledigt. Im August sind diese Dörfer richtig voll, belebt. Dann sprudelt das ganze Leben.“

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Außerhalb der Ferienzeit kommt das Leben in jenen Dörfern, in denen besonders viele Migrantenhäuser errichtet wurden, fast zum Erliegen. „Was eben schade ist, dass diese Struktur dann eben zerstört wird, diese alten Dörfer.“

Diese Entwicklung beobachtet Franz Flock aus Ulm mit großer Sorge. Er stammt ursprünglich aus dem serbischen Dorf Palanka, lebt aber seit Jahrzehnten in Ulm. Viele Migrantenhäuser im Dorf bedeuten seiner Beobachtung nach nämlich auch: Viele unbewohnte „Geisterhäuser“ – und das hat Folgen: Weil keine Kundschaft mehr da ist, schließen in solchen Gemeinden Dorfläden und Apotheker. Und kaum ein Arzt möchte zwischen diesen unbewohnten „Geisterhäusern“ der Arbeitsmigranten mehr praktizieren. „Die dortigen traditionellen Häuser verfallen und müssen diesen neuen Palästen weichen. Einerseits werden die alten Häuser verlassen. Und in den neuen Häusern, die werden auch nicht bewohnt. Das ist eine ganz befremdliche Situation. Sie sind auf jeden Fall sehr viel größer als die Häuser, die dort normal gebaut wurden. Sie sind aber auch mit vielen Stilelementen verziert. Sie stellen was dar, diese Häuser. Die Türen, die Säulen auch. Es sind verschiedene Stil-Elemente zu repräsentieren. Das wird schon zum Teil pompös, pompöse Häuser.“

Pompös, aufwändig gebaut – und leer stehend: Das nehmen viele Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Schöne neue Welt: Migranten-Traumhäuser“ im Donauschwäbsichen Zentralmuseum als Kontroverse wahr. Und irgendwann müssen sich auch die Eigentümer einer Kontroverse stellen – nämlich dann, wenn sie in Rente gehen, so Ausstellungskuratorin Beate Wild: „Die Entscheidung: Bleibe ich im Gastland, dort, wo ich vielleicht auch schon Freunde habe, wo meine Kinder jetzt auch einen Arbeitsplatz haben? Sie hatten Heimweh. Sie fühlten sich ihrer Scholle verbunden – und dennoch kehrten in den 70er Jahren viele der jugoslawischen Gastarbeiter mit deutschen Rentenansprüche nicht in ihre Heimat zurück – trotz ihrer mit viel Aufwand errichteten Häuser dort. Sie blieben vielmehr auch im Ruhestand in Deutschland, weil dort ihre Kinder sind, weil dort inzwischen ihre Enkelkinder sind.

Wie das mit den rund drei bis vier Millionen Rumäninnen und Rumänen einmal sein wird, die seit Anfang der 90er Jahre ihr Land verlassen haben, ist dagegen noch eine offene Frage, weil überhaupt jetzt erst die erste Generation ins Rentenalter kommt und dann die Entscheidung treffen muss.

Mariana M. aus Tschanad hat diese Entscheidung für sich und ihre Familie schon getroffen: Ihren Ruhestand möchte sie auf jeden Fall in Rumänien verbringen – und zwar in jenem „Migranten-Traumhaus“, das derzeit gerade gebaut wird. „Für meine Kinder wünsche ich mir, dass sie sich nicht so abrackern müssen wie wir. Dass sich die Lebensbedingungen, aber auch die Löhne hier in Rumänien verbessern. Und dass sie damit überhaupt keinen Anlass mehr haben werden, ins Ausland gehen zu müssen.“

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