Unschuldig schuldig gestempelt

Der Fall Schafhütl: Neue Aspekte in den Erinnerungen eines Zeitzeugen zur Russlanddeportation

Freitag, 29. Januar 2016

Über die Folgen der Russlanddeportation im Zusammenhang mit dem Fall Schafhütl diskutieren (von links) Dr. Vlad Mitric-Ciupe, Dr. Sorin Lavric, Dr. Klaus Fabritius und (nicht im Bild) Unterstaatssekretärin Christiane Cosmatu, Dr. Cosmin Budeancă, Dr. Alexandru Murad Mironov. Projektkoordinatorin: Aurora Fabritius
Foto: George Dumitriu

17 Jahre lang war sie seine Kollegin gewesen, bekennt Mariana Duliu, Direktorin des Kulturhauses „Friedrich Schiller“ in Bukarest. Doch dass auch er, der Bukarester Architekt Jean Schafhütl, zu den nach dem Zweiten Weltkrieg in die UdSSR deportierten Rumäniendeutschen gehörte, davon hatte sie lange Jahre keine Ahnung gehabt. Wie viele andere, denn Schafhütl hatte diesen Lebensabschnitt nie erwähnt. Warum auch? Es waren doch nur verlorene Jahre...  Essen, schlafen, schuften, unter Tage in den Kohleminen des Donbass. Und nichts, was die viehische Eintönigkeit durchbricht. Keine Hoffnung – erst recht kein Gott. Da ist nur die eine Frage, die unaufhörlich im Kopf hämmert, zuerst fünf Jahre lang in der Fremde, dann, vielleicht ein wenig leiser, ein ganzes Leben: Warum ich?
Ob es die Suche nach einer Antwort war, die den Architekten veranlasst hat, doch noch alles aufzuschreiben? Irgendwo in seinen Aufzeichnungen findet sich eine Notiz „1984“, doch wann und unter welchen Umständen das Manuskript entstanden ist, bleibt vorerst ungeklärt.

Neue Steine  im historischen Puzzle

„Dieses Buch ist anders“, bekennt Dr. Vlad Mitric-Ciupe anlässlich der Präsentation von „Verlorene Jahre“ am 21. Januar im Kulturhaus „Friedrich Schiller“, „denn mit seinen Analysen geht Schafhütl weit über die übliche Erinnerungskultur hinaus.“ Es ist nicht nur ein weiterer Beitrag zur späten Aufarbeitung dieses traumatischen Teils der Geschichte, sondern liefert sogar neue Aspekte. Beschrieben werden die gezielten Bemühungen einiger Frauen, schwanger zu werden, weil man beobachtet hatte, dass Schwangere oft nach Hause geschickt wurden. Oder die am Lager vorbeidefilierenden Soldaten in schmucken deutschen Uniformen... Wie kann das sein, was hat das zu bedeuten? Der ohnehin unfassbare Hoffnungskeim erstickt, als sich diese als russische Schauspieler entpuppen: Das Deportiertenlager sollte in einem Heldenfilm – welche Ironie! – als Kulisse für ein deutsches Konzentrationslager dienen.

Dass Schafhütl auch über schriftstellerisches Talent verfügt, zeigt sich schon beim Blick ins Inhaltsverzeichnis. Im ersten Kapitel „Langer Weg in die Nacht“, beschreibt er die Fahrt ins Kohleabbaugebiet im heutigen ukrainischen Donetzbecken in Viehwaggons bei klirrender Kälte: ein halber Quadratmeter Platz für jeden, ein Meter Länge und 50 Zentimeter Breite, wenn man im Sitzen die Füße ausstreckte, oder 70 mal 70 Zentimeter, wenn man wie Buddha im Lotussitz hockte.
Es folgen fünf weitere Kapitel, eines für jedes Jahr: „1945 – Wie das Inferno von Dante im Vergleich als Paradies erscheint“, „1946 – Wie Hunger und Seuchen unaufhörlich dahinmähen“, „1947 – Wie die Sense des Todes zweimal daneben trifft und Zeit für die Liebe lässt“, „1948 – Wie die Hoffnung schritt-weise schwindet und das Leben einfach weitergeht“, „1949 – Wie sich endlich der lang ersehnte Traum erfüllt“.

Durch einen Zufall hatte Vlad Mitric-Ciupe, der „Geburtshelfer“ von Schafhütls Erinnerungen als Buch, im Rahmen seiner Recherchen über politisch verfolgte rumänische Architekten von der Geschichte des mittlerweile verstorbenen Jean Schafhütl erfahren. Als er dessen Schwester daraufhin besuchte, erfuhr er von der Existenz eines Manuskriptes – und, dass Schafhütl es nach Deutschland zur Veröffentlichung geschickt hatte, wo es jedoch verschollen war. Unwiederbringlich, bedauerte die Schwester, Aurora Sima, und der Forscher stand schon in der Türschwelle, als der alten Dame plötzlich doch noch einfiel – als hätte sie ihr Bruder von drüben energisch am Ärmel gezupft – eine rumänische Version der Aufzeichnungen zu besitzen...

Folgen und Spätfolgen

„Verlorene Jahre“ ist das bewegende Bekenntnis eines Menschen, der, blutjung, allein durch seine ethnische Zugehörigkeit zum Schuldigen gestempelt wurde. Weder Mitglied in der Vereinigung der ethnischen Deutschen noch politisch aktiv, weder willentlich noch unwillentlich an Armeehandlungen beteiligt, wurde er schuldig gemacht an einem Krieg, der allen Betroffenen unermessliches Leid zugefügt hat: den „guten“ Siegern genauso wie den „bösen“ Verlierern...
Das Buch verdeutlicht aber auch die kollateralen Traumen jener, die nicht selbst von der Deportation betroffen waren: Eltern, Kinder, Partner, die Gemeinschaft. Familien wurden auseinandergerissen – zuerst durch die Aushebung, aber auch während der Deportation, dann bei der Rückkehr, die teils nach Deutschland erfolgte. In der Ferne sind neue Beziehungen entstanden, manchmal wurden sogar Kinder geboren. Briefe ins und aus dem Lager waren all die Jahre zensiert oder abgefangen worden, sodass über den Getrennten die ständige Frage schwebte: Lebt der andere überhaupt noch? Und: Werden wir jemals zurückkehren?

Auslöser einer demografischen Tragödie

Neben den Auswirkungen auf die Opfer, diskutiert von den Historikern Dr. Cosmin Budeancă, Dr. Alexandru Murad Mironov und dem Essayisten und Arzt Dr. Sorin Lavric, kam auch das Ausmaß der demografischen Tragödie zur Sprache: Durch die fast vollständige Verschleppung der Altersgruppe der 17-45 Jährigen wurde eine Generation praktisch an der Fortpflanzung gehindert. Hinzu kommt, dass von etwa 80.000 Deportierten etwa 15 Prozent ums Leben kamen. Der Rest kehrte oft schwerkrank zurück, wie Dr. Klaus Fabritius erklärte. Nicht zuletzt hat die Deportation auch durch die – teils zwangsweise, teils wunschgemäße – Entsendung von Rückkehrern nach Deutschland den später als Familienzusammenführung motivierten Freikauf der Deutschen aus dem kommunistischen Rumänien ausgelöst und damit die Auswanderungswelle der deutschen Minderheit losgetreten, die nach der Revolution einen Höhepunkt erreichte und zu einem Schrumpfen auf heute ca. 40.000 Personen führte.

Tabuisierung deutschen Leids

Einen ungewöhnlichen Aspekt bringt Dr. Lavric mit der Bemerkung ein, deutsches Leid als Folge der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges werde bis heute tabuisiert, zu beobachten vor allem in Deutschland. Dies käme einer versteckten Zensur gleich, kritisiert er und erwähnt als ein Beispiel Marta Hillers Buch „Eine Frau in Berlin“ (1959 auf Deutsch erschienen), in dem die 1945 an deutschen Frauen begangenen Massenvergewaltigungen durch russische Rotarmisten aufgedeckt wurden, und das heftige ablehnende Reaktionen in der Öffentlichkeit zur Folge hatte. Weitere Beispiele seien die kaum jemals thematisierten traumatischen Umsiedlungen deutscher Gemeinschaften aus Polen und Tschechien. Als jüngstes Exempel führte er die in seiner Sicht von den deutschen Medien nur unzureichend aufgegriffenen Vorfälle vom Neujahrsabend in Köln an, als Hunderte Frauen von „nordafrikanisch wirkenden“ Männern sexuell belästigt wurden. Seit dem Nürnberger Prozess bis heute sei in Deutschland eine Selbstbeschuldigungsstrategie zu beobachten, warnt Lavric. In seinem Vorwort zum Buch Schafhütls bemerkt er, der Autor bricht diese fatale Tabuisierung, räumt jedoch zugleich ein, in Rumänien diskutiere man ohnehin leichter über dieses Thema.

Als bemerkenswert bezeichnet Lavric die völlige Abwesenheit jeglicher Form von Spiritualität in Schafhütls Erinnerungen, die für eine Transzendierung des Erlebten bitter nötig gewesen wäre. So scheint der Titel „Verlorene Jahre“ symptomatisch für den fehlenden Sinn in einer kalten, rohen und aufrüttelnd trostlosen Welt, in der man sich nicht einmal mehr seiner Körperlichkeit schämte – etwa darüber, die Notdurft gemeinsam mit anderen zu verrichten. Bestechend an Schafhütls Erinnerungen ist seine akribische Beobachtungsgabe, die ein nahezu fotografisches Gedächtnis verrät. So werden Details wiedergegeben, die dem Erlebten erst die ihm gebührende dramatische Tiefe verleihen. In Kombination mit einem ausgeprägten schriftstellerischen Talent und dem ständigen Versuch des Haupthelden Jan Schäffer (der natürlich Jean Schafhütl verkörpert), das Geschehene im jeweiligen Augenblick zu verstehen und einzuordnen, gelingt es dem Autor, die Unfassbarkeit und Ungeheuerlichkeit der Ereignisse hautnah zu vermitteln.


Jean Schafhütl: „Anii pierduţi – Amintirile unui arhitect deportat in URSS“ (Verlorene Jahre – Erinnerungen eines in die UdSSR deportierten Architekten), mit einer Einführung von Vlad Mitric-Ciupe und einem Vorwort von Sorin Lavric, Vremea Verlag, ISBN 978-973-645-729-6, Bukarest 2015

Kommentare zu diesem Artikel

Karl, 29.01 2016, 17:16
Da wird wieder einmal zum x.-Male sentimentalisiert, womit nichts gegen das Buch als solches vorgebracht werden soll.

An der ganzen unschönen Sache stört, dass niemand konkrete historische Zusammenhänge herzustellen wagt und nur Herzischmerzigeschwafel verzapft.

Die Deportation der Rumäniendeutschen hatte wohl 2 Gründe:

1. Handfeste Umerziehung und Gefügigmachen für ein weiteres (aus der Sicht der neuen Macht "konstruktives", und das funktionierte bekanntlich prächtigst) Verbleiben in Rumänien, das als einziges "kleines Siegerland" seine Deutschen weder vertreiben noch straflos abmurksen durfte - beides hätten "die Rumänen" sicher ebenso gerne praktiziert wie alle anderen "kleinen Sieger" (CSSR, Polen, Jugoslawien, Ungarn) im Sowjetmachtbereich. Ganz im Gegenteil: Auch über den Rumäniendeutschen ruhte die schützende Hand der damals allmächtigen Kommissare der siegreichen Sowjetmacht, ebenso wie über allen anderen Minderheiten Rumäniens, man brauchte die Minderheiten einfach um auf längere Sicht Besatzeraufwand zu sparen ... Ein Beweis dafür ist u.a. das damals auf sowjetische Anordnung hin geschaffene autonome ungarische Gebiet Rumäniens.

2. Handfeste "Revanche" jener, die jetzt (anfangs 1945) das Sagen im Lande Rumänien hatten und natürlich dem weisen Väterchen Stalin bereits während ihres Exils in Moskau und anderen Sowjetstädten ins Ohr flüsterten wie am besten mit den Rassehochmütigen (wie viele rumäniendeutsche Frauen kehrten denn geschwängert oder mit Kind an der Hand aus den Sowjet-KZs zurück?) und Faschistischen umzuspringen sei um ihnen ihre Marotten auszutreiben und sie gefügig zu machen, was bekanntlich ja bestens funkioniert hat! Ob es auch ein "kleine Retourkutsche" sich auserwählt Fühlender gewesen sein hätte können? "Menschlich verständlich" wäre es ja gewesen ...

Der Zusammenhang zwischen Deportation 1944 ("Evakuierung") großer Teile der Rumäniendeutschen durch das NS Regime, dem Verschwinden Phlepsens, das Weiterziehen von Teilen der 1944 Deportierten aus dem Sowjeteinflussbereich ins amerikanische, die Rücksendung 1944 vom NS-Regime deportierter Rumäniendeutscher aus Niederösterreich nach Rumänien durch die sowjetische Besatzungsmacht (Stichwort Weilau), etc., sollte man da "gedanklich integireren". Was wusste die deutsche Abwehr über die geplante "Sonderbehandlung" der Rumäniendeutschen nach dem unvermeidbaren Zusammenbruch der deutschen Macht? Konnte Phleps da etwas für "seine Leute" ganz am Ende noch "herausholen"? NS-Kapazunda setzte sich gegen Kriegsende zu bekanntlich gezielt aus dem zukünftigen Sowjeteinflussbereich ab, man wusste schon ...

Traut sich´s wer unter solchen Gesichtspunkten in Archiven herumzustochern und allfällige Ergebnisse gar zu publizieren?

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