Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Eine Stadt erinnert sich

Mittwoch, 11. März 2015

„Temeswar hat diese «fixe Idee», auf andere zivilisatorisch einwirken zu müssen. Dabei wissen wir, dass jede Kultur alles hat, was sie braucht, auch wenn uns etwas nicht gefällt oder die Kultur sich völlig von unserer unterscheidet“, meint Smaranda Vultur. Foto: Zoltán Pázmány

Die Memoiren einer Stadt im Wandel kann der Leser erleben, der auf der Webseite www.memoriabanatului.ro herumschnüffelt. Die Bürger Temeswars erinnern sich in Interviews an die Stadt „von damals“ – je nach der Generation, zu der die Befragten gehören, sind damit unterschiedliche Perioden gemeint: von der Zwischenkriegszeit bis zur kommunistischen Periode. Vor zirka zwanzig Jahren haben die Philologin Smaranda Vultur und der Historiker Valeriu Leu eine Forschungsgruppe für Oral History (mündlich überlieferte Geschichte) und Anthropologie im Rahmen der Stiftung „Das dritte Europa“ aufgebaut. Ein Großteil der Datenbank kann über diese Webseite abgerufen werden, das gesamte Archiv ist zurzeit am Interregionalen Zentrum für interdisziplinäre Studien an der West-Universität Temeswar untergebracht.

Heute hofft Smaranda Vultur auf „eine Online-Plattform mit Interviewfragmenten zu gezielten Themen, zum Beispiel die Russlanddeportation der Deutschen oder das Jahr 1956 in Temeswar. Das wird die komplette Digitalisierung des Archivs bedeuten. Ich wünsche mir, die Audio-Dateien darin integrieren zu können, weil sie besondere Dokumente darstellen, in den gedruckten Interviewfragmenten, die in mehreren Bänden erschienen (um nur „Die Deutschen im Banat“ zu erwähnen) sind, hat man auf einiges verzichtet. Nur auf die Finanzierung warten wir noch“.

Was ist vom alten Temeswar geblieben? Was ist eigentlich das Markante an der Stadt? Womit identifizieren sich die Temeswarer? Diese einige Fragen sind im Zuge der Kandidatur unserer Stadt zu beantworten.

 

„Der Geist der Stadt“

Smaranda Vultur sieht „das Gewinnen des Titels als ein mögliches Versprechen, nicht als eine sichere Sache, denn es hängt von sehr vielen Aspekten ab. Wenn wir uns aber auf das Erbe Temeswars und auf die hiesige Kultur und Zivilisation beziehen, auf den «Geist der Stadt», den sehr viele Menschen erwähnen, ohne ihn genau zu definieren, auf die Traditionen, die im Laufe der Zeit einem bestimmten Lebensstil geführt haben, auf ein gewisses Verhalten gegenüber der Kultur – angefangen mit der Familienkultur und dem Respekt vor der Geschichte der Stadt und das was ihre multikulturelle und multiethnische, multilinguistische und multireligiöse Tradition bedeutet hat – dann hat Temeswar auf jeden Fall eine Trumpfkarte“.

Die Bewohner Temeswars fühlen sich der Stadt sehr verbunden: „Das kann ich aus meiner Erfahrung als Forscherin behaupten. Auch die Menschen, die später nach Temeswar gezogen sind, haben hier einen gewissen Lebensstil entdeckt, nicht unbedingt den besten, wie wir ihn oft übertrieben darstellen, aber einen Lebensstil, der eine sehr gute Beziehung zu den anderen Menschen beinhaltet. Viele der Interviewten, die von diesem Geist der Stadt sprechen, haben ihn mit einem europäischen Geist gleichgesetzt“.

Worin aber besteht „der Geist Temeswars“? „Für mich bedeutet er in erster Linie eine bestimmte Art des Zusammenlebens. Ich weiß nicht, wie viel noch von dieser Lebensart geblieben ist, die Zeit vergeht so schnell und die Änderungen finden von einem Tag auf den anderen statt. Es kommen auch Dinge vor, die die Geschichte brüskieren, sie plötzlich ändern. Für mich ist es auch der Geist, aus dem die Temeswarer Revolution hervorgegangen ist. Ich werde sie auch weiterhin so nennen, es ist eben ein Event, bei dem Temeswar neu gegründet, neu entdeckt wurde. Mir scheint jene Vergangenheit wichtig, die die Stadt revitalisiert, die ihr einen gewissen Impuls gibt“.

Fast 1000 Interviews, zwischen 500 und 600 Interviewstunden wurden von den Forschern im Laufe der Zeit aufgenommen. Davon beziehen sich über 130 Interviews auf Temeswar. In Vorbereitung ist ein Band, der den Dialog zwischen den Generationen beleuchten soll. Eine fast unerschöpfliche und wichtige Informationsquelle, wenn man bedenkt, dass man seine Geschichte kennen muss, um in die Zukunft schauen zu können.

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