Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Auf das Miteinander setzen

Mittwoch, 01. April 2015

An Ostern gibt es in Temeswar dieselben Traditionen wie andernorts, aber die Alttemeswarer erinnern sich auch an eine ganz spezielle. Unser Beitrag erzählt dem Leser, worum es sich handelt.
Foto: Zoltán Pázmány

Interkulturalität ist eines der Hauptelemente, auf denen sich das Konzept der Kandidatur Temeswars zum Titel einer Kulturhauptstadt Europas 2021 stützt. Interkulturalität wird tatsächlich in dieser Stadt und der Region großgeschrieben. Mehr noch als auf die träge Bega, die uns ja tatsächlich – mündet sie doch in die Donau – überregional mit dem weiten Donauraum verbindet, kann die Stadt aber auf die „hauseigenen“ Symbole schauen und zwei fallen mir dabei gleich ein, die ich so nicht andernorts erlebt habe: es handelt sich einmal um den Domplatz, den man als Konfluenz-Platz der Kulturen ganz gut vermarkten könnte, wenn die Autoritäten sich ein bisschen darum bemühen würden. Das ist nicht von ungefähr gesagt, das rührt daher, dass sich am Domplatz der katholische Dom und die serbisch-orthodoxe Kirche befinden. Man wird ja sagen, der Eingang der serbischen Kirche befinde sich auf der Ungureanu-Straße, aber trotzdem, gibt es einen Zugang auch vom Domplatz. Und die Touristengruppen erfahren meistens über beide Kirchen, indem sie in der Mitte des Domplatzes stehen. Und nicht selten treffen sonntags oder an Feiertagen sich die katholischen und orthodoxen Kirchengänger dann eben am Domplatz.

Markenzeichen

Ein anderes Markenzeichen unserer Stadt, auf das man immer wieder zu sprechen kommen sollte, ist das am Opernplatz stehende Theatergebäude, ebenfalls ein Symbol der Interkulturalität, so wie sie in Temeswar verstanden wird: kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander: drei Theater in drei Sprachen und eine Oper unter einem Dach und das gegenseitige sich Ausborgen von Schauspielern und Regisseuren, mehr noch die Koproduktionen, wie etwa im Herbst 2014 das „Moliendo café“.

Sicherlich setzen auch andere Kandidatenstädte aus Rumänien auf Interkulturalität, wie etwa Klausenburg/Cluj, aber der Begriff Interkulturalität hat in Temeswar einen ganz anderen Inhalt. In Klausenburg sind die Welten eher parallel aufgebaut, man beäugt sich gegenseitig, aber ein Miteinander so wie es die obigen Beispiele aus Temeswar aufzeigen, gibt es nicht.

Das „Wir“

Das liegt an alten Praktiken und Traditionen, die nur der „Schmelztiegel“ Banat kennt. Wenn man den vor kurzem in Temeswar erschienen ersten regionalen Atlas in Rumänien (eigentlich den zweiten Band des Werkes) in der Hand hält, erkennt man, was die Banater ausmacht: es ist ein gewisser Gemeinschaftssinn. In der Umfrage, an der Menschen aus der Region um Detta/Deta teilgenommen haben, kommt man auch auf Nachbarn zu sprechen: es sind dann immer „unsere Ungarn“, „unsere Serben“, „unsere Roma“… Ein bisschen „anders“, aber „unsere“.

Und wenn wir schon in der katholischen Karwoche sind, dann sollte hier eine Tradition unserer Stadt hervorgehoben werden, an denen sich die Alttemeswarer heute noch gerne erinnern: An den katholischen wie auch an den orthodoxen Ostern brannten in der Elisabethstadt die Lichter in allen Fenstern. Die Orthodoxen zündeten die Kerzen auch an den katholischen Ostern an, um so ihre Anerkennung vor ihren katholischen Nachbarn und Freunden zu zeigen, die Katholiken zeigten ihren Respekt vor den Orthodoxen, indem sie an den orthodoxen Ostern die Lichter im Fenster anzündeten. So verstehen es die alten Banater, den Anderen zu respektieren. So verstehen wir unser Miteinander. Und immer anderen Regionen ein Schritt voran.

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