Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Bücher, Schriftsteller, Temeswar

Mittwoch, 08. April 2015

Bei einer Buchvorstellung: Tudor Creţu, die Ethnologin Univ.-Prof. Dr. Otilia Hedeşan und Viorel Marineasa (v.l.n.r.)

Die Temeswarer lesen noch.
Fotos: Zoltán Pázmány

Zum vierten Mal hat vor kurzem in Temeswar das „Bookfest“ stattgefunden, eine Möglichkeit für die Leser, einige der hiesigen Autoren wiederzusehen oder auch erst kennenzulernen. Nicht alle Temeswarer Schriftsteller haben sich beim Bookfest eingefunden. Einige aber, die dabei waren, haben wir über die Situation des Schriftstellers, der nicht in der Hauptstadt wohnt, befragt und auch über die Rolle, die sie in der Kandidatur unserer Stadt spielen können.

Adriana Babe]i ist als Schriftstellerin, Literaturkritikerin, langjährige Mitarbeiterin der hiesigen Kulturzeitschrift „Orizont“ bekannt und bei Philologie-Studenten wegen ihrer Vorlesungen zur vergleichenden Literaturwissenschaft – sie ist auch Professorin an der West-Universität Temeswar beliebt. Sie glaubt an die Chancen der hiesigen Schriftsteller Temeswar „wenn sie gut schreiben und wenn sie gut von dem Verlag oder den Verlagen vermarktet werden, gut mit dem Schriftstellerverband, zu dem sie gehören, arbeiten und auch mediatisiert werden. Es hat sich erwiesen, dass es aus diesem Gesichtspunkt keine «Provinz» gibt. Die Übersetzungen sind aber ausschlaggebend, es geht aber auch um Werbepolitik, wo die Kulturinstitute eigreifen können. Die Temeswarer Verlage haben keine Macht, sie sind klein und viele sind auch eingegangen“.

Es geht um „packaging“

Viorel Marineasa, Schriftsteller und Verleger, glaubt eher, dass die Chancen für die lokalen Schriftsteller „gering sind, weil wir nicht gewusst haben, für uns zu werben, wir haben keinen Werbeapparat hinter uns, der so in anderen wichtigen Städten und Kulturzentren Rumäniens existiert. Wahrscheinlich gibt es auch keine richtige Freundschaft zwischen den vielen Schriftstellern aus Temeswar und das bekommt man zu spüren, zu sehen. Jeder geht seinen eigenen Weg, mit mehr oder minder Erfolg. In anderen Städten Rumäniens setzt man alles daran, eine wertvolle Persönlichkeit ins Rampenlicht zu stellen“.

Einer jüngeren Generation entstammt Tudor Cretu, der Schriftsteller und Direktor der in den letzten Jahren ins Rampenlicht gerückten Kreisbibliothek ist. Er pflichtet Viorel Marineasa bei „Ich glaube auch, dass Temeswar ein Zentrum der Literaturkritik werden sollte, ein Zentrum, das seine wahren Werte befördert, ohne dass dies in Provinzoden mündet. Nein, es bedeutet, dass man gut schreibt, nicht unbedingt nur Gutes, aber gut schreibt, gute Bücher. Die Stadt hat wertvolle Schriftsteller und das ist am wichtigsten. Es bleibt noch, herauszufinden, wie wir unsere wertvollen Autoren vermarkten können. Es geht um gute Vermarktung, um «packaging», um einen Begriff aus der Werbebranche zu gebrauchen. Es geht um die Verpackung, die vor allem in der Kunst Teil von dem Wert des Kunstproduktes ist, es handelt sich nicht um eine äußere Schicht, um etwas Oberflächliches. Der Kritiker Manolescu in Cărtărescu von Anfang an einen potenziell großen Schriftsteller gewähnt, und das mit viel Mut geschrieben. Das hat viel bedeutet und man sieht es auch noch heute“.

 

Im Rampenlicht

Was die Kandidatur Temeswars für den Titel einer Kulturhauptstadt Europas 2021 betrifft, meint Adriana Babeţi, dass „die Schriftsteller vieles machen. Gute Bücher bringen auch der Stadt ein gewisses Prestige ein. Man denke an Herta Müller, die Absolventin der Temeswarer Universität ist, die aus dem Banat stammt, auch wenn ihre Erinnerungen von hier nicht angenehm sind. Ein bedeutender Schriftsteller gibt der Stadt einen Wert. Temeswar ist reich an bedeutenden Schriftstellern, es handelt sich hierbei nicht nur um rumänische Schriftsteller, sondern auch um serbische, etwa Miloš Crnjanski, die serbische Avantgarde, die am Temeswar der Zwischenkriegszeit gebunden ist, auch ungarische Schriftsteller, ich spreche gar nicht mehr über die deutschen Schriftsteller”.

Auch Viorel Marineasa teilt ihre Meinung: „Ich spreche jetzt Als Verleger. Es gibt viele interessanten Sachen in Temeswar. Es können Bücher wieder in den Vordergrund gestellt werden, die vielleicht vergessen oder überschattet wurden und die aber eben die Stadt definieren, die multikulturelle Öffnung der Stadt zum Ausdruck bringen. Ich denke an Miloš Crnjanski, Sorin Titel, Méliusz József und die «Aktionsgruppe Banat». Diese Schriftsteller sollten wieder ins Blickfeld gerückt werden; natürlich auch die gegenwärtigen“.

Von Tudor Creţu wollten wir noch wissen, was die Bibliothek des Kreises Temesch machen kann: „Ich glaube, dass wir schon einige Sachen in die Wege geleitet haben: die zwei Preise, die wir erhalten haben, als die landesweit beste rumänische Bibliothek für die Kreativität und für die Strategie in der Förderung der Lesekultur. Eine Bibliothek ist nicht nur da, um die Bücher zu konservieren, um die Kontinuität des literarischen Patrimoniums zu sichern, sondern sie sollte auch ein lebendiger, dynamischer Akteur sein“.

 

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