Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Eine Nacht in den Museen

Mittwoch, 20. Mai 2015

Samstagabend vor dem Kunstmuseum
Foto: die Verfasserin

Samstag, der 16. Mai, 18. Uhr, im Haus der Künste. Besucher, Fotos, ein Name: Székely László, der erste Chefarchitekt der Stadt Temeswar im XX. Jahrhundert. Der Verein der Ungarinnen aus Temeswar hat zu einer Fotoausstellung eingeladen, um an das Erbe des Architekten zu erinnern: fast alles, was Touristen aus der Stadt fotografisch mitnehmen, ist ihm zu verdanken: das Palais Dauerbach in der Innenstadt, das Brück-Haus am Domplatz oder der alte Schlachthof, um nur einige zu nennen. Die „Nacht der Museen“ hat angefangen.

Insgesamt 14 Museen und Galerien haben sich in diesem Jahr daran beteiligt. Die Veranstaltung wurde heuer mit Unterstützung des Vereins „Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021“ organisiert.

Nachts im Museum – davon träumt das Temeswarer Publikum, seitdem sich einige unserer Mitbewohner an dieser Chance im Ausland erfreut haben, spätestens aber seit der gleichnamigen Blockbuster-Komödie, die mit Ben Stiller in der Hauptrolle Jung und Alt gleichermaßen erfreut hat. Überhaupt: der Film, von dem es auch eine Folge gibt, ist die beste Werbung für diese Aktion.

In der Nacht, in der der Eintritt frei ist, werden die Museen erst recht überrumpelt. Auch die Temeswarer Innenstadt war am Samstagabend belebter denn je. Wochenende, graziler letzter Sonnenschein und milde 18 Grad haben dazu beigetragen. In der Innenstadt sind auch die meisten Kunst-Anbieter angesiedelt. Das Barockpalais, das das Kunstmuseum beherbergt, das Banater Museum, das Haus der Künste, die Mansarde der Kunstfakultät, die Calpe-Galerie, das Ikonenmuseum in der Kathedrale, die Revolutionsgedenkstätte...

Ein Harlekin lässt grüßen

19.30 Uhr. Vor dem Kunstmuseum ist viel los. Vor allem Familien mit Kindern sind unterwegs, Kinder im süßen Baby- oder Kindergartenalter, um Impressionen von der höchsten Kunst zu gewinnen, Kinder im Schulalter, um die Erklärungen der Helicopter-Eltern eingepaukt zu bekommen – so wird die jetzige Elterngeneration in den USA oder Deutschland „liebkost“, geht es ihnen (uns - mea culpa) scheinbar mehr um Hegen und Pflegen und die höhere Erziehung der Kinder als anderen Elterngenerationen – das Phänomen ist längst auch in Rumänien bemerkbar.

Aber auch andere Kategorien von Menschen haben sich eingefunden: hier zwei Freundinnen, dort eine Touristengruppe – ich höre Englisch - da eine Gruppe Jugendlicher, dort ein Ehepaar im Rentenalter.

Das Kunstmuseum ist ja der Magnet schlechthin in dieser Nacht: noch thronen auf seinen Ausstellungswänden Lithografien mit Harlekins, Trapezkünstlerinnen und Jockeys, mit schillernden Unterschriften wie Toulouse-Lautrec, Chagall oder Picasso. Die Ausstellung „L’air du cirque“, über deren Vernissage in dieser Rubrik schon berichtet wurde, ist noch geöffnet und die Temeswarer freuen sich, sie (wieder) zu besuchen.

Camille Hilaires Reiterin zeigt einen Schmollmund, das aufgedonnertes Make-up und die straffe Muskulatur, der Harlekin neben ihr hat eher ein tristes Lächeln aufgesetzt.

Spotlight in der Arena von Hilaires „Zirkus“, Spotlight im Kunstmuseum. Hinter mir höre ich wieder Englisch.

Pablo Picasso ist perfekt in Schwarz und Weiß und auch wenn eines seiner Werke sehr ungewöhnlich neben einer Tür, in einer Ecke hängt, ist es eigentlich alles andere als unscheinbar und auf keinen Fall übersehbar. Schon aus ein paar Metern Entfernung erkennt man den Meister!

20 Uhr. Daniel Vighi geht vorbei. Der Temeswarer Schriftsteller. Wechselt ein paar Worte mit dem Aufseher. Lächelt. Der Harlekin beugt sich aus der Lithografie, grüßt. Menschen, viele Menschen. Eine Nonne interessiert sich für Kunst.

Das Museum ist noch eine halbe Stunde nach Mitternacht geöffnet. Aus dem Barocksaal erklingt Musik. Menschen sind jetzt überall, in allen Abteilungen des Museums, auch in der Abteilung für Kunst der Gegenwart. Ein Kind zeigt sich für ein großes Gemälde von Romul Nuţiu aus den 1970er Jahren interessiert: „Dynamisches Universum“.

Bis nach Mitternacht wird noch alles an Kunst in dieser Stadt gekostet, genossen oder verschlungen.

 

 

 

 

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