Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Zugang zur Kultur für Behinderte

Mittwoch, 12. November 2014

Ein Artefakt verhilft einem sehbehinderten Menschen sich an Corneliu Babas Gemälde „Die Kampfhähne“ zu erfreuen. Foto: Zoltán Pázmány

Das „Tate Museum of Modern Art“ in London ist vor kurzem wieder ins Rampenlicht gerückt, als sein Direktor, Nicholas Serota, zum weltweit mächtigsten Mann in der Szene der modernen Kunst gekürt wurde. Wenn man die Webseite des Museums aufruft, erkennt man sofort, wie viele Menschen angesprochen werden. Das „Tate Museum für moderne Kunst“ hat Links auf Französisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch und bietet Programme für mehrere Kategorien: Kinder und Familien, Schulgruppen und anderen Gruppen, behinderte Personen speziell gibt es sogenannte Touch-Tours für Sehbehinderte.

Klingt es modern? Vor anderthalb Jahren ist das auch (natürlich im kleineren Maße, aber immerhin ein Anfang) im Temeswarer Kunstmuseum wahr geworden: sehbehinderten Menschen ist der Zugang zur Kunst ermöglicht worden, als ein taktiles Blindenleitsystem installiert wurde. Auch zwölf Gemälde aus der Corneliu-Baba-Sammlung, die in Temeswar ausgestellt sind, können von sehbehinderten Menschen, mittels Artefakten näher gebracht werden. Das Projekt ist allerdings noch nicht fertig.

Es fehlt vielerorts am Nötigsten

Die Einbindung in den Normalablauf des Stadtgeschehens und der Zugang zu kulturellen Veranstaltungen ist für Behinderte besonders wichtig. Tatsache ist, dass die meisten Kulturinstitutionen längst nicht alle für die Aufnahme der behinderten Menschen fit sind. Es fehlt am Nötigsten, so zum Beispiel an Plattformliften etwa in den größten Kulturinstitutionen der Stadt: Nationaltheater und Oper. Das Deutsche und das Ungarische Staatstheater sind dabei, in einem solchen Plattformlift zu investieren.

Einen guten Push erhalten somit die Kulturinstitutionen in Temeswar durch die Kandidatur der Stadt für den Titel einer Kulturhauptstadt Europas. Denn der gesetzliche Rahmen sieht vor, dass je mehr Menschen der Zugang zur Kultur ermöglicht wird, behinderte Personen werden dabei ausdrücklich genannt.

Um die Öffnung und Modernisierung der Institutionen in diese Beziehung zu erringen, hat der Verein „Temeswar – Kulturhauptstadt Europa 2021“ die Vertreter der Kulturinstitutionen vor wenigen Tagen zu einer Diskussion mit Mitgliedern des Vereins „Ceva de spus“ eingeladen. Dabei sind Menschen mit verschiedenen Behinderungen zu Wort gekommen und haben punktuell ihr Anliegen an die Vertreter der Kulturinstitutionen gebracht.

Ausgeschlossen versus eingebunden

Die Anliegen sind je nach körperlicher oder geistiger Behinderung auch unterschiedlich: manche Menschen brauchen Orientierung in den ihnen neu eröffneten Räumen, andere brauchen konkrete und leicht verständliche Informationen über den Verlauf einer Vorstellung. Elisbeta Moldovan, die eine geistige Behinderung hat, erklärte das in einfachen Worten: „Mir fällt es schwer, die Botschaft zu verstehen, ich brauche genaue, leicht verständliche Informationen, über Piktogramme. Man muss mir auch erklären, wie ich mich in der Gesellschaft zu verhalten habe, wie ich mich anziehen soll“.

Was die gehbehinderten Menschen betrifft, so erklärte Raluca Popescu, welches die Problemzonen sind: Treppen, enge Räume oder hoch angelegte Kassenschalter.

Vielleicht klingt es sehr einfach, aber diese Sachen müssen den Menschen, die keine Behinderung kennen, erst bewusst gemacht werden.

Alle Redner seitens des Vereins „Ceva de spus“ hatten sich auf eines ausgerichtet: Sie wollen nicht bevormundet, sondern verstanden und so gut wie möglich integriert werden, kein Mitleid sondern Respekt erwarten sie seitens der Mitbürger. Eine große Hilfe wäre es diesbezüglich, wenn die Mitarbeiter der Kulturinstitutionen auch trainiert wären, den behinderten Menschen zu helfen. Und am allerschönsten, wenn sich das breite Publikum der Kulturstätten für die Integration der behinderten Menschen offen hält.

Wenn als Vorbereitung auf die Kandidatur die Kulturinstitutionen auch nur diesen Aspekt verbessern, so ist Temeswar allein schon dadurch eine bessere, schönere Stadt geworden.

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