Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

„Einen so wunderbaren Lindenduft wie in Temeswar gibt es auf der ganzen Welt nicht!“

Mittwoch, 03. Juni 2015

Autogrammstunde mit Ioan Holender, der auf 19 Jahre Intendanz der Staatsoper Wien und 12 Jahre künstlerische Leitung des Festivals „George Enescu“ schaut.

Das unverkennbare Holender-Lächeln hat er: Liviu Holender interpretierte an dem Abend Arien aus Mozarts Opern „Die Hochzeit des Figaro“ und „Don Giovanni“. Das Foto zeigt den 23 Jahre jungen Bariton mit dem Dirigenten Radu Popa und der Philharmonie „Banatul“.

Vater und Sohn im Foyer des Capitol-Saals: Die Geschichte geht weiter.
Fotos: Zoltán Pázmány

In einem Nebenraum des Capitol-Saals sitzt Coriolan Gârboni, der Direktor der Temeswarer Philharmoniker, über dem Programmheft gebeugt. Es ist Montag, der 25. Mai, 18 Uhr. Um 19 Uhr geht es los mit einem Konzert im Rahmen des Festivals „Musikalisches Temeswar“, das nun zum 40. Mal stattfindet. Gârboni notiert und spricht: „Hier kommt der Bürgermeister auf die Bühne. Dann noch die Ouvertüre, dann der Bariton. Dann sage ich an: Jetzt kommt H. auf die Bühne“. Ihm gegenüber sitzt H., genießt seinen Kaffee, nickt, fragt, gibt Angaben. Der graue Anzug sitzt perfekt. Weiße Haare, blaue Augen, braun gebrannte Haut und das unverkennbare Lächeln – eindeutig H!

Er erhebt sich sportlich, kommt rasch noch vor die Kamera, „suntem în direct“ heißt es. Dann muss ich ihn ergattern, es sind noch 25 Minuten bis zum Beginn des Konzerts. Draußen, vor dem Capitol-Saal, verteilt H. Einladungen an seine Freunde aus der Kindheit und Jugend, an Hochschulkollegen, an Tennisschüler. Das gute, alte Temeswar ist hier versammelt. Sie alle wollen Ioan Holender an einem besonderen Abend begrüßen, einem „Familienabend“ im Rahmen des Festivals „Musikalisches Temeswar“. Ioan Holender stellte den Temeswarern seinen Sohn vor, den jungen Bariton Liviu Holender, der das Jura-Studium mit dem Konservatorium verbunden hat. Vor seinem Debüt in der „Fledermaus“ in Österreich stand Liviu Holender auf der Bühne der Temeswarer Philharmonie „Banatul“. Für Vater Ioan Holender, der demnächst seinen 80. Geburtstag feiern wird („Kein Grund zum Prahlen, aber ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich es geschafft habe!“ – sagt er), war es ein Abend im Kreise der Familie und Freunde, viele seiner Gäste haben den Capitol-Saal mit einem Buch „Ioan Holender de la Viena la Timişoara“ („Ioan Holender von Wien nach Temeswar“) von Cornel Ungureanu und Vasile Bogdan, mit einem Lächeln oder auch mit von Nostalgie gefüllten Augen verlassen.

 

Ihre Lebensgeschichte hat in Temeswar angefangen. Welches ist Ihre schönste Erinnerung an Temeswar und welches ist die traurigste?

Wissen Sie, umso weiter man im Leben kommt, umso schöner wird alles, was weiter in der Vergangenheit liegt. Es ist eine allgemeine menschliche Gewohnheit, dass sich alles, was in der Vergangenheit liegt, verklärt. Es verklären sich auch die dramatischen Dinge. In meinem Leben wäre dies die Exmatrikulation aus der Hochschule. Ich war jetzt bei der Tafel dort, bei der Kantine. Die Kantine ist jetzt eine Bar geworden. Am 30. Oktober 1956 (es handelt sich um den Protest der Temeswarer Studenten gegen den Kommunismus – Anlass bot die Revolution in Ungarn – N. Red.) hat sich dort mein Leben sehr, sehr verändert und ich hatte das Glück nicht das geworden zu sein, was ich wollte - ich wollte Maschinenbauingenieur werden - sondern vieles andere. Aber ich war ja hier wirklich hoffnungslos, weil ich damals auch den Posten als Tennistrainer verloren hatte. Ich hatte keine andere Möglichkeit. Ich bin sehr ungerne weggegangen, aber ich bin weggegangen, um zu überleben. Nicht, um Karriere zu machen, sondern um zu überleben. Und das ist keine schöne Erinnerung. Schöne Erinnerungen? Ja, dazu gehören auch die Hochschulzeit, die Oper, das ist eine wunderbare Erinnerung. Die Vorstellungen dort und auch die Erinnerungen an dieses „Cinema Capitol“ - damals hieß es „Maxim Gorki“ (er schmunzelt – N. Red.), die Konzerte, Sonntagvormittag um elf. Hier, in diesem Raum habe ich zum ersten Mal die Musik von Beethoven und Schubert gehört. Die ganze Klassik habe ich hier kennengelernt, mit 10, 12 bis zu 24 Jahren. Und es war sehr schön und wenn ich dann herumfahre in dieser Stadt mit dem Rad - alle fahren mit dem Auto, was ein Wahnsinn ist in dieser Stadt, aber ich genieße das Radfahren - dieser Duft der Linden! Also so viele Linden und so ein wunderbares Lindenparfüm wie in Temeswar gibt es auf der ganzen Welt nicht!

 

Das Wichtigste: sich selbst treu bleiben

 

Sie haben es bis ganz oben in der Musikwelt geschaffen. Wie bringt man das zustande?

Das ist Instinkt, Lernen, Wissen, Sich-Bewerben, Glück und ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich selbst treu bleibt und dass man einen Weg geht in der Kunst, von dem man überzeugt ist. Und dass man nicht das macht, was man von einem erwartet, sondern das, wovon man überzeugt ist.

 

Rumänien ist ein Land, das jahrzehntelang seine besten Leute verdrängt hat. Die besten Leute wurden entweder ins Gefängnis geschickt oder sie sind geflüchtet. Auch heute „flüchten“ noch viele junge Menschen, um eine Chance im Berufsleben im Ausland zu haben. Sehen Sie das auch so?

Nein. Sie flüchten nicht, sondern sie gehen in ein anderes Land und das ist eine Fluktuation, die nicht nur Rumänien betrifft, sondern ganz Europa. Das ist die Freiheit, die Rumänien seit 1990 hat. Es gibt die Möglichkeit, dass man sich die Arbeitsstätte aussucht in Europa. Das sehe ich positiv. Traurig und schlecht ist, dass so viele hier nicht die Möglichkeiten habe, aber es kommen auch viele zurück, und natürlich ist es traurig, wenn sie die Kinder da lassen und in Spanien Blumen pflücken, statt hier eine Arbeit zu suchen. Aber bitte schön, Rumänien ist Mitglied in der Europäischen Union. Es wird aber besser. Sehen Sie, es ist Krise, aber überall gibt es so viele Restaurants und alles ist voll und alles ist voll (unterstreicht dies - N. Red.). Es gibt eine Bewegung, einen Optimismus, das spüre ich.

 

Welcher Weg war schwieriger, von Temeswar nach Wien oder von Wien nach Temeswar?

Von Wien nach Temeswar ist es überhaupt nicht schwierig. Von Temeswar nach Wien, das war damals ausgeschlossen. Es war ja auch eine absolute Ausnahme, dass mir damals durch eine kurze Zeit der Entspannung und der Familienzusammenführung, dadurch, dass meine Mutter in Wien war, die Flucht mit zwei Koffern gelungen ist.

 

Keine Niederlage, wenn man den Titel nicht bekommt

 

Temeswar bewirbt sich, wie Sie wissen, für den Titel einer Kulturhauptstadt Europas. Sie sind der ehrenamtliche Präsident des Vereins „Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021“. Wie stehen Sie heute zu diesem Projekt?

Temeswar ist eine europäische Kulturstadt, das war sie und das ist sie noch immer, trotz allem. Wird man europäische Kulturhauptstadt, ist es gut. Obwohl man aufpassen muss. Es sind auch Graz und Linz in Österreich europäische Kulturhauptstädte geworden und die Folgen waren nicht nur positiv. Es kostet viel Geld, man investiert sehr viel, man muss sehr aufpassen, dass man das nachher nützt. Es ist schön, wenn man den Titel bekommt, aber es ist überhaupt keine Tragödie und überhaupt keine Niederlage, wenn man diesen Titel nicht bekommt. Es ist nicht so, dass Temeswar heiliggesprochen wird, wenn sie europäische Kulturhauptstadt wird. Für mich ist es irgendwo eine heilige Stadt, für mein Leben, ob sie nun europäische Kulturhauptstadt wird oder nicht.

 

Aber welche Vorteile hätte Temeswar?

Ich glaube, dass man gewisse Gelder bekommen und investieren kann, um die Stadt zum Guten zu verändern. Diese Veränderungen sollen zum Guten, zum Modernisieren, zur Verwestlichung führen, obwohl Verwestlichung nicht nur Gutes bedeutet. Das Hauptunglück in diesen südosteuropäischen Ländern ist, dass sie mit einer unglaublichen Geschwindigkeit alles Schlechte vom Westen und das Gute weniger nehmen. Und dass der Westen immer mehr Schlechtes hat, ist auch eine allgemeine Entwicklung der Welt. Also, das Paradies ist dort auch nicht.

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