Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Klasse Vorstellungen in gelassener Atmosphäre beim Temeswarer Opern- und Operettenfestival

Mittwoch, 19. August 2015

Mitveranstalter des Festivals sind die Stadtverwaltung Temeswar und das Kulturhaus der Stadt.

In Wien gibt es vom kulturellen Standpunkt her kein Sommerloch. In Klein-Wien gab es bis vor nicht allzu langer Zeit eine Periode, in der sich die Kulturliebhaber entweder Zuflucht in die Radio- oder Fernsehprogramme suchten oder aber anderen Tätigkeiten widmen mussten. Die großen Kulturinstitutionen schlossen ihre Bühnen, Sommerpause war angesagt. Nur die Clubkultur und das Freilichtkino retteten noch die Atmosphäre in einer Stadt, die sich der Sonne beugte.

So war die Idee des Operndirektors Corneliu Murgu, den Temeswarern ein Opern- und Operettenfestival auf der Freilichtbühne im Temeswarer Rosenpark zu schenken, revolutionär. Schenken ist durchaus im wortwörtlichen Sinne zu verstehen, denn der Eintritt ist seit elf Jahren, seitdem das Festival besteht, frei. Und davon machen alle Kategorien von Personen Gebrauch, nicht selten sind das Senioren, die sich sonst nicht allzu oft die gewünschte Eintrittskarte bezahlen können oder Eltern mit Kleinkindern, sogar Babies, denen man die Crème-de-la-Crème-Musik schon in die Wiege (oder in diesem Fall: in den Kinderwagen) legen will.

Die warmen Augustabende in Temeswar, für die man höchstens einen leichten Baumwollcardigan parat hält, lassen das auch zu. Vor acht Jahren ist das Festival gewachsen, man weitete das Programm auf zwei Wochenenden aus und die Oper wandte sich bewusst dem Nachwuchs zu: Vorstellungen für Kinder sind ebenfalls seit 2007 fest im Programm eingebettet.

Auch in diesem Jahr wird das Sieben-Vorstellungen-reiche-Programm des Festivals die Rosinen aus dem Repertoirekuchen der Temeswarer Nationaloper beinhalten. Zur Einleitung gastiert jedoch der Königliche Gesangverein „Venlona“ aus Venlo (Niederlande). Der 190 Mitglieder starke Chor wird mit Gesangssolisten und dem Orchester der Temeswarer Oper in einem außerordentlichen Konzert am Freitag, dem 21. August, um 20:30 Uhr auftreten. „Venlona“ schaut auf eine 115-jährige Geschichte zurück und hat seine Wurzeln in dem Männergesangverein, der 1900 von dem damaligen Orgelspieler der Venloer Sankt-Martinus-Kirche und einer Anzahl Gleichgesinnter initiiert wurde. Nationale und internationale Anerkennungen ließen nicht lange auf sich warten, schon drei Jahre später hatte sich der Gesangverein den ersten Platz bei einem internationalen Wettbewerb erworben, 1931 kam das Prädikat „Königlich“ hinzu. Im Zweiten Weltkrieg ging Venlona in den Untergrund und sang sofort nach der Befreiung sein erstes Konzert auf den Trümmern der Stadt. Auf „Venlona“ haben verschiedene Dirigenten gewirkt, erwähnenswert ist die Periode nach 1969, die von dem Dirigenten Ger Withag geprägt wurde. „Venlona“ nennt sich einen „reiselustigen Chor“ und die Reise nach Rumänien wird die Mitglieder des Chors auch in die Umgebung bringen, so nach Maria Radna. Der Chor hat auch am Samstag, um 20:15 Uhr, ein Konzert im Dom geplant.

Ebenfalls am Samstag geht es auch im Rosenpark weiter, um 20:30 Uhr ist die Oper „Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart eingeplant. Am Sonntag, dem 23. August, können die Temeswarer ab 20:30 Uhr der Musical-Vorstellung „Der Fiedler auf dem Dach“ von Jerry Bock beiwohnen.

Am zweiten Wochenende geht es mit Emmerich Kálmáns Operette „Gräfin Maritza“ weiter, die für Freitag, den 28. August um 20:30 Uhr programmiert ist. Am Samstag ist um dieselbe Uhrzeit Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ vorgesehen. Die Kinder werden sich am Sonntag, dem 30. August, um 11 Uhr an Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ erfreuen können. Am Abend schließt das Festival mit Joseph Strauss’ Operette „Der Zigeunerbaron“.

Im Rosenpark geht es weniger schick und formell zu als in der Oper, dafür ist die Atmosphäre familiärer, die Besucher sind gelassener, man freut sich, sich wiederzusehen, man prüft nicht aus den Augenwinkeln andere schicke Outfits und die Extraportion-Schminke, sondern trägt die Gelassenheit der Sommermode mit ins Freilichttheater. Die Accessoires-Hits sind diesmal Schnuller bei Babies, Fächer und hie und da ein Hütchen bei den älteren Damen. Schön, das Publikum auch von einer anderen Seite kennenzulernen.

Auch wenn in größeren Städte die Sommerkulturprogramme anders gehandhabt werden – da zahlt man weiterhin ein Ticket und in der Pause genießt man Champagner – das Vertrauliche an der Atmosphäre beim Temeswarer Opern- und Operettenfestival gibt dem Genuss neue Valenzen.

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