Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Die Hauptstadt als Kulturhauptstadt Europas

Mittwoch, 02. September 2015

Eine der stereotypen Aussagen der Temeswarer, wenn es um Bukarest geht, lautet: „Dort werden die Fäden gezogen und das Geld bleibt dort!“ – nicht zu Unrecht, wenn man das sagen darf.

Geht es um den Titel einer Kulturhauptstadt Europas, darf es zwar Bukarest nicht schwer fallen, seine Trumpfkarten vorzulegen, denn die Größe und das Format der Museen, die Anzahl der Theater, der internationale Bekanntheitsgrad mancher Festivals (Schlagwort George-Enescu-Festival) und die Namen der Kulturschaffenden, die Unendlichkeit an Ausstellungsräumen und Clubs mit Kulturangeboten, die Kulturstiftungen, -zentren, -organisationen... Alles ist hier schon numerisch „Mega“. Und inhaltlich oft auch, muss man zugeben. Denn die Anziehungskraft einer Großstadt ist unumstritten.

Wird jedoch die Wahl Bukarest treffen? Schauen wir uns ein bisschen die Geschichte der Kulturhauptstädte Europas an, so haben es im Laufe der Jahre viele Hauptstädte zu diesem Titel geschafft, angefangen mit Athen. Melina Mercouri (für ihre Generation ein schillernder Sängerin-Name) ist 1985 in einem Gespräch mit ihrem damaligen französischen Counterpart Jack Lang die Idee der Kulturhauptstädte Europas zu verdanken. Und Athen als Wiege der Zivilisation im europäischen Mittelmeer stand der Titel, der erstmals verleihen wurde, gut.

Mittlerweile hat sich die Optik auch ein wenig verändert und so kleine und auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Städte wie heuer das belgische Mons haben den Titel anderen starken Gegenkandidaten entrissen. Ein gutes Zeichen, denn Hauptstädte haben überall etwas vorzuzeigen, das man ihnen nicht strittig machen kann. Das Augenmerk sollte aber auch auf solche Kandidaten gerichtet werden, die ein noch nicht oder viel zu wenig offengelegtes Potenzial haben und neue Perspektiven eröffnen.

In Bukarest befasst sich das Zentrum für Kulturprojekte der Stadt ARCUB mit der Vorbereitung der Kandidaturakte. Wie Anca Ioniţă, Mitglied im Koordinierungsteam des Projektes „Bukarest – Kulturhauptstadt Europas 2021“ gegenüber der ADZ/BZ erklärte, „stellt die Kandidatur für Bukarest die Möglichkeit dar, die Kultur auf die Liste der Ziele der Entwicklungsstrategie der Stadt bis 2035 zu setzen, sowie Themen wie die Stadtplanung zu debattieren, das Ungleichgewicht zwischen Zentrum und Peripherie auszugleichen, das Patrimonium zu schützen und neue Möglichkeiten für das Einbinden der Gemeinschaften in das Kulturleben der Stadt zu finden. Im Februar 2014 hat der Stadtrat Bukarest die Kandidatur gebilligt. Sie ging von der Idee aus, dass dieser Wettbewerb eigentlich ein Wettbewerb der Stadt mit sich selbst darstellt, der Startpunkt eines Reformprozesses, wodurch die Probleme und Hindernisse, die der Entwicklung der Stadt im Wege stehen, sich in Motoren der Neuerung verwandeln werden“.

Welchen Gewinn erhofft man für die Bewohner? „Wenn Bukarest zur Kulturhauptstadt Europas 2021 ernannt wird, ist ein wichtiger Gewinn für die Bürger die Möglichkeit, eine Reihe von Prozessen in die Wege zu leiten, die die Stadt durch ein immenses Energiepotenzial ändern sollte, das bislang noch nicht voll ausgeschöpft wurde, nämlich die Kultur“, so Anca Ioniţă.

Schaut man sich die bisherigen Leistungen im Internet an – Website und Facebook – so tritt Bukarest als ein aktiver Kandidat, der sich modern und aktuell vorstellt – trotz Sommer und Ferien ist in der Großstadt nichts von einer Pause zu spüren. Es fällt wahrscheinlich auch nicht schwer, die Programmliste selbst im August aufzustellen.

Andererseits fragt man sich in der „Provinz“ (nicht nur die Temeswarer sind von diesem Ausspruch pikiert, den die Bukarester manchmal überheblich, manchmal unbedacht benutzen), ob nun nicht doch eine andere Stadt sich (auch) dank des Titels einer Kulturhauptstadt Europas entwickeln sollte, nicht „immer wieder“ die Hauptstadt.

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