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Tragisch, wild, menschlich – Ingmar Bergmas „Szenen einer Ehe“ am Nationaltheater

Mittwoch, 23. März 2016

Claudia Ieremia und Ion Rizea als tragisches Ehepaar.
Foto: Adrian Pîclişan / TNTm

„Glaubst du wirklich, dass zwei Menschen ein Leben lang zusammen bleiben können?“ Die Frage schwebt schon am Anfang im Raum und genau dies versuchen Regisseur und Schauspieler zu sondieren.

Radu Jude hat fast gar nichts von seiner Erfahrung in der Filmbranche in die neueste Premiere am Nationaltheater Temeswar einflößen lassen. Trotzdem überzeugt die neueste Inszenierung, Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, die vor Kurzem aufgeführt wurde. Vieles ist dabei den Schauspielern zu verdanken, Alina Ilea, Claudia Ieremia und Ion Rizea, denen alle Facetten ihrer Kunst abverlangt werden.

Eigentlich geht es um das Spiel und Gegenspiel der zwei Eheleute Marianne und Johan in einer verzwickt-verzwackten Ehe, die nicht mehr gerettet werden kann, wenn kein Verständnis mehr aufkommt und keine Verständigung mehr stattfindet. Für den Frauenpart hat der Regisseur zwei Schauspielerinnen vorgeschlagen, deren Temperament verschieden ist: Alina Ilea interpretiert am Anfang die etwas naive Ehefrau, die von der Erklärung des Ehemanns, eine Liebhaberin zu haben, überrascht wird; Claudia Ieremia steigt in die Rolle derselben Ehefrau, die nun einen Wandel zu einer selbstbewussten Frau gemacht hat, die vom Schicksal auf die Probe gestellt wurde und nun auf eigenen Beinen zu stehen gelernt hat. Zum Schluss erscheint wieder Alina Ilea auf der Bühne, diesmal als geläuterte, erfahrenere Frau, die so manches vom Leben einsteckt und keine großen Erwartungen mehr hat.

Die Inszenierung ist für den Zuschauer ein fast dreistündiger Marathon, in dem es von geringen Zwistigkeiten der Eheleute über die unter den Teppich gekehrten oder heruntergespielten Angelegenheiten, etwa die dritte Schwangerschaft, die mit einer vom Ehemann erwünschten Abtreibung in ein Meer von Tränen endet, bis hin zu den Gewaltszenen, in denen sich die Ehepartner ankeifen, schlagen und bespucken. Marianne und Johan stehen sich zwar anfangs sehr respektvoll, fast fremd gegenüber, werden dann immer unverfrorener im Wortlaut und in den expliziten Sexszenen, die das Geschehen überwuchern und zum Teil komisch erscheinen lassen. Denn Marianne und Johan versuchen sich über Sex in der Ehe zu helfen und aus der Ehe zu retten, rennen sich auseinander und doch immer wieder aufeinander zu.

So ist es auch zu verstehen, dass das Bühnenbild, für das Iuliana Vîlsan zeichnet und das über die zweieinhalb Stunden nur leichte Änderungen erfährt – die Darsteller schieben selbst ein Krankenbett oder einen Bürotisch herbei – von einem riesigen Ehebett geprägt ist, das in der Mitte thront. Alles andere ist Nebensache. Die Spielsachen der Kinder liegen am Anfang noch überall auf dem Boden und dem Bett verstreut, ein Zeichen, dass die Töchter dem Ehepaar noch wichtig sind, dann werden sie ganz aus dem Bild verbannt. Der Schrank hat verschiebbare Glastüren, die Küchennische ist auch modern, das Interieur deutet darauf hin, dass es dem Ehepaar gut geht oder gut gehen sollte, wenn da nicht die Routine oder das Aneinander Vorbeireden und die Lebensbahnen wären, die schließlich als parallel verlaufend entpuppt werden.

Etwas plump sind Alina Ilea und Ion Rizea in die Rollen geschlüpft, fassen sich aber im Laufe des Theatermarathons wieder, um zwei ihrer Glanzleistungen abzugeben, Claudia Ieremia exzelliert von Anfang bis Ende ihres Auftritts; die Rolle der selbstbewussten Frau, die sich mit dem Single-Dasein arrangiert hat, steht ihr. Selbstbewusster ist sie geworden, auch klüger, trotzdem zieht es sie zu ihrem Mann zurück, der sie mit seinem Seitensprung, der zur Beziehung wurde, verletzt hat. So zieht sie ein rotes Kleid an, nicht nur um ihr Selbstbewusstsein öffentlich zu bekennen, sondern auch um zu provozieren. In ihrem Inneren glaubt sie an ein Wiederfinden. Ebenso Johan, auch wenn er lauthals andere Töne von sich gibt, so auch über die eigenen Kinder lästert, die sich mit der neuen Partnerin des Vaters nicht abfinden wollen. Auch wenn er oft und öfter „Auf Wiedersehen, Marianne!“ scheinbar selbstsicher von sich gibt.

„Hast du Angst vor der Zukunft?“ Die Frage, die Marianne noch am Anfang des Stückes in den Raum stellt, die Johan mit einer Handbewegung abwimmelt, ist im Hinblick auf das Geschehen rechtfertigt, denn noch hatte eingangs fast nichts auf die Trennung und den Eklat hingedeutet, der vor dem Unterschreiben der Scheidungspapiere entsteht.

Am Ende legen sich die im Prozess der Trennung, Scheidung und neuen Eheschließung (Marianne) frühzeitig gealterten und weiser gewordenen, ehemaligen Partner gemeinsam ins Bett, um diesmal ausnahmsweise keinen Sex zu haben, sondern sich in den Armen zu liegen, nebeneinander zu liegen, beieinander zu sein, zwei Wracks, die sich selbst ins Unglück gestürzt haben.

 

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