Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Interview mit dem DSTT-Schauspieler Konstantin Keidel

Mittwoch, 20. April 2016

Nominiert für diese Rolle: Konstantin Keidel als Greis in „Elektra“
Foto: Petru Cojocaru

 „Wenn die Anerkennung so plötzlich kommt, fühlt man sich gut“


Zwei Schauspieler vom Deutschen Staatstheater Temeswar wurden in diesem Jahr für einen UNITER-Preis nominiert: Ida Jarcsek-Gaza wurde zur „Besten Schauspielerin in einer Nebenrolle” für ihre Darstellung der Klytaimnestra in „Elektra“ nach Euripides und Aischylos nominiert, Konstantin Keidel (der Greis, in derselben Inszenierung) zum „Besten Schauspieler in einer Nebenrolle”. Bevor die Jury am 9. Mai in Großwardein/Oradea die Gewinner im Rahmen einer Gala bekannt geben wird, können die Theaterbesucher online ihre Stimmen abgeben: http://www.uniter.ro/votul-publicului-gala-uniter-2016/. Über seine Karriere und Hoffnungen sprach die BZ-Redakteurin Ștefana Ciortea-Neamțiu mit Konstantin Keidel.

 

Du hast dich spät für die Schauspielkunst entschieden. Wie kam das?

In der Schule habe ich zwar in einem Musical gespielt, aber da war noch nicht die Idee da, dass ich das einmal als Beruf ergreifen werde. Nach dem Abitur habe ich zwei Jahre als Flugbegleiter für Lufthansa gearbeitet, es war eine Gelegenheit, die Welt kennenzulernen, mir war aber klar, dass ich noch einmal auf die Universität gehen und einen anderen Beruf haben werde. Für die Schauspielkunst habe ich mich dann entschieden, weil es der interessanteste Studiengang war.

Welch Rolle hat dir bisher am meisten Spaß gemacht?

Von Spaß würde ich gar nicht sprechen, weil ich gerade die interessantesten, schweren Rollen als unheimlich schwere Arbeit und Überwindung ansehe. Da ist schon die Rolle des Greises in „Elektra“ die interessanteste gewesen. Ich war in der ersten Probe wahnsinnig überfordert. Bevor ich den ersten Satz gesagt habe, musste ich ungefähr hundert Mal Luft holen und der Regisseur László Bocsárdi hat mich unterbrochen: „Nein, du hast nicht die richtige Haltung!“

Wie lautete der erste Satz?

„Warum ist’s, dass immerfort als Wächter umschwebt mein Herz, das Zeichen zu deuten versteht, die Angst?“ Ein verschachtelter Satz! Ich war natürlich verzweifelt, dass der Regisseur anscheinend etwas erwartet, was ich nicht ad hoc erfüllen kann, aber ich habe mir gleichzeitig gedacht: Wenn jemand sagt, du hast es nicht erfasst, dann hast du viel Arbeit und man muss schauen, was herauskommt.

Wie hast du dann die Rolle aufgebaut?

Die größte Anleitung hat der Regisseur gegeben. Was ich ihm sehr hoch anrechne, ist die Geduld, die er aufgebracht hat. Er hat sich sehr viel Zeit genommen, um eine komplexe Rolle zu erarbeiten, hat sich nur mit einem Schauspieler der Besetzung in einen Raum stundenlang hingesetzt und die Grundsituation ausführlich und liebevoll ausgearbeitet. Wir haben alles ausprobiert. Es gab einmal die Idee, dass ich das Ganze mit Maske spiele, dann haben wir das verworfen, dann war ich auch im Laufe des Prozesses in den verschiedenen Farben angemalt; jetzt bin ich von Kopf bis Fuß grau. Er hat mich für meinen Lebensweg als Schauspieler ein ganzes Stück weitergebracht.

Was bedeutet dir die Nominierung?

Das war unheimlich überraschend! Es war ein sehr freudiger Moment: Wir probten gerade für den „Nackten Wahnsinn“, da kam ein Kollege rein und sagte, du bist nominiert. Da wusste ich erst einmal zwei Tage überhaupt nicht, was es bedeutet. Es ist natürlich mein bisher größter Erfolg und ich freue mich sehr auf die Verleihung, auch wenn der Preis an jemand anderen geht. Als Schauspieler ist man ein Wahnsinniger, der sich in die Arbeit hineinstürzt und jeder Schauspieler will Anerkennung. Wenn sie auf einmal so plötzlich und in solcher Größe kommt, dann fühlt man sich gut.

In welcher Rolle würdest du in Zukunft gerne auftreten?

Das ist die Rolle des Grigori aus Tschechows „Möwe“. Tschechow schrieb unheimlich schwere, schöne Stücke, mit denen man sich als Schauspieler sechs Wochen abarbeiten kann und höchstwahrscheinlich immer noch nicht auf der Höhe des Textes ist. Ich würde auch ganz gern einen Schriftsteller verkörpern. Aber das Stück spielen wir wahrscheinlich erst in zehn Jahren wieder, in so kurzer Zeit kann man es an einem Haus nicht wieder inszenieren.

Temeswar kandidiert für den Titel einer Kulturhauptstadt Europas 2021. Wie siehst du die Kandidatur unserer Stadt?

Ich lebe seit fast vier Jahren hier, für mich ist Temeswar eine der wenigen Städte, wo Europa wirklich funktioniert, und zwar kulturell. Es gibt in keiner anderen europäischen Stadt ein Haus, in dem drei Profitheater sind, die alle sehr gut besucht sind, unheimlich viele Stücke machen, teilweise kollaborieren, die je ein europäisches Festival machen. Das ist einzigartig und es beeinflusst das Leben in Temeswar sehr.

 


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