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Hip-Hop-Hamlet in Schwarz-Weiß hatte Premiere am Nationaltheater

Mittwoch, 18. Mai 2016

Shakespeare-Stunde: „Hamlet“-Premiere mit geschlossener Kasse gespielt.

Nebelschwaden durchziehen das Nationaltheater, vom Eingang, bis ins Foyer, bis in den Saal. Die Atmosphäre in „Dänemark“ ist düster. Die Übeltäter sind in Käfigen ausgestellt – in schwarzen Kostümen – zeitgemäß, eine Pranger-Schau mit dem modernen Mafiosi-Königspaar Gertrude und Claudius – Claudia Ieremia und Ion Rizea. Der Geist des verstorbenen Königs wandelt rastlos zwischen den Marmorkolonnaden, Nebelschwaden, grüne Laserlichter und die Kolonnaden halten ihn fest.

Hip-Hop-Töne hämmern sich ein. LCDs, auf denen das von in Gedanken versunkene Gesicht des Königs zu sehen ist, zwei weitere Käfige mit Rosenkranz und Güldenstern in T-Shirts mit Röntgenaufnahme-Aufdruck auf den Treppen und im Saal ein verspielter, rast- und ratloser Hamlet, der sich mit den Besuchern unterhält, dann ein paar Turnübungen macht, ein bisschen Hip-Hop tanzt, dann wieder die Bühne und den Saal mit den Schritten misst, rastlos wie der Geist, aber im jugendlichen Rhythmus.

Im Shakespeare-Jahr hat das Rumänische Nationaltheater Temeswar auf „Hamlet“ gesetzt: eigentlich ein Remix von Peca [tefan, in der Regie von Ada Lupu Hausvater und mit der musikalischen Untermalung in Hip-Hop, Elektronik- und Folklore-Tönen, die von der beliebten Band „Subcarpa]i“ geliefert wird.

Ada Lupu Hausvater setzt in ihrer Hamlet-Interpretation auf das Duo Hamlet – Geist, Matei Chioariu und Marius Andrei Alexe (der Solist von Subcarpa]i tritt in der Rolle des vergifteten Königs auf). Immer wieder greift der Geist in den dreistündigen Langlauf Hamlets durch den nebligen Wirrwarr am Hofe des dänischen Königs ein, der aber eben nur im Text in Dänemark spielt, es könnte ebenso gut das gegenwärtige Rumänien sein. Der Geist greift mit Flötenspiel, Worten oder mit konkreten Gesten ein, so etwa in Hamlets Duell mit Laertes.

Dem Shakespeareschen Text fügt der Remix eine aggressive, hastige, moderne Note hinzu, dann ab und zu auch einen Witz, so etwa verlassen Hamlet und Geist die Bühne, Sohn und Vater umarmt, während sie „Let it be“ singen. So konnte auch Matei Chioarius Stimme gut eingesetzt werden – der Künstler arbeitet auch mit dem Operetten- und Musical-Theater „Ion Dacian“ zusammen.

Auch erscheint der Gegenwartshamlet in der Szene mit den Totengräbern splitterfasernackt auf der Bühne – so wie er es dem Stiefvater in einem aus England verschickten Brief versprochen hat – und hält sich Yoricks Schädel vor seiner Männlichkeit – eine ganz andere Pose als die seiner Vorgänger in dieser Rolle.

Matei Chioariu ist der Hamlet seiner Generation. Wer den verklärten Blick Laurence Oliviers, die Virilität Mel Gibsons oder das immer noch klassische Auftreten eines Kenneth Branagh erwartet hatte, lag sicherlich falsch. Die Interpretation, die Matei Chioariu bietet, hat mehr und auf verständliche Weise mit dem Jahrtausendwende-Hamlet Ethan Hawke gemeinsam.

Die Schlüsselfrage „Sein oder nicht sein?“ wird schon am Anfang gestellt und klingt ganz anders als in den klassischen Varianten, als der Schauspieler tief einatmete und der Saal den Atem hielt. Chioariu schleudert die Frage in den Saal, ohne die Lautstärke zu ändern und mit Hip-Hop-Akustik im Hintergrund. Scheinbar wie nebenbei also, aber damit dem jungen Publikum umso näher. Übrigens steht Hamlet, während er die Frage stellt, in der Mitte der Bühne, in der Nähe der Treppe, die aus dem Saal dahin führt und hält das Gesicht zum Publikum gewandt. Denn die Frage nach Leben oder Tod stellt er seiner Generation. Und damit punktet die Regie.

Das Bühnenbild besteht zum Großteil aus Gazevorhängen, auf denen schwarz-weiße Patterns, parallele Linien, Kurven, Punkte projiziert werden: Mal erinnern sie an Schnee, mal an ein EKG, dann an einen Virus unter dem Mikroskop, dann heißt es auch im Klartext, dass es sich um eine „Infektion“ handelt, die sich in Dänemark ausbreitet.

Die Kostüme sind auch in Schwarz-Weiß gehalten und immer mit einem gewissen Pepp: Gertrude hat schwarze Lack-Lace-Ups, die ihr einen gewissen Domina-Hauch verleihen, Ophelia geistert nach ihrem Ertrinken in einem brautkleidähnlichen Gewand ganz aus Plastikfolie über die Bühne, am Anfang trug sie, ganz verspielt, weiße Mickey-Mouse-Ohren, eine Art Narrenkappe hier. Rot sind lediglich der Lippenstift, ein Apfel, den die Königin– ganz eine Tochter Evas – schält, und ein herzförmiger Luftballon, mit dem Ophelia anfangs spielt. So konnten sich zum Schluss die Regisseurin Ada Lupu Hausvater und die Bühnenbildnerin Iuliana Vîlsan am Ende auch nur in Schwarz zeigen.

 

 

 

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