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Viel Plastik- und Alufolie in der jüngsten Ausstellung in der Helios-Galerie

Mittwoch, 29. Juni 2016

Neu, anders für das Publikum: Die Ausstellung „Unseen“ sollte eben Noch-Nicht-Gesehenes und Verstecktes ins Rampenlicht stellen.
Foto: Zoltán Pázmány

Donnerstagnachmittag, 18:15 Uhr. Cici Chirileanu – so nennen seine Freunde den Künstler – steht vor der Helios-Galerie und mustert, von der Hitze stark betroffen – es sind schwüle 35 Grad in Temeswar – die Ausstellung aus einigen Metern Entfernung durch die Vitrine. Renée Renard ist auch mit den letzten Details im Inneren beschäftigt.

Um 19 Uhr wird es hier losgehen, zur einzig möglichen Uhrzeit in der Juni-Hitze. Eine weitere halbe Stunde vergeht schnell. Und die Gäste treffen ein, plaudern, staunen, die Vernissage beginnt.

„Unseen“, das als unbesehen, ungesehen, unbemerkt, aber auch als unsichtbar übersetzt werden kann – so ist die jüngste Ausstellung in der alten Helios-Galerie betitelt. Den 100 Jahren seit der Entstehung des Dadaismus ist sie gewidmet. Organisatoren sind die West-Universität und die Plattform avantpost.ro. Es stellten aus: Marina Albu, Aura Bălănescu, Ciprian Chirileanu, Cosmin Haiaş, Marius Jurca, Gabriel Kelemen, Livia Mateiaş, Liliana Mercioiu Popa, Sorin Oncu, Renée Renard, Petrică Ştefan, Daniel Tellman, Bogdan Tomşa, Nicolae Velciov.

Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein bildender Künstler und dem Kreationszentrum für gegenwärtige bildende Kunst an der Fakultät für Kunst und Design der West Universität Temeswar organisiert. An der Wand hängen zwei Gemälde, sie sind in einer Plastikfolie umhüllt, die die Farben durchschimmern lässt. In der Ecke liegen Bälle, die Plastikfolie bindet sie zu einer Blume oder zu einem Mini-Atomium (gemeint ist das Gebäude in Brüssel) zusammen. Unweit davon eine Frauenbüste, ganz in Alufolie verpackt und auf dem Boden blaue Plastiksäcke, es schimmern Holzstückchen hindurch. Mitten im Raum dann eine Riesenkiste und an der Wand neben dem Eingang eine Installation: Dynamit über Dynamit, die politischen Sprengstoffsätze des 21. Jahrhunderts werden namentlich aufgezählt, allen voran der islamische Staat ISIS.

Wie Maria Orosan-Telea, die Kuratorin der Ausstellung erklärt hat, ist „Unseen“ eine Ausstellung, in der die Kunstwerke dem Blick verborgen bleiben. Sie sind nur ein Vorwand für die Präsentierung der Verpackungen, in denen sie von den Künstlern in der Regel gelagert oder transportiert werden. Diese Geste bedeutet eine Wiederholung der berühmten dadaistischen Praxis, das fertige Objekt in den Ausstellungsraum zu bringen. Die gebrauchsfertige Verpackung liefert die Basis für die gesamte Struktur der Ausstellung. Die essentielle Bedingung ist die Authentizität der Verpackungsmöglichkeiten, die genau so präsentiert werden, wie sie vor der Ausstellung existiert haben, nicht beschönigt und ohne einen künstlerischen Zweck“.

Die Ausstellung feiert die Dada-Strömung, die vor 100 Jahren Kunst und Literatur revolutioniert hat. Mehr noch, Dada war eine Geisteshaltung: Die Künstler und Schriftsteller, die sich dazu bekannten, wollten sich auf keine Definitionen festlegen, sondern erst einmal sich von allen Vorschriften und Regeln befreien. Eine Negation, die sich als besonders ertragreich erwiesen hat, denn die Dadaisten waren äußerst kreativ. Dada hat damals, mitten im Krieg, viele Anhänger gewonnen. Der Dadaismus ist eine der bedeutendsten Strömungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts geworden. Und ist aus der Kunstgeschichte nicht mehr wegzudenken. Allein schon dafür lohnt es sich, einen Besuch in der Ausstellung „Unseen“ abzustatten. Sie ist in dem Dadaismus vor 100 Jahren, aber vor allem in unserer Gegenwart stark verankert, durch Aufmachung und Botschaft.

 

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