Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Vorpremiere wie ein Appetizer vor dem Schließen der Spielsaison am DSTT

Mittwoch, 06. Juli 2016

Szene aus „Biedermann und die Brandstifter“ mit Franz Kattesch in der Titelrolle, Enikö Blénessy als dessen Frau Babette und Ioana Iacob in der Rolle des Dienstmädchens Anna.

Zu einer Vorpremiere hat das Deutsche Staatstheater Temeswar vor einigen Tagen eingeladen, um das Publikum auf das vorzubereiten, was die nächste Spielzeit bieten wird. „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch beendet damit die Saison am DSTT und wird die nächste Premiere im Herbst darstellen. Für die Regie zeichnet Gábor Tompa, ein Regisseur der weltweit inszeniert hat, mehrfach prämiert wurde und Leiter des Ungarischen Theaters in Klausenburg ist.

Über seine erste Zusammenarbeit mit dem DSTT erklärte er für die BZ: „Lucian Vărşăndan hat mich schon vor Langem eingeladen und ich habe bereits mehrere Produktionen gesehen, so etwa ‚Die Dreigroschenoper‘, ‚Bremen‘, ‚Die Fuchsiade‘ oder ‚Die Möwe‘. In den vergangenen Jahren hat sich das DSTT bemerkbar gemacht, hat auch mehrere Preise erhalten; das ist, meines Erachtens, das Ergebnis eines dynamischen, professionellen Managements. Ich habe mich nicht getäuscht, auch wenn keine großen Namen am Theater sind, so gibt es hier etwas, was für mich wichtiger ist: nämlich Teamgeist. Die Mitarbeiter sind sehr gute Freunde, wie ich das auch in den wenigen Wochen hier bemerken konnte“.

Wie die Wahl auf „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch gefallen ist, hat Gábor Tompa dargelegt: „Es war mein Vorschlag, für mich ist das eine Herausforderung. Frisch gehört nicht zu meinen liebsten Dramatikern, obwohl mich etwas anzieht: dieser schwarze Humor, die Struktur, eine Art Zynismus in seinen Texten. Man kann ihn nicht mit anderen Dramatikern des absurden Theaters vergleichen, so etwa mit Beckett oder Ionesco, ein bisschen schon mit Dürrenmatt, aber er ist trotzdem anders. Frisch ist ein intellektueller Autor, der seine Texte geometrisch aufbaut. ‚Biedermann‘ hat mich schon vor Langem angezogen, dann habe ich den Text vergessen und auf dem Hintergrund der gegenwärtigen Ereignisse in den letzten Jahren, vor allem aber in den letzten Monaten ist er mir wieder eingefallen. Ich meine die politischen Ereignisse, die Krisen in der ganzen Welt, vor allem aber in Europa, den Terrorismus, die Immigranten, aber auch die Brände, die Vorwand für stupide Maßnahmen werden. In diesem Text wird von der menschlichen Dummheit gesprochen, der Chor singt am Anfang über diesen Blödsinn, der die Wurzel der Probleme darstellt“.

So wurde „Biedermann“ aktualisiert: Eine Europa-Fahne weht an Biedermanns Haus, die EU-Hymne ertönt und ein Stacheldrahtzaun zieht sich um das Haus herum, dahinter die vermeintlich heile Welt mit Gartenzwergen. Da stellt sich der Theaterbesucher berechtigterweise die Frage, ob Biedermann und seine Frau in der Sicht des Regisseurs die heutigen europäischen Bürger sind. Gábor Tompa meint dazu: „Der europäische Bürger muss uns beschäftigen. Ich glaube, wir sind noch keine europäischen Bürger geworden. Wir sind Teil des vereinten Europas, wir sind jedoch nicht richtig vereint. Das Haus, das gefährdet ist, niederzubrennen, ist das gemeinsame Haus Europa. Man kann die Symbolik auf der Familienebene bis hin zur Europaebene anwenden. Selbst im letzten Augenblick kennt Biedermann das Gefühl der Solidarität nicht, sondern ist von Egoismus erfüllt. Er meint: ‚Zum Glück brennt nicht unser Haus, sondern das der Nachbarn‘. Das kann man auf die Familienebene, aber dann auch auf kleine oder große Gemeinschaften übertragen“.

Wie der Regisseur zum Thema Kulturhauptstadt steht und ob Klausenburg oder Temeswar die Nase vorn hat, wollten wir wissen: „Ich will keine Prognosen machen, es gibt auch andere Kandidaten; Frauenbach ist ebenfalls eine interessante Variante. Meiner Meinung nach hat jene Stadt eine Chance, zu gewinnen, die zugibt, dass sie Probleme hat und die bereit ist, darüber zu sprechen. In Klausenburg gibt es die Tendenz zu sagen, wir verdienen den Titel. Es geht aber darum, dass das Erlangen des Titels eine Gelegenheit ist, Probleme zu lösen, die für die Bevölkerung und die Stadt wichtig sind. Zum Beispiel sei in Klausenburg die Segregation der verschiedenen Gruppen zu nennen, ob es nun ethnische oder religiöse Gruppen sind. Wir am Ungarischen Theater versuchen die Menschen z.B. durch das Festival ‚Interferenz‘ zusammenzubringen“.

 

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*