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In Würde begangen: 300 Jahre seit der Befreiung Temeswars

Mittwoch, 27. Juli 2016

Der römisch-katholische Bischof Martin Roos, der Initiator der Ausstellung, und der griechisch-katholische Bischof Alexandru Mesian, beim Rundgang.

Wie ein Abschied von der orientalischen Welt stehen zwei Grabsteine aus der 164-jährigen osmanischen Besatzungszeit beim Eingang in die Ausstellung „Temeswar 1716. Die Anfänge einer europäischen Stadt“. Das Jahr 1716 bedeutet eine Abwendung von einer rückschrittlichen Welt und der Eintritt in die Modernität, die Rückkehr nach Europa und die Wiederbelebung des Christentums im Banat.

So ist der Einzug des Heeres unter Prinz Eugen von Savoyen in die Stadt von großer Bedeutung für die Temeswarer und das Banat. Der Prinz wird heute noch als Befreier bezeichnet, so steht es auch unter einem großen Porträt des Heerführers in großen Buchstaben geschrieben.

Für alle Bewohner der Stadt wie auch für die Touristen, die Temeswar näher kennen lernen und verstehen wollen, ist der Besuch der Ausstellung, die vom Nationalen Museum des Banats und der Römisch-Katholischen Diözese organisiert wurde, ein Muss. Selbst wenn die Stadt eine viel ältere Geschichte hat, ist das Kapitel der letzten 300 Jahre das, woran sie sich am liebsten erinnert. Und das Kapitel, welches das heutige Stadtbild, aber auch den Geist Temeswars wahrscheinlich am dauerhaftesten geprägt hat.

Bei der Vernissage der Ausstellung, die noch bis zum 20. September in der Mansarde der Theresienbastei besucht werden kann, kamen die Vertreter der Kirche und ethnisch-religiösen Gemeinden zusammen, um den Geist der Ökumene und der Interkulturalität der Stadt noch einmal zu unterstreichen.

Der Besucher erhält eine kurze Einsicht in das Stadtleben unter der türkischen Herrschaft: Einige Pfeifen und Kaffeekannen sind symbolisch für die damalige Kultur, es sind aber auch die Worte des osmanischen Reisenden Evlyia Celebi, der die damalige Festung besucht und in seinen Beschreibungen charakterisiert hat. Der Reisende ist beeindruckt von der Festung, die fern vom Zentrum des osmanischen Reiches liegt. Aber die Osmanen waren die Eroberer, die hinzugekommen waren. In Temeswar gab es bereits seit Jahrhunderten Christen und Juden, wie die Exponate dies nachweisen.

Ein weiterer festgehaltener Augenblick in der Geschichte der Stadt ist die Belagerung der Stadt durch die Truppen des Prinzen Eugen und der Sieg und die Vertreibung der Osmanen. Kanonenkugeln sind hier zu sehen und die Pistolen des letzten Paschas von Temeswar, die Lebensgeschichte des Prinzen Eugen von Savoyen sowie Zeichnungen mit Soldaten der kaiserlichen Armee. Ein Film begleitet die Ausstellung. Den Teilnehmern an der Vernissage klingen die Töne der Hymne „O Mater mio, Virgo Maria“ in den Ohren, die im Zelt des Prinzen Eugen von Savoyen erklungen und bei der Vernissage von der Gruppe „Peregrinii“ gespielt worden ist.

Mit dem Doppeladler der Habsburger-Monarchie geht man auf die ersten Jahre der imperialen Administration ein. Hier lernt der Ausstellungsbesucher die Bauten kennen, die heute noch aus jener Zeit stehen, sei es am Domplatz oder am Freiheits-(Parade-)Platz. Es setzt eine rapide Modernisierung und Systematisierung der Stadt ein, auf die präzisen Stadtpläne von damals ist man heute noch stolz in Temeswar. Auch die Kanalisierung und Schiffbarmachung der Bega sind in dieser Periode zu verzeichnen.

Schließlich geht man auf das religiöse Leben in der Stadt ein: Der konsistenteste Teil der Ausstellung ist eben dem geistlichen Leben in Temeswar nach 1716 gewidmet: Da stehen Monstranzen aus römisch-katholischen Kirchen neben Ikonen aus serbisch-orthodoxen Kirchen oder Ikonen vom Kloster in Partoş, das wiederum für die Rumänisch-Orthodoxen eine große Bedeutung hat.

Das Schönste an der Ausstellung ist, dass sich so viele Institutionen die Hand gereicht haben, um einen für alle Temeswarer wichtigen Augenblick zu würdigen: Die Ausstellung ist mit der Unterstützung folgender Institutionen zustande gekommen, wie aus der Pressemitteilung des römisch-katholischen bischöflichen Ordinariats hervorgeht: der Kreisrat Temesch, die Stadtverwaltung Temeswar, das Serbisch-Orthodoxe Bistum, die Banater rumänisch-orthodoxe Metropolie, die Kreisfiliale Temesch des Rumänischen Nationalarchivs, die Kreisbibliothek Sorin Titel, das mit Rom unierte Bistum Lugosch (griechisch-katolisch), der Sender TVR Temeswar, das Kulturhaus der Stadt Temeswar, die Landsmannschaft der Banater Schwaben, die Union der Serben aus Rumänien, das Hilfswerk der Banater Schwaben und die Jüdische Gemeinde Temeswar. Als Berater wirkten die Historikerin Rodica Vârtaciu, der Architekt und Architekturfotograf Mihai Botescu sowie der Schriftsteller und Folklorist Stevan Bugarski.

Die Ausstellung kann noch bis zum 20. September in der Theresienbastei besichtigt werden (dienstags bis sonntags, zwischen 10 und 20 Uhr). Ab den 12. Oktober wird die Ausstellung (bis zum 10. Dezember) beim Römisch-Katholischen Bistum in der Augustin-Pacha-Straße Nr. 4 untergebracht sein. Dann gibt es dazu auch den umfangreichen Ausstellungskatalog, der ein Grundstein für die Banatforschung werden könnte.

 

 

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