Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Mit Möbeln, Gemälden und Installation: „Städtisches Barock“ im Kunstmuseum

Montag, 01. August 2016

So edel darf es vor einigen Jahrhunderten in Schlössern am Tisch ausgesehen haben. Für die Ausstellung „Städtisches Barock: Vom Barock zum Neo-Barock“ haben die Angestellten des Museums mit mehreren Sammlern und Gegenwartskünstlern gearbeitet.

Die Besucher des Kunstmuseums Temeswar fanden bei der Vernissage der neuesten Ausstellung einen riesigen Tisch nach allen Regeln der Etikette der Barock-Zeit gedeckt, als sie die Räumlichkeiten betraten: Mit feinstem Meißner-Porzellan, Silberbesteck und schneeweißer Tischdecke, mit einem Fasan in der Mitte, von den Wänden schaute Eugen von Savoyen streng auf die Gesellschaft – das Gemälde stammt von Pieter van Gunst und gehört der Andrei-Herczeg-Kollektion an.

Ein Pilotprojekt unter dem Titel „Städtisches Barock: Vom Barock zum Neo-Barock“ haben das Kunstmuseum Temeswar und die Stiftung Herczeg gestartet. Es handelt sich dabei um eine komplexe Karte des Barocks angefangen mit der Kollektion des Kunstmuseums sowie mit Exponaten aus der privaten Kollektion der Familie Herczeg über die Gemälde des Temeswarer Gegenwartskünstlers Gheorghe Fikl bis zu einer Projektion eines möglichen Barocks der Zukunft, in einem sogenannten „Dark Room Experimentarium“. Das Konzept für diese Schwarzkammer lieferte die französische Künstlerin Josepha Blanchet. Temeswar hat sich spät an das Barock orientiert, die 164 Jahre osmanische Besetzungszeit sind daran schuld. Aber vieles in der Stadtarchitektur erinnert noch heute an diesen Stil.

Zusammengewürfelt und doch zusammenhängend sind die fünf Räume, die der Ausstellung gewidmet sind, mit vier Schwerpunkten: Die ersten beiden Räume bieten eine Einweihung in das Leben im barocken beziehungsweise neobarocken Stil – ob es sich um einen Empfangssaal in einem Schloss handelt oder einen eigens zum Teegenuss eingerichteten Raum.

Das Barock bedeutet Prunk, bedeutet Feinheit bis ins Detail und so staunt der Betrachter immer noch, wenn er vor einem reich verzierten, aus einer niederländischen Werkstatt stammenden Schrank im neo-barocken Stil aus dem 19. Jahrhundert steht.

Im Empfangssaal vor dem reich gedeckten Tisch sind wohl viele Besucher überwältigt, die meisten Exponate stammen aus den Kollektionen des Museums, aber auch Sammler haben mit Objekten zur Schaffung einer besonderen Atmosphäre beigetragen: so Thomas Remus Mochnacs, Andrei Herczeg oder Virgil Feier.

Abgerundet wird die visuelle Erfahrung von zwei Räumen, die der Kunst des Temeswarers Gheorghe Fikl gewidmet ist, die aus dem Barock ihre Wurzeln zieht. Digitale Kunst in einem Raum, riesengroße Gemälde in dem anderen: „ein Barock der Gegenwart“, so nannte Victor Neumann, der Direktor des Kunstmuseums dieses Erlebnis. Symbolische Kontraste zwischen barocken Kirchenaltären und aggressiven Stieren, viel Rot, wenig Licht. Einen Schlüssel für das Entziffern von Fikls Kunst wollten die Redner nicht bieten. Es ist jedoch eine Kunst, die auf den Betrachter wirkt: zum Nachdenken, zum Entschlüsseln. Aggressiv, opulent, zuweilen auch kitschig.

Im letzten Raum dann eine Video-Installation: Die französische Künstlerin Josepha Blanchet führt den Besucher mit „Spitze“ in ein Barock der Zukunft ein. Ein Schleier aus schwarzer Spitze wird einer Frau um die Augen gewickelt; die Frau ist nackt, umso mehr sticht der Schleier hervor. Die Installation soll eine moderne Frau vor Augen führen, die unfähig ist, der brutalen Gesellschaft standzuhalten.

Mit dem Projekt „Städtisches Barock“ schlägt das Kunstmuseum ein Konzept der Synergien der Künste vor und will zugleich die kulturelle Dimension der Stadt hervorheben und Temeswar im Wettbewerb für den Titel einer Kulturhauptstadt Europas 2021 unterstützen.

Die Ausstellung kann bis zum 23. September besucht werden.

 

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