Unser Kandidat: Temeswar – Kulturhauptstadt Europas 2021

Alternative Theaterproduktionen – eine Chance für Künstler und Publikum

Mittwoch, 17. August 2016

Gut in Szene gesetzt: Auch bei der Pressekonferenz hielt sich der Schauspieler – Regisseur – Bühnenbildner Romeo Ioan (rechts) an die Farben der Vorstellung.

Romeo Ioan trägt rote Turnschuhe und ein weißes Hemd und hockt auf der kleinen Bühne, im Saal sind drei Journalistinnen und ein Fotograf. Er hat alles perfekt in Szene gesetzt, auch die Bühne im „Electric Theatre“ hält sich in Schwarz und die Plakate für die nächste Premiere sind schwarz, rot und weiß. Romeo hockt, er wollte nicht stehen oder gar auf einem Stuhl sitzen, von der Bühne aus wäre er höher als seine Gäste. Er sucht die Nähe und will nicht „von oben“ sprechen.

Vorher hatten wir uns bei einem Glas Wasser unterhalten – in der Hitze ist nichts anderes genießbar. Es ging um die Medien, vieles hatte sich geändert. Eine Pressekonferenz sei heute nicht einmal bei den großen Theatern üblich, meint Simona. Die Journalisten haben heute kaum Zeit dafür, große Redaktionen haben abgebaut. Die Journalisten sind Allrounder, hetzen von den kulturellen Events zu den politischen oder wirtschaftlichen. Das war früher nicht so. Sie habe damals noch Theaterkritik geschrieben. Auch die Medienlandschaft hat sich stark geändert, die Redaktionen sind geschrumpft. Bei den Onlinemedien soll es schnell gehen, wenn möglich gleichzeitig mit dem Geschehen sollte der Bericht kommen. Daher ist es wie ein Bild aus einer anderen Zeit, als die Journalistinnen Notizbücher und Kugelschreiber zücken und sich nicht gleich vergewissern wollen, dass ihr Laptop am Internet angeschlossen ist.

Romeo meint, er braucht die Nähe zu den Menschen. Deshalb hat er auch persönlich bei jedem Journalisten angerufen, der auch auf der Liste des Nationaltheaters gestanden hat. Und sie alle persönlich eingeladen, um über sein Projekt zu sprechen, die Premiere des Stückes „Der schlechtgefesselte Prometheus“ nach André Gide. Das Projekt eines freien Theaterensembles, das ebenfalls noch als Projekt zu sehen ist.

Drei Journalistinnen, die auf eine langjährige Erfahrung schauen können, haben der Einladung Folge geleistet. Simona erinnert sich noch an die Pressekonferenz, in der Romeo vorgestellt wurde. Es war der Regisseur Ioan Ieremia, der Romeo als eine Hoffnung des Rumänischen Nationaltheaters in Temeswar präsentiert hat. Romeo hatte damals gesagt, er habe Zeit. Auch jetzt will er sich Zeit lassen, mit dem Theaterensemble, das heißt nicht, dass er keine Pläne hat, aber dass er alles durchgekaut und verdaut wissen will. Das Ensemble soll natürlich wachsen. Das ist heute, wenn alle nur auf Tempo setzen, eine sehr ungewöhnliche Blickweise. Romeo aber genießt jeden Augenblick, in dem er sich mit seinem Projekt beschäftigt. So etwas wie eine Kultur des Genießens im heutigen Arbeitsleben will erst wiedergefunden oder erfunden werden.

Die „Pressekonferenz“ wird eigentlich ein Gespräch mit Romeo Ioan über die Lage des alternativen Theaters in Temeswar und landesweit. Er erzählt, dass er die Glühbirnen selbst gekauft hat. „Ich war zu Fuß einkaufen. Ich liebe es, zu Fuß zu gehen“, meint er. Man vermutet, dass Romeo lächelt. Seine Mundwinkel sind leicht angehoben. Das Bühnenbild ist selbst gebastelt. Es ist Handwerk, es ist Liebe. Es gibt eben heute Produktionen, an denen zig Menschen mitmachen und die Fonds dafür in die Höhe emporschnellen. Und es gibt immer noch das Metier. So etwas wie das gut gemachte Handwerk, für das einst die Zunftmitglieder mit ihrem Namen standen und worauf sie stolz waren.

Romeo zur Seite sitzen drei junge Männer: Nicolae Pârvulescu, Flavius Retea, Nicu Milea. Seine Mitspieler und Mitstreiter in Sachen „alternatives Theater“. Jung. Hoffnungsvoll. Schauspieler oder Schauspielstudenten und Träumer von Beruf. Wie Romeo. Der aber im Vergleich zu ihnen auf eine bereits langjährige Karriere auf der Bühne des Nationaltheaters Temeswar schaut.

Zu den großen Ensembles kommen immer mehr kleine hinzu. Diversifizierung ist im Temeswarer Kulturleben ein frischer Wind, eine Chance für Künstler wie auch für das Publikum. Und wahrscheinlich wird der etwa 50-Plätze-große-Saal im „Electric Theatre“ bei der Premiere voll.

Vormerken: „Der schlechtgefesselte Prometheus“ nach André Gide. Premiere im September. Konzept: Romeo Ioan. Es wirken mit: Nicolae Pârvulescu, Flavius Retea, Nicu Milea und Romeo Ioan. Eine Aufführung in Weiß, Rot, Schwarz. Karten bei „Electric Theatre“ reservieren. Auf Facebook.

 

 

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