„Unser wichtigstes Ziel ist, die Qualität des Kulturlebens zu steigern“

ADZ-Gespräch mit Dr. Valer Rus, Leiter des Museums „Casa Mureşenilor“ und Mitglied des Kulturkonsortiums „Corona“

Mittwoch, 01. April 2015

Den multikulturellen Charakter von Kronstadt hervorzuheben, den Lokalbehörden in Kulturfragen beratend zur Seite zu stehen und Chancengleichheit für den Zugang zur Kultur zu sichern, sind einige der Ziele des Kulturkonsortiums „Corona“ – ein in Rumänien einzigartiger Verein, der aus öffentlichen Institutionen und NGOs besteht und im April 2014 gegründet wurde. Über das Kulturangebot der Stadt, die Probleme, mit denen die Kulturorganisationen konfrontiert werden, und über die Chancen, dass Kronstadt 2021 zur europäischen Kulturhauptstadt wird, sprach mit Dr. Valer Rus ADZ-Redakteurin Elise Wilk


Herr Rus, nächste Woche feiert das Corona-Konsortium ein Jahr seit seinem Bestehen. Woher stammt die Initiative für die Gründung der Organisation?

Zwei Jahre, bevor das Konsortium offiziell gegründet wurde, haben die ersten Treffen stattgefunden. Die Initiative kam von der Evangelischen Kirche A.B. Kronstadt. Auf Einladung des Stadtpfarrers Christian Plajer trafen sich zur Monatsmitte – es war meist ein Mittwoch – die Vertreter der wichtigsten Kulturorganisationen und NGOs der Stadt. Man wünschte sich eine bessere Koordination untereinander, u. a. dass sich Termine nicht überlagern. Nachdem Vertreter des Bürgermeisteramts angefangen haben, zu den Sitzungen zu kommen, entstand der erste monatliche Kulturkalender für Kronstadt. Dieses Dokument existiert seit fast zwei Jahren – im elektronischen Format und als Plakat. Bei einer dieser informellen Sitzungen kam die Idee der Gründung des Konsortiums.

Das Verfahren hat etwa sechs Monate gedauert. Anfang April 2014 wurde der Verein endlich gegründet. Die 11 Gründungsmitglieder sind: Die Evangelische Kirche A.B Kronstadt, die „Transilvania“-Universität, die Kreisbibliothek „George Bariţiu“, das Kunstmuseum, das Ethnografische Museum, das Museum „Casa Mureşenilor“, das Dramentheater „Sică Alexandrescu“, die Stiftung „Forum Arte“, der Kulturverein „KunStadt“, das Puppentheater „Arlechino“ und die Agentur für nachhaltige Entwicklung des Kreises Kronstadt.

Vor einem Jahr erklärten Sie, das Kulturkonsortium möchte wie ein „Kulturministerium vor Ort“ agieren, also auch Geldfonds für Kulturprojekte zur Verfügung stellen, die nach einem Wettbewerb vergeben werden sollen. Was hat sich in diesem Sinn getan?

Wie man weiß, gibt es diesen Finanzierungsmechanismus durch Projektwettbewerbe schon vor 2014 beim Kronstädter Bürgermeisteramt. Wir sind froh, dass unsere Signale auch beim Kreisrat nicht ohne Echo geblieben sind. Von hier erwarten wir zeitnah eine neue Finanzierungslinie für Kulturprojekte. Es handelt sich um eine Summe, die nicht unbedeutend ist.

Was fehlt der Stadt, Ihrer Meinung nach, in kultureller Hinsicht?

Eine bessere Integration und Koordinierung des Kulturlebens. Ich bin nicht ein Anhänger des Zentralismus, aber die kulturelle Höchstleistung erscheint üblicherweise als Folge einer guten Organisation und Planung. Uns fehlt noch ein sehr notwendiges Dokument, und das ist die langfristige und kurzfristige Kulturstrategie der Stadt. Nachdem dieses Dokument erscheinen wird, müssen sich alle Institutionen daran halten. Natürlich muss es zuerst von der gesamten Kulturgemeinschaft akzeptiert werden. Außerdem müsste mehr Geld für Kultur da sein. Es fehlt uns nicht an Kreativität, sondern an einer Strategie und an Fonds.

Warum existiert in Kronstadt noch kein kulturelles Event von nationaler oder internationaler Wirkung, das Publikum aus anderen Städten oder Ländern nach Kronstadt bringen könnte?

Es gibt ein Kulturevent, das auch kalendarisch gut positioniert ist, aber noch nicht von der gesamten Gemeinschaft angenommen wurde. Das ist der Aufmarsch der Junii-Reiter. Die Veranstaltung könnte der beste Vorwand für die Schaffung des wichtigsten Kulturevents in Kronstadt sein. Der Aufmarsch der Junii-Reiter findet jedes Jahr am ersten Sonntag nach den orthodoxen Ostern statt. Diese Veranstaltung hat auf lokaler Ebene eine große Wirkung und wird sehr gut besucht. Keine andere Stadt aus Rumänien hat so etwas. Ich meine, dass diese Feier keine „künstliche“ Veranstaltung ist, kein Festival. Dass dieses Event nur in Kronstadt „berühmt“ ist, zähle ich zu einem der größten Verluste unserer Gemeinschaft. Ich bin aber überzeugt, dass man in den nächsten Jahren etwas dafür tun wird.

Welches sind zurzeit die größten Probleme der Kulturorganisationen aus Kronstadt?

Es gibt mehrere Arten von Problemen. Das erste und ernsthafteste ist das Personalproblem. Verglichen mit der Einwohnerzahl und der Anzahl der Kulturvereine gibt es in Kronstadt viel zu wenig Leute, die im Kulturbereich arbeiten. Die jungen Leute finden hier keine freie Stelle, ihr Können wird hier nicht verwertet, also ziehen sie in andere Städte oder ins Ausland.

Das zweite Problem ist die chronische Unterfinanzierung der Kultur. Wenn wir die Prozente, die aus dem Lokalbudget für Kultur ausgegeben werden, mit denen aus anderen Städten vergleichen, werden wir bemerken, dass es relativ schlecht um unsere Stadt steht. Das Wirtschaftsmedium impliziert sich auch viel zu wenig ins kulturelle Leben.
Das dritte Problem ist die Infrastruktur. Es gibt sehr wenige Räume, die für kulturelle Aktivitäten geeignet sind. Kronstadt hat ein einziges Museumsgebäude, das den modernen Standards angepasst ist, hier gibt es die wenigsten Kunstgalerien, verglichen mit der Einwohnerzahl, der Opernsaal ist für die heutige Nachfrage viel zu klein.
Das vierte Problem ist, dass die Kommunikation nicht professionell erfolgt. Die Kulturevents haben nicht die gewünschte Sichtbarkeit. Es gibt kaum Online-Werbung, die Plakate sind chaotisch in der Stadt herumgeklebt, es gibt fast gar keine Audio-Video Werbung.

Wie würden Sie das Kulturpublikum in Kronstadt charakterisieren?

Das Publikum ist genau so, wie wir es erzogen haben. Es  ist das Ergebnis der Bemühungen von ganzen Künstler- und Spezialistengenerationen. Wenn unsere Konzerte und Ausstellungen nicht gut sind, gibt es keine Zuschauer oder Besucher. Wenn die Kronstädter Literatur qualitativ nicht gut genug ist, gibt es keine Leser. Meiner Meinung nach ist in Kronstadt die Zahl der sogenannten Kulturverbraucher direkt proportional mit der Qualität des Kulturangebots. Da es zurzeit keine Kulturstrategie gibt, haben wir auch kein Angebot für die Touristen, die nach Kronstadt kommen.

Wann wurde zum letzten Mal eine Umfrage betreffend des Kulturlebens in Kronstadt erstellt?

Ich persönlich habe nie von einer Umfrage gehört. Sie wäre jedoch eine der Hauptelemente für die Schaffung einer Kulturstrategie. Das Konsortium hat das Fehlen dieses Dokuments schon reklamiert. Die Kulturstrategie Kronstadts muss folgende Elemente enthalten: eine Aufzeichnung aller Institutionen und Privatpersonen, die sich mit Kultur beschäftigen, die Befragung des Publikums betreffend der Erwartungen, die sie vom Kulturleben haben, Fokus-Gruppen mit Vertretern aus allen Kulturbereichen. Erst dann werden wir sehen, was fehlt, und Lösungen finden,  um die Wünsche des Publikums zu erfüllen. Das Konsortium hat bis jetzt nur eins der drei Elemente, und zwar die Aufzeichnung der Kulturinstitutionen. Diese Datenbasis wurde den lokalen Behörden zur Verfügung gestellt.  

Im Februar hat das Kulturkonsortium die Gala der Kronstädter Kulturpreise organisiert. Wie hat die Öffentlichkeit auf die Veranstaltung reagiert? Warum braucht Kronstadt so ein Event?

Es war das erste Mal, dass eine Veranstaltung dieser Art in Kronstadt organisiert wurde. Das Publikum hat gut darauf reagiert. Natürlich kann die Erstellung einer Klassifizierung die ruhigen Wasser einer Gemeinschaft trüben. Bei so einem Wettbewerb gibt es immer Gewinner und Verlierer.

Mit dieser Veranstaltung haben wir uns vorgenommen, als erstes die qualitativ sehr guten kulturellen Events und Projekte auszuzeichnen. Als Zweites ist es ein Röntgenbild dessen, was im Vorjahr in Kronstadt auf kultureller Ebene passiert ist. In den nächsten Jahren werden wir sehen, welches die Veranstaltungen sind, die wirklich wertvoll sind und die bleiben, welche Veranstaltungen verschwinden werden, welche Neuigkeiten und welche Richtungen es geben wird. Wir sind stolz darauf, dass wir es als relativ junge Organisation geschafft haben, ein Event zu veranstalten: Nominierungen einzusammeln (Anm. d. Red.: Jede Privatperson oder Organisation aus Kronstadt hatte das Recht zu nominieren), Fundraising für die Preisgelder zu machen, die künstlerischen Momente zwischen den Preisverleihungen zu organisieren.

In den nächsten Jahren wird es sich herausstellen, dass so eine Initiative wichtig für Kronstadt ist.

Welches sind die wichtigsten Errungenschaften des Konsortiums in seinem ersten Jahr?

In unserem ersten Jahr ist viel passiert: viele Sitzungen der Generalversammlung, des Vorstands, Treffen von Entscheidungen, Stellungnahmen in Pressekonferenzen, Gründen von Arbeitsgruppen zusammen mit den lokalen Behörden, Organisation von verschiedenen Veranstaltungen (Lange Nacht der Museen, Lange Nacht der Kunstgalerien, Gala der Kronstädter Kulturpreise).

Wir haben erreicht, dass Institutionen besser zusammenarbeiten.

Zu den Zielen des Konsortiums gehört auch, die Kandidatur Kronstadts als Europäische Kulturhauptstadt 2021 zu fördern. Dafür wird zusammen mit dem Bürgermeisteramt eine Strategie entwickelt. Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Vorteile der Stadt, verglichen mit den anderen Kandidaten? Welches sind die Nachteile?

Zusammen mit dem Kronstädter Bürgermeisteramt sind wir aktiv am Projekt „Kronstadt, europäische Kulturhauptstadt 2021“ beteiligt. Schon bei unseren ersten Diskussionen haben wir die Plus- und Minuspunkte der Stadt identifiziert. Pluspunkte sind die vielen historischen Monumente in der Stadt, die Existenz einer kreativen Industrie, der stark entwickelte Tourismus und die Größe der Stadt. Minuspunkte sind das große Defizit an Humankapital, die chronische Unterfinanzierung der Kultur und das Fehlen einer Strategie.

Welches sind die Zukunftsprojekte des Konsortiums?

Es ist sehr wichtig, dass die Behörden das Konsortium als wichtigen und vertrauenswürdigen Partner wahrnehmen. Bis jetzt haben wir jedes Mal versucht, positiv und so schnell wie möglich auf alle Anfragen zu antworten. Unsere Hauptmission ist, ein Vektor für alle Kulturenergien der Stadt zu sein. Unser wichtigstes Ziel ist, die Qualität des Kulturlebens zu steigern, Kreativität, Kultur und Erziehung auf höchstem Standard zu bieten. Wir arbeiten daran, dass die Kultur gut beworben wird, wir ermutigen die öffentlich-privaten Partnerschaften, arbeiten an der Kulturstrategie der Stadt.

Herr Rus, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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