Unseren Honterus wollen wir uns trotz allem nicht nehmen lassen!

Festansprache („Quellenrede“) von THOMAS ŞINDILARIU anlässlich des Honterusfestes in Pfaffenhofen an der Ilm (Deutschland) am 7. Juli 2013 (I)

Sonntag, 28. Juli 2013

Beim diesjährigen Honterusfest in Pfaffenhofen hielt der Leiter des Archivs der Kronstädter Honterusgemeinde, Thomas Şindilariu, die traditionelle Quellenrede. Foto: Ortwin Götz

Liebe Kronstädter, liebe Kronstädterinnen, liebe Freunde der „Stadt im Osten“, ehe ich beginne, möchte ich die Grüße anbringen, die mir der Vorstand des Ortsverbandes Kronstadt des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien aufgetragen hat. Wir freuen uns, mit ihnen in Verbindung zu stehen und sind für jede Zusammenarbeit offen, sei es hier, sei es in Kronstadt selbst.

Am Nationalfeiertag des kommunistischen Rumäniens, dem 23. August des Jahres 1963, also vor fast genau 50 Jahren trug sich das Folgende zu: nach langem Warten, hatte es eine Kronstädter Familie fast geschafft – sie stand am Rollfeld eines Bukarester Flughafens, um Rumänien für immer zu verlassen.

Der 23. August 1944 markierte den notgedrungenen Frontwechsel des Königreiches Rumänien, weg von Hitlerdeutschland und hin zu Stalins Sowjetunion, obwohl man die Briten oder die Amerikaner bevorzugt hätte. Bis 1989 ist der 23. August unter massiver Verdrehung der historischen Tatsachen im Sinne der Kommunisten Nationalfeiertag gewesen. Er war stets durch organisierte und verpflichtende Freudenbekundungen, der Skandierung von regimekonformen Losungen bei Aufmärschen und Großversammlungen und dergleichen mehr gekennzeichnet, so auch 1963.

Am Rollfeld wartend, hatte der einzige Sohn der Familie, ein Kronstädter Stritzi par excellence im Alter von knapp 13 Jahren, nichts Besseres zu tun, als das Zusammenfallen von Ausreise und Nationalfeiertag, wie folgt auf den Punkt zu bringen: „Stalin şi poporul rus, libertate ne-a adus“ – Stalin und das russische Volk haben uns die Freiheit gebracht – würde diese Losung in freier Übersetzung lauten.

Der 13jährige Peter erntete dafür, was er verdiente: eine saftige Plätsch, zu deutsch Ohrfeige, von seinem Vater. Alles hätte umsonst gewesen sein können, all die beharrlichen Vorsprachen bei Partei und Securitate, das lange Warten, die Ungewissheit und auch die beachtlichen Geldsummen, die von der Verwandtschaft aufgebracht worden sind, um die Familie loszukaufen, einfach alles, was die Existenz der Familie ausmachte, hätte wegen der losen Gosch des Heranwachsenden dahin sein können, wenn seine Worte an die Ohren der allgegenwärtigen Aufpasser der Securitate gelangt wären. Erst wenn man annehmen konnte, dass im Flugzeugtank nicht mehr genug Treibstoff für eine Rückkehr vorhanden war, konnte man langsam Vertrauen dazu fassen, es geschafft zu haben – die Geschichten der von der Securitate in letzter Sekunde aus dem Flieger geholten Auswanderer, waren schließlich in aller Munde…

Die Plätsch war also verdient, zumindest aus der Situation heraus, unrecht hatte Peter aber durchaus nicht! Wir können heute über den Stalin-Spruch nur deswegen lachen, weil ein halbes Jahrhundert seither vergangen ist, weil der Spruch uns, die wir uns nicht mehr nur hier in Deutschland frei versammeln können, in verdrehter Weise recht gibt. Sinnverdrehungen der Wörter kennzeichnen die beiden großen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, den Faschismus/Nationalsozialismus und den Kommunismus in gleicher Weise. Von Demokratie, Recht und Freiheit war da oft die Rede. Die Begriffe gehörten zu den proklamierten Grundwerten der Satellitenstaaten Moskaus im sogenannten „volksdemokratischen“ Gewand.

Demokratie war aber nicht Demokratie, sondern die Herrschaft einer Partei und insbesondere ihres jeweiligen Führers über das Volk. Die Theorie, der zufolge in der Demokratie alle politische Macht vom Volk auszugehen hat, interessierte keinen. Recht war nicht Recht, da die Gesetze statt Rechtssicherheit zu gewährleisten und den Bürger zu schützen, in einer Art und Weise konstruiert waren, die einen ganz anderen Zweck offenbarten. Das dichte und kleinliche Gestrüpp von Geboten und Verboten sollte die Einhaltung des Gesetzes faktisch unmöglich machen und den Bürger dadurch schutzlos machen.

Horrende Strafmaße für die kleinsten Vergehen, die man übrigens nicht einmal begangen haben musste, um hohe Strafen aufgebrummt zu bekommen, führten dazu, dass nicht Recht sondern Willkür herrschten. Das Schicksal der Jugendlichen aus dem Schwarze-Kirche-Prozess von 1958 ist beredtes Beispiel dafür – einer von ihnen wurde im Zeidner Gefängnis vom Wärter gefragt: „Was hast du gemacht?“, „Nichts“, „Was hast du dafür bekommen?“, „Lebenslänglich“, woraufhin der Wärter: „Blödsinn, für Nichts bekommt man 15 Jahre“. Kann der Zynismus, der  Gewaltherrschaften eigen ist, besser auf den Punkt gebracht werden, als durch diesen Dialog? Wohl kaum.

Ohne Gewalt kann keine Ideologie angewandt werden, die gegen den Willen und die Würde der Menschen gerichtet ist, egal wie „menschenfreundlich“ ihre Ideale in der Theorie auch sein mögen. Das alles hatte Peter, und nicht nur er, erkannt und auf den Punkt gebracht. „Stalin şi poporul rus, libertate ne-a adus“. Freiheit war aber nicht Freiheit, sondern für uns zumindest Druck sich zu entscheiden. Entweder sich nach Deutschland in ein nur scheinbar vertrautes „Mutterland“ freikaufen zu lassen oder sich im „Vaterland“ Siebenbürgen möglichst wegducken in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Darum ging es in den rund drei Jahrzehnten nach Peters erkenntnisreicher Aussage – eine „richtige“ Entscheidung konnte es dabei weder im stillen Ringen mit sich selbst noch trotz aller Hitzigkeit, mit der die zugehörigen Debatten in Kronstädter Freundeskreisen oder öffentlich im Westen unter bemerkenswerter Beteiligung von Kronstädtern geführt wurden, nicht geben. Dass dies nicht an uns lag, sondern an den Verhältnissen, an jener Wirksamkeit des Zynismus, können wir erst heute, wo dieser gewichen und auch etwas Zeit vergangen ist, in vollem Umfang erkennen.

Die Entfaltung eines lebendigen Vereinswesens, ehrenamtliches Engagement im Sinne der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft im weitesten Sinne hier in Deutschland ist denn auch nicht allein Ausdruck eines kulturellen Selbstbehauptungswillens, sondern unterstreicht auch den Trotz, den jede aufgezwungene Handlung, in unserem Falle der Druck sich zu entscheiden, hervorrufen muss. Die Ausrichtung des Honterusfestes in Deutschland – heuer bereits zum 27. Mal, wenn ich richtig gezählt habe – Ihre Teilnahme daran ist in meinen Augen auch ein Zeichen des Trotzes gegenüber dem für unsere Kronstädter deutsche Gemeinschaft nicht sonderlich förderlichen Verlauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Vor 168 Jahren feierte das Kronstädter Gymnasium am Ende des Schuljahres 1844/45 seinen 300. Geburtstag, was zum Auftakt eines beachtenswerten Prozesses der Identifikation der Kronstädter mit ihrem Schulbegründer wurde. Die Begeisterung der Epoche des Vormärz für Geschichte, die ganz wesentlich mit ihrer Entdeckung als Quelle für die Stiftung einer gemeinschaftsorientierten Identität zusammenhängt, machten erst die Beachtlichkeit Honters und seines Wirkens in einem europäischen Kontext sichtbar. Man wurde sich dessen gewahr, dass Honterus problemlos eine europäische Gelehrtenlaufbahn hätte beschreiten können – seine auf Handlichkeit und strukturierten Aufbau statt auf effekthaschende Gelehrigkeit bedachten Handbücher, denn als solches ist sein Werk in erster Linie zu verstehen, legen beredtes Zeugnis hiervon ab.

Dasselbe gilt für seine Holzschnitte, die ihn als sachkundigen Geographen aber auch als begnadeten Grafiker in Erscheinung treten lassen. Diesen Perspektiven und seinem Potenzial zum Trotz, ließ sich Honterus vom Kronstädter Stadtrat aus den universitären Zentren Europas 1533 in jene „Stadt im Osten“ locken, über die sich der Humanist Valentin Krauss noch im Jahre 1499, als Honterus also gerade mal ein Jahr alt war, wegen mangelnder Kultur noch bitter beschwert hatte. Er schildert seine Kronstädter „Mitbürger als außerordentlich roh, besonders jene, die weder Deutschland noch sonst ein Ausland besucht hatten“. Es ist Krauss gar unangenehm „unter diesen Mitbürgern zu leben, da sie noch barbarischer sind als die anderen Sachsen“. Kronstadt war demnach zu Beginn des 16. Jahrhunderts alles andere als eine Stätte der Bildung und humanistischer Ideale.

Durchblättert man den ersten Band der Schulmatrikel des Kronstädter akademischen Gymnasiums, der mit dem Jahr 1544 einsetzt, gelangt man schnell zur Feststellung, es hier in puncto Geistesleben mit einem „Who is Who of Transylvania“ zu tun zu haben. Welch eine Entwicklung im Verlauf nicht einmal eines Menschenalters! Freilich hatte Krauss übertrieben und freilich hätte diesen Entwicklungssprung ein Honterus allein nicht bewerkstelligen können.

Der Stadtrat von Kronstadt, allen voran die Stadtrichter Lucas Hirscher, genannt der kleine Lux, Johannes Fuchs, Johannes Benkner und wie sie alle hießen, erkannten oder erahnten zumindest, welchen hohen Wert  Bildung für den Fortbestand ihrer Gemeinschaft in Freiheit und Selbstbestimmung hatte und hat. Daher investierten sie entschlossen in die Schulreform, in die Buchherstellung und, als die politischen Verhältnisse herangereift waren, auch in die religiöse Reformation ihrer Kirche. Sie riefen Honterus nicht nur, sondern sie setzten alles daran, ihn auch zu halten und ihn nicht etwa nach Hermannstadt als Stadtpfarrer ziehen zu lassen.

Ähnliches galt auch für Honters Mitarbeiter und Nachfolger, mit deren Wirken eine grundlegende Erneuerung Kronstadts, des Burzenlandes und des gesamten sächsischen Siedlungsgebietes in Siebenbürgen im Rahmen der Sächsischen Nationsuniversität verbunden ist. Die Rechtsgrundlage dieser Gemeinschaft, was die Kodifizierung des bürgerlichen Rechts anbelangt, das Eigen-Landrecht der Sachsen in Siebenbürgen von 1583, das mit einer Gültigkeit von knapp 300 Jahren eines der langlebigsten in Europa gewesen ist, wurde von der Generation geschaffen, die auf Honters Wirken direkt aufbaute.

(Fortsetzung folgt)

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