Unter dem Zeichen des Segens

Deutung der Biografie von Eginald Schlattner anhand der frühen Erzählung „Odem“

Sonntag, 06. Oktober 2013

Eginald Schlattner
Foto: George Dumitriu

Am 13. September 2013 erfüllte der Pfarrer und Schriftsteller Eginald Schlattner sein 80. Lebensjahr. Der Geburtstag wurde am 22. September, gemeinsam mit Familie und Freunden, auf dem „Flandernhof“ in Thalheim/Daia, nahe Rothberg/Ro{ia bei Hermannstadt/Sibiu festlich begangen. Bei der Feier, die der Hausherr des Anwesens, der Flame Jan de Maere ausgerichtet hat, hielt Bischof emeritus Christoph Klein vor den rund vierzig Gästen einen Vortrag, den wir im Folgenden in stark gekürzter Fassung veröffentlichen.
Die Erzählung „Odem“ wurde im Dezember 1957 vom Staatsverlag in Bukarest unter Vertrag genommen, kurz vor der Verhaftung des Verfassers – damals Student der Hydrologie – durch die Securitate. Gedruckt wurde die Erzählung 2012 im Schiller Verlag, Hermannstadt–Bonn, Herausgeberin ist Michaela Nowotnick, die das  Manuskript im Vorlass des Pfarrers entdeckt hatte.
 
Wir wollen im Folgenden den prägenden Jugenderinnerungen Eginald Schlattners nachgehen, wie sie in seiner Erzählung „Odem“ (von 1957, kritische Edition, herausgegeben von Michaela Nowotnick, Schiller Verlag Hermannstadt-Bonn 2012) bereits als bleibende Lebensthemen aufleuchten. Er packt hier hinein, „was“, wie er sagt, „mir und an mir geschehen ist: Sturz aus der Kindheit, Ausgestoßensein, Unbehaustheit,  Todesobsessionen“ („Odem“, S. 128). 

Die Handlung kann man gedrängt so zusammenfassen: Ein Jugendlicher aus armseligen Verhältnissen sucht „Erlösung“ in der Liebe zu einem Mädchen, das ihm zwar zugetan ist, ihn aber dennoch „vertröstet“. Die junge Elisabeth erwägt eine zukünftige Freundschaft nur, wenn er eine schwierige Bewährungsprobe besteht: „Nimm die Schier…, jage den steilsten Hang herab. Und dann komm wieder.“ (S.113) Der junge Mann macht sich mit mangelhafter Ausrüstung und mit verletzlichen Lungen auf den Weg zum höchsten Hang des Berges in der Nähe der Stadt: „Hier herab musste der Mensch, wollte er das Mädchen erringen“ (S.116). Er lässt sich mit seinen Schiern in rasender Fahrt in den Abgrund ziehen. „Atemlos“ sucht er vergebens „Luft in die Lungen zu saugen“.

Die Lungen zerspringen; angekommen, erstickt er (S.118). Diese Geschichte könnte als Metapher für das Leben des Menschen gelten: Der Mensch, der mit aller Kraft Erlösung durch den Menschen sucht, stürzt aus der Höhe seiner Lebensziele in die Tiefe des Todes. „Niemals kann der Mensch den Menschen erlösen“, heißt es in einem Gespräch (S.117). „Odem“, ist ein altes biblisches Wort für „Atem“, „Luft“, „Geist“, „Leben“. Der Odem weicht von ihm. Der Mensch erstickt in einem Meer von Luft! Wo Erlösung zu finden wäre, bleibt offen. In „Odem“ hat Eginald Schlattner letzte Fragen angesprochen, die sein späteres Werk bestimmen werden.

Es soll versucht werden, diese Fragen anhand einer wenig bekannten, aber wichtigen Schrift Martin Luthers von 1519 zu ordnen und zu verorten: „Vierzehn Tröstungen für Mühselige und Beladene“. Sie ist dem kranken Kurfürsten von Sachsen Friedrich dem Weisen gewidmet. Luther stellt 7 „Übeln“ die 7 „Güter“ gegenüber. Es ist tröstlich, welche „Übel“ Luther anführt, und erstaunlich, wie diese sich in der Erzählung „Odem“ wiederfinden. Man könnte sie die „existenziellen“ Nöte des Menschen nennen, eine Art Vorwegnahme des Existenzialismus bereits bei Luther.

Erstens: Das Übel IN UNS: die Sünde – ein biblischer Ausdruck für das, was theologisch als „ENTFREMDUNG“ von Gott und als Schuld am Nächsten beschrieben wird.

Weiter: Das Übel VOR UNS: die Angst vor der Zukunft, die aus der Angst vor dem Tod kommt, und die TODESANGST, die daraus folgt.

Drittens: Das Übel HINTER UNS: die Nöte und Gefahren im Rückblick auf unser Leben, also die LAST DER VERGANGENHEIT.

Viertens: Das Übel UNTER UNS: Tod und Hölle als Hinweis auf unser AUSGESTOSSENSEIN.

Fünftens: Das Übel ZUR LINKEN: die FEINDE, die da sind, damit wir für sie beten, und die wir doch zu ertragen haben.

Sechstens: Das Übel ZUR RECHTEN: Zu unserer Rechten stehen unsere FREUNDE, sagt Luther, aber sie müssen auch leiden. Zu ihnen gehören die Glaubensväter, die leiden mussten, wie Johannes der Täufer u. a.

Schließlich: Das Übel ÜBER UNS: das Kreuz und der Tod Christi, die Hinweis auf unser Kreuz und unseren Tod sind. Sie lehren uns, dass unser Kreuz und unser Leiden im Vergleich dazu gering sind. Sie wollen uns in unserem Leiden zu Christus führen, zu ihm „fliehen“ (uns flüchten) helfen.

Diesen sieben „existenziellen Nöten“ des Menschen begegnen wir in der Erzählung „Odem“. Eindrücklich dargestellt bei der „Höhenwanderung“ des tödlich verzweifelten Jugendlichen, der immer nur als „der Mensch“ genannt wird, also ein „Jedermann“ ist. Es sind die Probleme des Menschen Eginald Schlattner, von denen er in seinen jungen Jahren bedrängt worden ist, und die ihn – wie er sagt – ein Leben lang begleitet haben. Sie sind in den späteren drei Romanen noch einmal Literatur geworden – als „Erlösungsgeschichten“ von Schuldigwerden und zugefügtem Leid („Der geköpfte Hahn“, „Rote Handschuhe“, „Das Klavier im Nebel“, Paul Zsolnay Verlag, Wien). Und man kann anführen: Der Pfarrer und Autor überwindet die Übel durch die sieben Güter, mit denen Luther tröstet und weiterhilft:

1. Da ist FREMDHEIT und Entfremdung (das Übel IN UNS): „Das eigene Verderben der Sünde“, in der Erzählung als die „große Einsamkeit“ beschrieben, als „merkwürdige Fremde“ (S. 64), als „stille große Einsamkeit“ (S. 77), aber auch als Schuldigwerden an der Liebe.

2. Da ist die ANGST (das Übel VOR UNS): „künftige Nöte“, in „Odem“ beschrieben als „gellende Leere“, in die man zu stürzen meint (S. 93), als „lähmende Nähe einer Bedrohung“ (S. 96).

3. Da ist die NOT und GEFAHR (das Übel HINTER UNS): „frühere Nöte“: die entbehrungsreiche Vergangenheit des jungen Menschen, mitbestimmt durch Armut und die Krankheit – ein Lungenleiden.

4. Da ist das AUSGESTOSSENSEIN (das Übel UNTER UNS), „Tod und Hölle“(S. 128), in der Erzählung empfunden als Außenseiter-Sein, Anderssein (S. 60, 61), Heimatlosigkeit (S. 76).

5. Da sind die FEINDE (das Übel ZUR LINKEN): „die Leiden an den Feinden und Sündern“, für die Hauptfigur in „Odem“ der Chef in seinem Dienst (S. 97f) und der falsche Freund (S. 35).

6. Da sind die FREUNDE (das Übel ZUR RECHTEN): Auch an den Freunden – meint Luther – kann man leiden, wenn sie einem zum Verhängnis werden, wie die Liebe zu dem Mädchen Elisabeth (S. 38, 43, 51, 57, 59, 68, 70, 73), oder noch deutlicher an der Gestalt der verbitterten Mutter. Aber auch das Mitleid mit dem Menschen auf der Straße nimmt ihn her. Andererseits tröstet ihn die Begegnung mit dem Lehrer, der zu dem jungen Mann sagt: „Ich bin alt, aber ich beuge mich in Ehrfurcht vor Ihnen … Bestimmt werden Sie wieder schreiben können. Sie müssen sich gedulden und warten.“ (Eine interessante Vorausschau!)

7. Da ist KREUZ UND TOD (das Übel ÜBER UNS), als Zeichen und Bestand: „Kreuz und Tod Christi“, hier beschrieben als seelische „Todwunde“ (S. 84).

Wir haben hier „Schlüsselerlebnisse“ vor uns, die er selbst nennt: Schuld, Angst, Tod, Liebe, Krankheit, Ausgestoßensein und Feinde; er zieht vor, „Nicht-Freunde“ zu sagen. In den letzten zwanzig Jahren beschäftigt ihn das schwerwiegende Problem „FEINDE“ biografisch und existenziell, aber auch literarisch.

Ausschlaggebend ist, dass es die andere Seite gibt: die „Tröstungen“, die Güter. An diese sollte bei einem Lebensrückblick besonders erinnert werden, also an:

1. Das Gut IN UNS : die „leiblichen Güter“, das sind die Gaben wie Kraft, Gesundheit, Sinnesstärke. Und ebenso die „geistlichen Güter“ wie Glaube, Liebe und Hoffnung. Diese Gaben haben im späteren Leben von Eginald Schlattner und in seinem schriftstellerischen Werk eine erstaunliche Entfaltung erhalten und ihm Erfüllung und nicht zuletzt Bekanntheit und Anerkennung gebracht. Dies ist greifbar im jahrzehntelangen geistlichen Dienst, in der Gefängnisseelsorge, im seelsorgerlichen und diakonischen Einsatz an den vielen Schutzbefohlenen, bei Lesereisen in Europa und in dem „literarischen Tourismus“ nach Rothberg zu Kirche und Pfarrhof, durch seine Vorträge im Ausland, in menschlicher Zuwendung und Weitergabe der biblischen „Tröstungen“. Dies alles hat geholfen, die einstige Fremdheit und das Gefühl des Ausgestoßenseins zu überwinden und ihm neue Menschen und tiefere Bezüge zur Welt nahegebracht.

2. Das Gut VOR UNS: die Überwindung von Angst, auch vor der Zukunft. Luther spricht vom „neuen Leib ohne Leiden und Sünden“. Wobei Tod das Ende des Lebens ist und gleichzeitig den Eingang zum Frieden bedeutet, für Christen der Anfang des Lebens ohne Leiden und Sünde. Eginald Schlattner hat sich häufig mit den „letzten Fragen“, mit dem „ewigen Leben“ beschäftigt, rigoros und redlich nach Antworten gesucht. Somit konnte er als Prediger vielen Hörern weiterhelfen. Und das ebenso durch seine verborgene christliche Botschaft in den drei Romanen.

3. Das Gut HINTER UNS: „die frühere Fürsorge Gottes“, wie Luther sagt. Der Reformator weist darauf hin, dass es dies Staunen des Christen gibt, wenn er auf sein vergangenes Leben zurückblickt, das Erfüllungen, geistlichen Reichtum, ein Leben befreit von Anfechtungen gebracht hat. Das trifft auch auf Eginald Schlattner zu: Als Autor schreibt er in den zwanzig zurückliegenden Jahren in den Romanen „Erlösungsgeschichten“, wenn auch diskret und hintergründig im Wissen um die erfahrene Fürsorge Gottes, von der hier Luther als „Gut hinter uns“ spricht.

4. Das Gut UNTER UNS: Luther spricht von der „Bewahrung vor der Hölle“, in der Sprache unserer Zeit gesagt: vor dem Ausgestoßensein, das durch den Glauben und in der Liebe überwunden wird. Dass es auch Verwerfung, die Hölle, gibt, soll uns hellsichtig machen für das Heil und die Gnade Gottes in unserm Leben, sagt der Reformator. Das wurde auch Eginald Schlattner zum Trost, wie sein schriftstellerisches Werk an vielen Stellen aufzeigt und die Verkündigung als Pfarrer es erweist.

5. Das Gut ZU UNSERER LINKEN: Hier spricht Luther vom „Glück unserer Feinde“, das gewiss eine Anfechtung für den „Angefeindeten“ ist, aber lehren soll, wie viel mehr Gutes der Angefeindete letztendlich  empfangen hat. Wenn Gott schon für die Bösen Gutes tut, wie viel mehr dann für seine Freunde. Die Widersacher müssen uns zum Heil dienen. Joseph sagt seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen“ (1. Mose 50,20). Feinde sind eine Anfechtung, aber gerade in der Anfechtung wachsen wir im Glauben, sagt Luther. Das wöchentliche Gebet für diese, die unter ihm gelitten haben und an ihm leiden, ist eine tröstliche Lebenserfahrung von Eginald Schlattner.

6. Das Gut ZUR RECHTEN: Das sind für Luther unsere Freunde, ja die Geschwister im Glauben. An ihnen erblicken wir das Heil und den Trost Gottes. Hier verwirklicht sich das neutestamentliche „Einer trage des andern Last!“ (Gal. 6, 2). Und Luther sagt darüber in Anlehnung an 2. Könige 6,16 weiter: „Denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind!“ Wie sehr gilt das auch von Eginald Schlattner, der Feinde hatte und hat, aber viel mehr Freunde, ja Verehrer und solche, die dankbar sind für das, was sie von ihm für ihr Leben gerade auch durch seine literarischen Werke mitbekommen haben wie auch in der Seelsorge.

7. Das Gut ÜBER UNS: Das ist für Luther der auferstandene Christus, das Zeichen an sich. Und das ist bei Eginald Schlattner ein Glaubensgedanke, den er immer wieder ausführt, wenn er seine Kirche und ihren Altar in Rothberg vorstellt: Christus hat dem Tode die Macht genommen, der Engel schwenkt siegreich die Dornenkrone und der andere die Siegespalme.

Das Kreuz als Zeichen hat in der Erzählung „Odem“ eine versteckte, aber zentrale Bedeutung, wenn wir es „nicht-religiös“ interpretieren. Es ist hier von einem „GEZEICHNETEN“ die Rede (S. 83), dem man wo immer begegnen kann. Es ist „ein Mensch, todwund, mit aufgerissenen Herzadern“ (S. 82). Wobei sich die Frage stellt, ob man ihm helfen kann. Hier leuchtet früh DAS Lebensthema des Autors auf: „der GEZEICHNETE“. Aber entscheidend ist der Gedanke des HELFENS und des Einstehens für diese.

Das Leben und Wirken von Eginald Schlattner zeigt, dass durch Gott dieses Gezeichnetsein zum Segenszeichen geworden ist, vordringlich in der Gabe der Tröstungen: im geistlichen Dienst, im Gefängnis, durch Diakonie und Seelsorge. Und nicht zuletzt durch sein literarisches Werk – bis hin zu vielen geistlichen Botschaften.

Diese Feier könnte auch als „Kennzeichnung“ dessen gedacht sein, was Gott durch seine Güte und Gnade Eginald Schlattner als „Zeichen des Kreuzes“ auferlegt und doch als „Zeichen des Segens“ bis heute geschenkt hat.

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