Unter der Erde auf dem Wasser

Der größte unterirdische See Europas unweit von Wien

Freitag, 10. Oktober 2014

Die Seegrotte ist eines der Top-Ausflugsziele Niederösterreichs.

Alte Bergmannsutensilien erinnern an die Zeit, als noch Gips abgebaut wurde.
Fotos: Ralf Sudrigian

Wir befinden uns 60 Meter unter der Erde und steigen von einem bequemen Anlegesteg in ein breites, für 26 Personen gedachtes Elektroboot. Doch es handelt sich hierbei nicht um eine waghalsige Expedition – sondern um den Höhepunkt eines rund 45 Minuten langen Spaziergangs mit Führung durch die Seegrotte bei Hinterbrühl.

Um an diesem besonderen Erlebnis teilzuhaben, muss man nicht nur als Erwachsener 10 Euro zahlen, sondern zunächst die Seegrotte auch finden. Sie wird zwar als „Top-Ausflugsziel Niederösterreichs“ geführt und jährlich von rund 250.000 Touristen besucht, aber wenn man mit dem Zug anreist, muss man sich vorher ein wenig informiert haben, um ohne viel Herumfragen vom Bahnhof Mödling in die korrekte Richtung weiterzufahren. Denn an diesem Bahnhof, rund 17 Kilometer südlich von Wien, gibt es keine Werbung oder Hinweise, die weiterhelfen.

Also heißt es zunächst, auf den Bus 364  warten, einsteigen und die Haltestelle „Seegrotte“ nicht verpassen. Nach ungefähr  einer Viertelstunde Fahrzeit ist man da und kann sich auf die Erkundung der Unterwelt freuen. Dies geschieht in Gruppen von maximal 50 Personen und unter Anleitung eines Führers in Bergmannsuniform. Dafür muss man nicht besonders dick angezogen sein – die Lufttemperatur liegt das ganze Jahr über konstant bei neun Grad Celsius. Die Höhle ist als Schaubergwerk schon seit 1932 eingerichtet. Sie ist elektrifiziert und auch für Kinder oder ältere Personen problemlos begehbar.

Die Seegrotte im Wienerwald

Die Geschichte der heutigen „Seegrotte“ beginnt im Revolutionsjahr 1848, als ein Müller einen Brunnen bohren wollte, aber bald auf Gips stieß. Jahrzehntelang wurde der Gips abgebaut, zerstampft, vermahlen und als Düngegips verkauft, für den in diesem Weinbaugebiet bis zum Siegeszug des Kunstdüngers große Nachfrage herrschte. Bis zu 80 Bergarbeiter brachten jeden Tag mit Hilfe von Pferden zwei-drei Förderwagen (Hunte genannt) mit Gips ans Tageslicht. Diese Etappe des Abbaus ist gut dargestellt in einem kleinen Museum mit Bergmannswerkzeug, Grubenlampen und anderer Ausrüstung.

Beim Eingang legt man zunächst rund 200 Meter in einem gut doppelt so langen  Förderstollen zurück, der geradlinig leicht ins Berginnere ansteigt. Dabei erklärt der Führer vor mehreren Kammern und Nischen, die links und rechts liegen, wie damals gearbeitet wurde. In einer Kammer sieht man die Darstellung eines Bergarbeiters bei der Arbeit, mit Schubkarren und Hammer, wie vor mehr als hundert Jahren. Etwas weiter liegt ein Stollen, der als Pferdestall diente. Die Pferde trieben eine Hebeanlage (Göpel) im Gang an, welche die Förderwagen aus der Tiefe heraufzog. Ihr Schicksal war traurig: Sie sahen niemals das Tageslicht, weil sie ständig im unterirdischen Pferdestall blieben – manchmal 20 Jahre lang, sodass sie bald erblindeten oder blind gemacht wurden, um im Dunkeln nicht scheu zu werden, erklärt der Führer.

Des weiteren gibt es noch eine Rastkammer, sowie eine Kapelle der heiligen Barbara, Schutzpatronen aller Bergleute. Hier gedachte man auch der verunglückten Kameraden.

Eine ungewöhnliche Bootsfahrt

Die rund zehn Minuten dauernde Bootsrundfahrt erfolgt auf einem See in der unteren Etage, zu der man in einem leicht geneigten Schrägschacht hinuntersteigt. Der See hat eine Fläche von 6200 Quadratmetern, umfasst 20 Millionen Liter Wasser und wird von sieben Quellen gespeist. Es gibt keinen natürlichen Abfluss, sodass täglich rund 50 bis 60 Tausend Liter abgepumpt werden müssen, um einen konstanten Wasserpegel von 1,2 Metern zu erhalten. Das geschieht aber nur in der Nacht. Während der  Bootsfahrt ist es faszinierend ruhig, geheimnisvoll, wobei nur eine eigens hierfür komponierte musikalische Untermalung und kaum bemerkbares Quellenrieseln zu hören sind.

Etwas von dieser einzigartigen Stimmung gibt das dazu passende Zitat der Infobroschüre wieder: „Klotzige Felspfeiler teilen die Wasserfläche, zwischen ihnen öffnen sich Durchblicke in Seitengänge, die hinter kulissenartigen Felsreihen in der Bergestiefe silbrig schimmern. Der Blick auf den Seegrund und Spiegelungen der weit gespannten Deckenwölbungen greifen verwirrend ineinander. In rascher Folge wechseln die Bilder. Hier leuchtet eine breite dunkelrote Ader aus dem düsteren Blaugrau des Gesteins auf, da ermöglichen Unterwasserlampen einen Blick in die Tiefe eines Schachtes, dort wieder wächst eine massige Mauerung mit ihrem Spiegelbild zu einem Bau zusammen, der in seiner kalten Starrheit das Portal zum Hades sein könnte.“

Dieser größte Untersee Europas entstand 1912, als durch eine Sprengung der Weg für eine Quelle und eine riesige Wasseransammlung unwillkürlich freigelegt wurde. Das bedeutete auch das Ende des Gipsabbaus. Nach zwei Jahrzehnten, dank dem Verdienst des Landesvereins für Höhlenkunde in Niederösterreich und des Besitzers, Komm.-Rat Friedrich Fischer, begann die neue beeindruckende Geschichte als Schaubergwerk. Allerdings mit einer traurigen Zwischenetappe: Im letzten Kriegsjahr wurde das Bergwerk beschlagnahmt und von der Firma Heinkel AG zu einem Rüstungsbetrieb ausgebaut.

Der See wurde ganz ausgepumpt und durch ständiges Pumpen trocken gehalten; der Seeboden wurde zu einer ebenen Fläche betoniert. Rund 2000 Arbeiter  – viele von ihnen im Zwangsdienst – mussten hier die Rumpfteile des Düsenjägers He 162 „Salamander“ herstellen, die dann in Schwechat zusammengebaut wurden. Gegen Kriegsende wurde versucht, die Flugzeugfabrik durch Sprengung zu zerstören, um sie nicht in die Hände der sich Wien nähernden Roten Armee fallen zu lassen. Sieben Bomben explodierten im oberen Teil – die Spuren der Zerstörungen konnten erst 1949 vollständig beseitigt werden, als das Schaubergwerk wieder eröffnet wurde. Flugzeugteile und ein kleines Düsenjägermodell sind während der Führung zu sehen. Auch von einem anderen Unglück blieb die Seegrotte nicht verschont: Vor zehn Jahren am Pfingstmontag kenterte das Touristenboot und vier Besucher ertranken im See, da sie sich nicht rechtzeitig aus dem über sie gekippten Boot befreien konnten.

Großer Beliebtheit erfreute sich die Seegrotte 2012 durch die Aufführung des Musicals „Der Mann von La Mancha“  im Festsaal anlässlich des 80. Eröffnungsjubiläums. In diesem Jahr wurde dort eine Kurzfassung des „Faust“ aufgeführt. Die Seegrotte konnte auch als Filmkulisse nicht übersehen werden: 1993 wurden vom „Walt Disney“-Studio einige Szenen des Spielfilms „Die drei Musketiere“ dort gedreht, und zwar jene, die das Elend in den Verließen der Pariser Bastille darstellten.

Bevor das Boot nach seiner kurzen, aber an Eindrücken reichen Rundfahrt wieder anlegt, leuchtet an einer Tafel folgender Gruß und Dank auf: „Die Besichtigung ist hier aus/ Danke für Ihren Applaus!/ Ihr Führer ist voll Dankbarkeit/ Bekommt er eine Kleinigkeit.“ Der Führer, ein junger Mann chinesischer Abstammung, der seinen Job auf Deutsch und Englisch mit viel Können, Hingabe und auch Geduld gemacht hatte, hält seine Bergmannsschildkappe für kleine Spenden auf und dankt höflich. Die Gruppe kehrt allein zum Eingang zurück, wobei man im Festsaal noch ein wenig verweilen und Fotos machen kann. Draußen warten schon neue Besucher –  Schulklassen, Ausländer, Behinderte mit Begleiter, Reisebus-Gruppen  – auf ihren Eintritt: Wo kann man schon eine Höhle, einen See für eine Bootsrundfahrt und ein Bergbaumuseum gleichzeitig antreffen?

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